Kultur

Bob Dylan zeigte in Salzburg seine zärtliche Seite

The Other Side Of Bob Dylan" heißt eine Platte der amerikanischen Musiklegende. Schon 1964, beim Erscheinen des Albums, warnte die Plattenfirma Käufer vor der Mehrdimensionalität des Künstlers. Mit dieser haben Konzertbesucher, die sich einen angestaubt-sentimentalen Folkabend mit akustischer Gitarre erwarten, bis heute Probleme. Am Samstag in der Salzburgarena musste sich niemand vor schwierigen Neukonstruktionen des Liedguts fürchten, denn Dylan gab sich von einer überraschend zärtlichen Seite, spielte einen wunderschönen Auftritt, den er mit einer atemberaubenden Version von "Highway 61" für die Ewigkeit krönt.

Warme Töne - facettenreiche Stimme

Präsentierte sich der Meister noch im November vergangenen Jahres in Innsbruck schräg und radikal, prägten am Samstag sehr warme Töne die Darbietung, die deswegen nicht weniger intensiv und ergreifend ausfiel. Mit einem beschwingten Blues, "Watching The Rivers Flow", eröffnete Dylan seine Show. Die Nummer, 1971 als Single veröffentlicht und dann auf diversen Greatest-Hits-Kopplungen verbraten, handelt - zumindest meinen das Kritiker - von der damaligen Sehnsucht des Liederschreibers, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Den Text hauchte Dylan anno 2012 mit versöhnlichem Unterton, als hätte er sich längst mit seinem Status abgefunden.

Das folgende "Don`t Think Twice, It`s All Right" klang beinahe traditionell, allerdings weniger nach bissiger Abrechnung wie im Original, sondern mehr wie ein altersweiser Rückblick auf eine turbulente Trennung, über die man nach vielen Jahren milde lächelt (was Dylan übrigens im Laufe des Abends unerhört oft wirklich tat). Zu "Things Have Changed" trat Dylan vom Klavier, das er meisterlich beherrscht und auf dem er sich ebenso wie auf der Harmonika mehrmals zu recht bejubelte "Duelle" mit seinen Gitarristen lieferte, an den Mikrofonständer und schmachtete herzzerreißend wie ein Crooner in einer verrauchten Spelunke. Und Dylan tänzelte - vorbei die Zeiten, als er sich 90 Minuten hinter dem Tasteninstrument versteckte. Nur viel später, bei "Ballad Of A Thin Man", spuckte der Mann aus Minnesota Gift und Galle.
Es war einfach zum Niederknien wie zu "Tweedle Dee & Tweedle Dum" Rockabilly-Gitarren fetzten oder bei "Ballad Of Hollies Brown" ein Banjo den Song mit Country-Rhythmen antrieb. Das muss man natürlich auch der fantastischen Band anrechnen - inklusive des cool wirkenden, jedoch ungeheuer emotionsreich spielenden Gitarristen Charlie Sexton und des genialen Bassisten Tony Garnier, seit 1989 an Dylans Seite.

Ach ja: Bob Dylan soll nicht mehr singen können? Man muss nur zuhören: Eben etwa bei "Ballad Of Hollies Brown", wo er mehrere Facetten seiner Stimme fabelhaft ineinanderschwimmen ließ. Der Groove, die Leidenschaft und die Atmosphäre von "Highway 61" stellte allerdings in der Mozartstadt alles in den Schatten, da verschmolz alles, was den Künstler so einzigartig macht, in einem Song, der regelrecht abhob.

Die Fans feierten, die Salzburger Sitzplatz-Society schmollte (oder lief davon). Denn beim ersten Takt waren die eingeschworenen Anhänger nach vorne gestürmt. Dass man sich ärgert, wenn einem trotz teurer Karten für die vorderen Reihen die Sicht verstellt wird, ist verständlich. Aber aufstehen und mitschwingen macht eigentlich mehr Spaß als schimpfen. Wo noch dazu Dylan das Tanzen nicht schwer machte: Selbst das finale "Blowin` In The Wind", im Herbst noch sarkastisch und verdreht, kam - von einer Geige getragen - trotz der nach wie vor gültigen ernsten Botschaft recht luftig daher. Möge die "Neverending Tour" tatsächlich nie enden!

Mehr zum Thema

  • Hintergrund

  • Hauptartikel