Kultur

Akademietheater: Keiner kann aus seiner Haut heraus

Bernard-Marie Koltès, 1989 mit nur 41 Jahren an Aids gestorben, macht es dem Publikum nicht einfach. Sein Stück „Kampf des Negers und der Hunde“ ist voller Rätsel. Auch Miloš Lolić vermag sie nicht zu lösen. Mit seiner wuchtigen, auf 90 Minuten verdichteten Inszenierung, die am Dienstag im Akademietheater Premiere hatte, liefert er aber raffinierte Ansätze.

Oberflächlich betrachtet, geht es um Kolonialismus und Ausbeutung. Als Schauplätze nennt Koltès eine Baustelle in Westafrika, durch die ein Fluss fließt – und eine Siedlung der weißen Ingenieure, umgeben von Palisaden und Wachtürmen. Inspiriert worden war der Autor durch eine wahre Begebenheit: „Um nicht einzuschlafen, riefen sich die Wachen nachts merkwürdige Laute zu, die sie mit der Kehle machten.“

Innerhalb des Kreises hätten sich kleinbürgerliche Dramen abgespielt, die auch in Paris passieren könnten. Sein Stück, meinte Koltès, handle jedenfalls nicht von Afrika und den Schwarzen – sondern vielmehr von den Weißen. Konkret von drei Menschen, die in der Fremde ausgesetzt sind. Das erinnert an „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre.

Für die Hölle braucht es keine ausgestaltete Szenerie: Evi Bauer setzt die Schauspieler der weiten, schmucklosen Bühne aus, auf der sich für einige Zeit ein Graben auftun wird. Im Zentrum stehen (auch dank seitlicher Spiegel) auf sich selbst zurückgeworfene Figuren einer Ménage-à-trois: Baustellenleiter Horn hat eine junge Frau, Léone, mitgebracht; er kann aber nicht viel mit ihr anfangen: Er siezt sie und vermeidet jeden Augenkontakt.

Ingenieur Cal hingegen baggert sie an, er wird brutal übergriffig, er ist insgesamt eine üble Figur, sexistisch, rassistisch, gewissenlos. Markus Meyer übertrifft sich geradezu darin, ihn in allen Facetten der Widerwärtigkeit zu zeigen. Horn hingegen wirkt im Vergleich souverän.

Doch Cal hatte die Leiche eines „ Negers“, von ihm erschossen, verschwinden lassen. Und Alboury, ein Wolof, fordert bestimmt die Übergabe. Um die Situation zu beruhigen, überlegt Horn eiskalt, den Leichnam eines anderen, noch zu ermordenden Schwarzen auszuhändigen.

Breitbeinig steht Philipp Hauß auf der Bühne. Er und Meyer schmeißen nur so um sich – mit Geld und mit Würfeln, die dem Zeitvertreib dienen. In hohem Bogen vergießt Hauß zudem Whiskey. Die Verhältnisse haben aus den Figuren unmenschliche Kreaturen gemacht.

Drohnengeschwader

Léone hingegen, strahlend schön, passt nicht ins Bild: Stefanie Dvorak stöckelt im transparenten Cocktailkleid herum. Sie fühlt sich hingezogen zum Beobachter, eben Alboury (Ernest Allan Haußmann). Ihr naiver Antirassismus wird sich jedoch als verkappter Rassismus entpuppen. Keiner kann aus seiner Haut heraus, wie Kostümbildnerin Jelena Miletić mit ihren schweißtreibenden Plastikhäuten vor Augen führt – eine von vielen sinnfälligen Metaphern. Am Horizont steigt zudem die Bedrohung einer neuen Zeit auf: Drohnengeschwader lassen immer wieder an den Film „Apocalypse Now“ denken.

Lolić sind also wieder starke Bilder geglückt. Bloß die Pseudo-Demo gegen die Verwendung des decouvrierenden Wortes „Neger“ im Titel hätte er sich sparen können.