Kolumnen

Chaos de Luxe: Transgender-Dramen in den Tropen

Ein putziger blauer Zug kämpft sich durch das tropische Hochland. Kellner in weißen Leinenuniformen servieren Earl Grey aus dampfenden Silberkannen; die Abteile sind mit dunklem Mahagoni getäfelt, die Sitze aus kakaobraunem Leder. Gleich einer Somerset-Maugham-Fieberfantasie hatte ich mir den Eisenbahntrip durch Sri Lanka vorgestellt ...
Realitycheck: Reservierungen sind für die Goldfische, der Zug ist heillos überfüllt, ich finde gerade noch in der Holzklasse einen Platz. Der Zug fährt so elendslangsam, dass man nahezu genauso gut zu Fuß gehen könnte. Neben mir kuschelt sich ein französisches Pärchen ans Fenster. Es sind zwei Frauen, aber eine der beiden dürfte vom anderen Geschlecht emigriert sein: Ihre Perücke sitzt ein wenig schief, die Poren sind von Bartstoppeln durchzogen. Sie schwächelt. Ich reiche ihr meine Wasserflasche, ihre Begleiterin flüstert: „Mireille ist noch nicht ganz auf der Höhe, sie hatte erst vor wenigen Wochen ihre Geschlechtsumwandlung. Ich heiße Alice.“ Ich nicke ihr so zu, als ob Transgender-Dramen in tropischen Zügen in meinem Leben durchaus nichts Ungewöhnliches wären. Dann fächle ich Mireille Frischluft zu. Sie lächelt dankbar. „Wir waren einmal verheiratet“, flüstert Alice, „aber Jean-Marcs größtes Glück war, in meinen Kleidern kleine Modeschauen in unserem Wohnzimmer zu veranstalten. Ich musste ihn ins Sie-Land gehen lassen. Das macht man für Menschen, die man liebt, oder?“ Ex-Jean-Marc, jetzt Mireille, und Alice befanden sich auf ihrem Prä-Honeymoon, denn sie planen im August wieder zu heiraten. „Schließlich liebt man ja den Menschen und nicht das Geschlecht“, sagt Alice und streichelt die Hand ihrer zukünftigen Frau. Das war ein Prachtexempel jener bedingungslosen Liebe, von der man immer wieder liest. Ich begann aus Rührung zu weinen und schon hatte ich eine Hochzeitseinladung nach Montpellier.

„Nymphen in Not“ am 11. 2. (Burg Perchtoldsdorf) & 14.2. ( Schloß Kottingbrunn)

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