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Frauen in schmuddeligen Absteigen, die Morgenmäntel nachlässig geöffnet, die Negligées verrutscht. Aufgehakte BHs, hochgerutschte Röcke, gespreizte Beine. Ein klassisch männlicher Blick auf das schwache Geschlecht, voyeuristisch, begehrlich? Nein, hinter den Bildern steckt eine Frau: die französische Fotografin Bettina Rheims. Mit den Aktaufnahmen ihres Buchs "Chambre Close" schaffte sie vor 25 Jahren den Durchbruch, es folgten Liebespaare, Heldinnen, das offizielle Porträt des französischen Präsidenten Jacques Chirac, ein Riesenskandal mit Jesus als Frau, unzählige Ausstellungen und Preise. Jetzt hat sie persönlich 500 Bilder für eine große Retrospektive im Pariser "Maison Européenne de la Photographie" ausgewählt. Wer’s bis 27. März nicht in die Metropole an der Seine schafft, für den gibt’s den gesamten Ausstellungskatalog auch als Prachtband fürs Bücherregal.

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Die Sache mit dem "männlichen Blick" dementiert die mittlerweile 63-jährige Starfotografin übrigens vehement: "Mein Blick auf Frauen ist weder voyeuristisch noch männlich", betont sie. Darüber ließe sich streiten. Fest steht jedenfalls, dass etwas in ihren Bildern mitschwingt, das die Fantasie vieler Männer, auch der bravsten, in Augenblicken, die normalerweise vor der Öffentlichkeit verschlossen bleiben, doch ein wenig zu kitzeln vermag: das Verbotene der Halbwelt, die flüchtige Bekanntschaft, das heruntergekommene, kleine Hotel, der Gang über eine schlecht beleuchtete, schmale Treppe, vorbei an fleckigen Tapeten – das Geheimnis hinter der verschlossenen Zimmertür. All das zeigt Rheims in ihren Bildern, ohne es explizit zu zeigen. Die Faszination, die von diesen Frauen auf den fadenscheinigen Decken, in ungemachten Betten und auf abgewetzten Sofas ausgeht, liegt in dem, was man nicht sieht, was gerade geschehen ist oder noch passieren wird. Die Storys, die sie erzählen.
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Nicht umsonst verfasste ihr damaliger Mann Serge Bramly für den legendären "Chambre Close"-Band den Begleittext in der Rolle eines Hobbyfotografen, der von den Damen der Straße besessen ist und sie überredet, für ihn Modell zu stehen. Und natürlich sind auch die halbseidenen Damen nicht aus dem Kontakt-Café nebenan, es sind professionelle Models – oder Superstars wie Madonna, Monica Bellucci, Milla Jovovich.
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"Mir geht es nicht um eine realistische Abbildung. Ich erzähle meinen Modellen Geschichten. Sie spielen diese Geschichten dann wie Schauspieler", erklärt Rheims. "Manchmal verstehen sie nicht, was ich will. Oder sie wollen nicht mit mir spielen. Das ist mir auch schon mit sehr berühmten Leuten passiert. Und dann sage ich: Okay, lassen wir es."Die meisten spielen allerdings mit. "Wenn sie ans Set kommen, sind sie perfekt und schön. Ich muss dann den kleinen Riss finden, der mich einlässt." Und so verwandeln sich die sonst für ihre Makellosigkeit verehrten Modelle vor RheimsKamera in mystische Wesen, furchteinflößend und verlockend, quasi die fleischgewordene Erbsünde. Genau das machte die Fotografin für ihre Fans, darunter nicht nur der ehemalige Präsident Chriac, sondern auch erstaunlich viele Frauen, zur Heldin. Während Tugendwächter gegen sie ins Feld ziehen. Rechtsradikale auch, ihre Deutung von Jesus als Frau (1999) zog in Paris sogar Ausschreitungen nach sich. Für Alice Schwarzer und die Emma-Redaktion ist sie wegen ihrer Frauenfeindlichkeit die meistgehasste Fotografin von allen. Sogar noch vor Helmut Newton, mit dem Rheims befreundet war und von dem sie sehr viel gelernt habe, wie sie sagt. Von Newton gibt es übrigens ein entzückendes Bild mit nackten Beinen und High Heels, das seine Frau, die Fotografin Alice Springs, von ihm gemacht hat.
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Wessen Blick war das nun wieder? Und ist der Blick von Rheims nun männlich oder weiblich, ist er frauenverachtend oder -verstehend? Vielleicht sollten wir einfach aufhören, in Schablonen zu denken. Es sind die Fantasien von Bettina Rheims. Sie hat ein Recht darauf. Und sehr viel Erfolg damit.
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