Leben

Tollkühne Männer und ihre Fliegenden Kisten

Keiner soll sagen, die Menschen in Reno hätten keinen Humor. Biggest Little City in the World steht auf einem Rundbogen, der eine der Hauptverkehrsadern der 225.000-Einwohner-Stadt im Nordwesten des US-Bundestaates Nevada überspannt, also Größte Kleinstadt der Welt. Und damit ist eigentlich bereits alles gesagt. Denn während im großen Las Vegas gut 700 Kilometer südlich die Bäume sprichwörtlich in den Himmel wachsen, jedes neue Hotel-Casino-Resort noch größer und gewaltiger ist als sein Vorgänger und jede Touristenattraktion noch ausgefallener und verrückter zu sein hat, übt man sich in Reno kokett in Bescheidenheit. Zwar dominiert auch hier das legale Glücksspiel die Wirtschaft – bereits am Flughafen warten die ersten Slot Machines, sobald man seinen Flieger verlassen hat – doch geschieht alles ein paar Nummern kleiner. Die Teppichböden in den 24 Stunden geöffneten Casinos sind abgenutzt und fleckig, in den Pfandhäusern rundum liegen keine goldenen Luxusuhren und Perlencolliers, sondern Computerspielkonsolen und Schusswaffen (der 2. Verfassungszusatz wird hier sehr ernst genommen) und wochentags ist in jedem Wal-Mart-Supermarkt mehr Betrieb als in den Glücksspieltempeln der Stadt. Reno ist klein und provinziell und sich dessen bewusst. Nur in einem Punkt ist man Weltspitze: Als Veranstalter des wildesten und gefährlichsten Flugzeugrennens der Welt.
Das Reno Air Race ist bei Flugzeugenthusiasten rund um den Globus Legende. Seit 1964 findet es auf dem Reno Stead Airport, einem ehemaligen Flugplatz der US Air Force statt, keine 20 Autominuten außerhalb der Stadt. Der Airport besteht aus zwei Startbahnen, einem kleinen Abfertigungsgebäude und unzähligen Hangars, in denen die Air Racer ihre Maschinen warten und tunen. 51 Wochen im Jahr interessiert das niemanden sonderlich, doch in der Race Week geht hier die Post ab. Gut 200.000 Menschen kommen an den insgesamt fünf Renntagen hierher. Hinter den großen Open-Air-Tribünen werden unzählige Stände für Fastfood, Race-Merchandising und Flieger-Devotionalien aufgebaut. Hunderte historische Flugzeuge und Helikopter machen das Gelände zu einem gigantischen Freilichtmuseum, während Air Force und Marine Corps aktuelles Fluggerät präsentieren.
Aber das ist alles nur Staffage für den eigentlichen Event: die Rennen. Fünf Tage lang folgt ein Ausscheidungskampf auf den anderen. In insgesamt sechs verschiedenen Klassen fliegen weit über hundert Kontrahenten gegeneinander, und zwar bis zu sieben von ihnen gleichzeitig. Es gilt, einen durch gut zehn Meter hohe Pylonen definierten Rundkurs möglichst als erster zu bewältigen. Je nach Flugzeugklasse sind die Runden dabei kürzer oder länger und müssen mehr oder weniger oft absolviert werden. In der Königsklasse, Unlimited genannt, jagen bis zu 4.000 PS starke Propellermaschinen mit über 700 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit um den 13 Kilometer langen Rundkurs. Sechs Mal in Serie hat ein gerade einmal 28-Jähriger namens Steven Hinton diesen Bewerb zuletzt gewonnen. Und auch eine Jet-Klasse gibt es seit einigen Jahren. Aber trotz Strahltriebwerken sind die Düsenjäger nur marginal schneller als die Turboprops, die oft auf Basis alter Weltkriegsmaschinen aufgebaut sind.

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„Ich arbeite seit 1979 als Pylonenrichter für das Air Race“, erzählt Phil. Der End-Sechziger war früher Polizist, ist aber seit 2001 im Ruhestand. Er steht mit vier Kollegen ein paar Kilometer vom Flugplatz entfernt mitten in der spärlich bewachsenen Wüste bei Pylone Nummer 3. Der Job des Quintetts ist es, darauf zu achten, dass die Piloten einerseits außerhalb der Pylonenmarkierung bleiben und andererseits auch nicht zu tief fliegen, um Unfälle zu vermeiden. An allen Renntagen stehen sie hier, von 8 bis 18 Uhr. Auch wenn das Hochplateau mit dem Flugplatz auf gut 1.500 Meter Seehöhe liegt, brennt die Sonne erbarmungslos herab. Zu Phils Pylonen-Team gehören Eileen („Heuer ist mein erstes Jahr“), Karl („ich bin seit 14 Jahren dabei“), sein Sohn Chase („Dad nimmt mich mit, seit ich zwei Jahre alt bin“) und Mike. Obwohl jünger als Phil, ist er der Race-Senior: „Ich bin seit 35 Jahren dabei“, erzählt Mike. Und als er hört, dass seine Besucher aus Europa kommen, nimmt er die Sonnenbrille ab, zeigt strahlend blaue Augen in seinem kaffeebraunenGesicht und erzählt stolz: „Mein Nachname ist Kraushaar und ich habe deutsch-österreichisch-polnisch-jüdisch-mexikanische Wurzeln. Grüßt die alte Heimat!“
Ehe wir gehen fragen wir Phil, ob es ihn nach so langer Zeit am Boden nicht reizen würde, einmal selbst in einem der Rennflugzeuge zu sitzen. „Nie im Leben – dafür habe ich viel zu viele Menschen sterben gesehen.“ Alleine 14 Piloten sind seit 1979 hier ums Leben gekommen, zuletzt bei einem katastrophalen Crash im Jahr 2011 der 74-jährige Jimmy Leeward, ein Freund von Phil. Er hatte seine Unlimited-Maschine so rücksichtslos auf Leistung getunt, dass sich diese während eines Rennens aufzulösen begann. Das Flugzeug prallte direkt vor der VIP-Tribüne auf den Boden, zehn Besucher starben, weitere 68 wurden schwer verletzt. Seit damals gelten für das Air Race verschärfte Sicherheitsbestimmungen ...
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Mindestens so wichtig wie die Rennen ist das Rahmenprogramm. Das Konzept der Veranstalter lautet, dass sich am Himmel immer etwas tun muss, auch in den Renn-Pausen. Und so stellen Piloten unter dem Namen Tora, Tora, Tora! den Angriff der japanischen Luftwaffe auf Pearl Harbour im Jahr 1941 nach, mit Explosionen und Rauch, aus den Lautsprechern dröhnt Kampfgetümmel und der Platzsprecher wiederholt mehrmals: „Be proud of America, the greatest nation in the world!“ Dem hauptsächlich weißen Publikum gefällt’s, Kappen und Shirts mit Support our troops-Slogan sind allgegenwärtig.
Ebenfalls im Rahmenprogramm: eIne Flugvorführung der Air Force mit einem F16-Kampfflugzeug, welche die Einsatzvielfalt dieses Ungetüms unter Beweis stellen soll. Der Jet donnert und rast am Himmel, das Publikum rast am Boden, und eine Frau sagt lapidar: „Wenn dieses Monster angeflogen kommt, muss es nicht einmal mehr schießen, die meisten Feinde ergreifen schon alleine wegen des Lärms die Flucht.“ Da ist was dran ...
Um Lichtjahre eleganter und gleichzeitig der Höhepunkt jedes Renntages: die Flugshow des Breitling Jet Teams (Bild oben). Der Schweizer Uhrenhersteller, der vor allem für seine Fliegeruhren bekannt ist, ist größter Sponsor des Air Race. Erstmals wurde heuer die firmeneigene Kunstflugstaffel in die USA geschickt, um mit einem spektakulären Showprogramm Werbung für die Zeitmesser zu machen. Und sogar Hollywoodstar und Hobbypilot John Travolta haben die Schweizer am letzten Tag des Air Race als Markenbotschafter eingeflogen – sehr zur Freude der tausenden Besucher. Dass Seriensieger Steven Hinton im letzten Rennen wegen eines Motorschadens aufgeben musste, geriet darüber beinahe in Vergessenheit.

Sie besitzen fünf Flugzeuge und haben u.a. Pilotenlizenzen für die Boeing 707 sowie für den Jumbo Jet. Welche Flugzeuge sind interessanter – die kleineren oder die großen Vögel?
Es kann genauso toll sein, ein Ultraleichtflugzeug zu fliegen wie eine Boeing 747. Die Spannung ergibt sich daraus, wie es reagiert, wenn man es bewegt. Ich habe mit jedem Flugzeug, das ich fliege, eine Liebesbeziehung, jedes hat eine einzigartige Persönlichkeit. Und die größte Freude ist es, die Unterschiede zu entdecken.

Gibt es ein Flugzeug, das Sie gerne noch fliegen würden?
Eine Concorde würde ich gerne noch einmal fliegen. Ich war seinerzeit als drittes Crewmitglied mit an Bord, aber nie als Pilot. Ich war übrigens auch der erste Nicht-Testpilot, der den Airbus A 380 geflogen ist.

Worin liegt für Sie der größte Reiz beim Fliegen?
Man muss dabei gewissermaßen aus sich heraustreten, alles um sich herum vergessen. Man wird gezwungen, sich nur auf das Steuern des Flugzeuges zu konzentrieren. Das gefällt mir. Es hat etwas Therapeutisches.

Gibt es etwas Vergleichbares im Leben?
Malen, Schauspielen. Auch Autofahren kann diese Wirkung haben. Ich habe einen neuen Mercedes und besitze auch einen aus 1970. Und wie bei den Flugzeugen haben beide Autos einen eigenen Charakter und verkörpern den jeweils höchsten technischen Standard ihrer Generation.

Stichwort Uhren – Sie sind seit vielen Jahren Werbebotschafter für Breitling. Sind Sie nur an neuen Modellen interessiert, oder treibt Sie da ebenfalls die Begeisterung für Vintage-Uhren?
Was ich an Breitling so faszinierend finde, ist die große Bandbreite an Modellen. Es gibt viele klassische Uhren, etwa die Navitimer oder die Transocean. Und dann gibt es Uhren mit hochmoderner Technologie, etwa die Emergency mit ihren Funkantennen für Notfälle, oder die neue Smartwatch Exospace B55. Extrem fortschrittlich. Aber die Menschen bei Breitling haben großen Respekt vor der Geschichte hinter ihren Produkten – das gefällt mir, weil ich genauso bin. Ich mag das Neue, aber ich mag auch das Alte. Dieser Retro-Aspekt ist mir sehr wichtig.

Was würden Sie als Sammler und Enthusiast empfehlen – Uhren im Retro-Look kaufen oder lieber gleich alte Uhren?
Beides. Es ist einerseits total spannend, ein antikes Stück zu besitzen – ob es jetzt eine Uhr, ein Auto oder ein altes Flugzeug ist. Aber auch neue Modelle im Retro-Look haben ihren Reiz – die neue Technologie, den modernen Lösungsansatz für Anforderungen, gleichzeitig aber den Stil und die Anmutung vergangener Tage.

Man hat Sie jetzt schon längere Zeit nicht mehr auf der großen Leinwand gesehen …
Nächstes Jahr kommen drei neue Filme, außerdem eine Miniserie fürs Fernsehen, in der ich Robert Shapiro spiele, den Anwalt von O. J. Simpson, ich bin so beschäftigt wie nie zuvor, dabei werde auch ich nicht jünger.

Fällt Ihnen das Älterwerden eigentlich schwer?
Ich bin zu beschäftigt, um darüber nachzudenken!

Sie sind bekannt als exzellenter Tänzer, was Sie ja auch in Ihren Filmen intensiv bewiesen haben. Wie kam das eigentlich?
Das ist ein Instinkt, den ich bereits als Kind hatte. Später habe ich dann Tanzunterricht genommen, aber hauptsächlich ist es das Gefühl fürs Tanzen, auf das es ankommt, das kann man nicht trainieren.

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Haben Sie eine Lieblings-Tanzszene?
Ich bin sehr stolz auf das Solo in Nur Samstag Nacht, auf die Tanzszenen in Grease und natürlich auf die Szene in Pulp Fiction. Apropos – wissen Sie, woher diese Bewegung kommt? (er steht auf und macht mit Zeige- und Mittelfinger die berühmte Pulp-Fiction-Geste vor seinen Augen) In den Sechzigern gab es eine Batman-Fernsehserie, in der Eartha Kitt Catwoman gespielt hat. Und in einer Folge tanzte sie und machte dabei genau diese Handbewegung. Also, Quentin Tarantino wollte von uns einfach einen Twist haben, aber ich sagte zu ihm, ich füge ein paar Bewegungen ein, einen Schwimmer (macht Kraulbewegungen) und diese Catwoman-Sache. Es gab da auch noch andere Elemente in dem Twist, den Anhalter (macht Autostopp-Bewegungen mit dem Daumen) oder den Cowboy (zieht imaginäre Colts aus einem Holster). Das sah dann ein bisschen bizarr aus, aber ich wusste, dass es gut ankommen würde. Und so war es auch.

War es Ihre Idee, die Schuhe auszuziehen?
Das war Quentins Idee. Er liebt Martial-Arts-Filme und wollte, dass wir den Tanz zelebrieren wie einen Kampf. Wir gehen auf die Tanzfläche, wir ziehen die Schuhe aus, dann geht es los.

Ist „Pulp Fiction“ Ihr wichtigster Film?
Ja, weil er meine zweite Karriere ermöglichte. Ich hatte eine sehr schöne erste Karriere, aber die zweite begann mit „Pulp Fiction“ – das war der Startschuss.

Zu Beginn gibt’s ein 15-minütiges Sicherheits- und Verhaltens-Briefing mit François Ponsot alias „Ponpon“. Im Schnelldurchlauf erklärt der Ex-Luftwaffen-Pilot, was man im Cockpit angreifen darf (nichts außer die Air Condition), wie man sich zu verhalten hat, wenn einem das Frühstück hochkommt (falls man so dumm war, eines zu essen) und was man tut, wenn der Pilot „Exit Exit Exit!“ ruft (roten Griff ziehen und Muskeln anspannen, denn dann geht’s raus per Schleudersitz). Danach fahren wir zu den Jets, sieben tschechische L-39C Albatros. Klein, wendig, leise und elegant, ideal für den Kunstflug. Breitling, die Uhrenmanufaktur mit dem Faible für alles, was fliegt, betreibt mit dem Breitling Jet Team die einzige professionelle private Kunstflugstaffel der Welt. Mein Pilot ist Jacques Bothelin alias „Speedy“, der Teamleader und mit mehr als 11.000 Flugstunden eine Kunstflug-Legende. Über das Bord-Sprechsystem erkundigt er sich, wie es mir geht, macht mir Mut: „You will like it!“ Dann geht’s auch schon los. In Formation heben wir ab, der Schub der Maschine ist überraschend sanft – das Schonprogramm für Flüge mit Passagieren. Auch die Manöver – Loopings, Rollen, Steig- und Sinkflug – erfolgen im Weichspülgang. Zum Ausklang noch ein bisschen Sightseeing aus der Luft, dann geht es zurück, Landung. Aus meinem Gesicht ist alle Farbe gewichen, Jacques lacht, bringt einen Iso-Drink: „Du brauchst jetzt Zucker!“ Und dann die Frage: „Did you like it?“ Ehrlich gesagt ja. Auch wenn ich nicht sofort wieder starten wollte, es war ein einmaliges Erlebnis. Viel näher kommt man dem Ideal des Fliegens nur mehr in einem Segelflugzeug – oder als Vogel.