Leben

Rampensau mit Pointen & Pinsel

"Das Leben ist viel zu kurz, um die Welt düster zu sehen“, behauptet Alexander Bisenz. „Düster, oder schlaganfallbeige oder fußpilzschwarz.“ Grinst und feixt und öffnet wie zum Beweis die Tür zu einem Atelierhaus in St. Pölten, wo der Kabarettist sein zweites Ich hervorkehrt – den bildenden Künstler. Alles so schön bunt hier! Sofas, Wände, Leinwände, Tische, sogar der Handlauf eines Geländers zum Untergeschoß zeigt sich farbig aufgepimpt.

Ob Klo oder Kamin, wohin man auch blickt, hinterließ Bisenz seine Spur. Langweilig wird dem Auge dabei nicht. Knallige Kreise, Flächen und Punkte zieren das Mobiliar. Auch Heizkörper schauen hier irgendwie anders aus. „Die weiße Plätschn is ned schen“, kommentiert der Neo-Designer die übliche Radiatoren-Gestaltung. „So schaut’s besser aus“, weist er auf ein dekoratives Wärmeelement à la Bisenz hin. Und holt zum Rundumschlag aus. „Es gibt so viele steril wirkende Wohnungen und Häuser“, schaudert es den Spaßmacher. „Da bringe ich dann Farbe und Leben hinein.“


Viel Farbe und noch viel mehr Leben. Immerhin hat der Mann, der sich nicht gern verbiegt, weit über 35 Jahre Erfahrung in Sachen Wahn & Witz. Da kommt schon was zusammen. Bisenz, der Berserker und Bühnenarbeiter, der sich erste Sporen in dieser Branche in der Kinderzauberei als Feuerschlucker und Bauchredner verdient hat. „Kinder sind die beste Schule“, sagt er, „weil ein ehrlicheres Publikum gibt es nicht.“
In seiner besten Zeit war Alexander Bisenz eine echte Rampensau. Mit seinen Solo-Programmen trat er an die 250 Mal im Jahr auf. Heute hat der 53-jährige Showman ein paar Gänge runtergeschaltet. Nicht, weil das Leben vor Publikum und aus dem Koffer zu anstrengend wäre. Aber die Ideen, die im Gehirn des Komikers sprühen, landen immer häufiger auf anderen Schauplätzen – Abteilung Heim & Garten. Ja, auch der Swimming Pool hinter dem Haus blieb nicht vor dem unbändigen Gestaltungswillen des kreativen Feuerwerks verschont.

"Ich habe nie ein Hobby gehabt“, erklärt er sich angesichts der vielen Fragezeichen, die er in den Gesichtern seiner Besucher ablesen kann. Vor mehr als zwanzig Jahren aber stieß er durch eine denkwürdige Begegnung mit Christian Ludwig Attersee auf die Kunst. „Ich hab’ ihn gefragt, ob er das Cover für mein Album Nix is Nix machen will.“ Und das sollte sich als Beginn einer langen und fruchtbaren Liaison herausstellen, einer mit der bildnerischen Kunst.

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„Ich bin kein gegenständlicher Maler“, erklärt Bisenz, „weil für die gegenständliche Kunst habe ich die Darstellung auf der Bühne sowie die Literatur.“ Da ist was dran. Auch an seiner Eigenbezeichnung „nervöse Malerei“. Besser könnte man das Ergebnis seiner Schüttbilder und ähnlicher Zaubereien nicht ausdrücken. Zur Erklärung: Wichtigster Bestandteil seiner Schüttbilder ist gefärbter Sand. Der wird mit Hilfe einer geheimen Technik auf einer Leinwand fixiert. Die hat der Mann mit den wehenden Haaren selbst entwickelt. „Aber wie ein guter Koch verrate auch ich nicht alles, was zum Entstehen beiträgt.“


Seit Bisenz, der gebürtige Wiener, als Kabarettist und Künstler auf zwei Hochzeiten tanzt, ist ihm auch bewusst geworden, was er für ein Glückskind ist. „Der Schauspielermarkt ist schon hart, aber der Kunstmarkt ist noch wesentlich härter. Ich befinde mich als bildender Künstler noch im ersten Drittel meines Lebens, aber jetzt verstehe ich, warum die bekannten Maler alle steinalt werden – um noch irgendwann zum Cashflow zu kommen. “

Daraus spricht der Hausverstand eines Kabarettisten, der am Höhepunkt seiner Karriere fünf Mal hintereinander das Bank-Austria-Zelt auf der Donauinsel bespaßt hat. Quasi ein Goldjunge. „Mehrfach Platin“ könnte legitimerweise auf seiner Visitenkarte stehen. Für alle, die nicht dabei waren: Bisenz wurde groß, als er neben Lukas Resetarits, Josef Hader, Andreas Vitasek, Erwin Steinhauer und Hans Peter Heinzl noch als junger Wilder durchging. Und heute? „Heute gibt’s mehr Kabarettisten als Kastanienbam“, grummelt er.

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Na, wer wird denn ...? Aber man spürt es, Bisenz ist schnell verletzt. Fast wie ein weidwundes Tier. Obwohl, ihm braucht keiner zu sagen, wie was geht. Außerdem ist er nach wie vor als Grantler unterwegs. Live on stage. Dabei braucht er nicht einmal den Wurbala, um die Wuchtln nur so abzudrücken. Es braucht nur das Bimmeln eines Smartphones, um das Beste aus Bisenz herauszukitzeln – seine g’feanzte Gscheitheit.
„So wenig Ich wie heute war noch nie in der Gesellschaft“, hebt der autodidaktische Schmähbruder an einem Freitag am Küchentisch zum Wort zum Sonntag an. „Ich ist bei den Meisten das iPhone – wenn das kaputt ist, haben alle ein Problem.“ Ein Philosoph könnte es nicht besser formulieren.

Wie auch immer, in den Fredl Wurbala, sein Alter Ego, schlüpft er schon seit mehr als 30 Jahren. Buchstäblich. Man riecht es fast. Sakko, Tschakko, alles original. „Der ist krisensicher“, zeigt er sich zufrieden.

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Stimmt. Selbst zwanzig Jahre alte Wurbala-Gags werden auf YouTube bis zu 40.000-mal angeklickt. Wenn man will, könnte man seine alte Ambros-und-Fendrich-Parodie zum Auslöser des globalen Ukulele-Booms ausrufen. Und es stimmt ja, als Kleinkünstler war Alexander Bisenz schon ganz, ganz groß. Wobei er den Begriff „Kleinkunst“ noch nie mochte. „Wenn einer am Abend vor 1000 Leuten spielt, ist dieser Begriff eine Frechheit“, redet er sich fast in Rage. Und stellt die rhetorische Frage: „Was ist dann die Großkunst?“


Dass er oft aneckt, nimmt der Vater eines schon erwachsenen Sohnes in Kauf. „Ich trage kein Diplomatenkennzeichen“, sagt er freimütig. Und lässt so nebenbei auch fallen, dass ihm eine Frau nach vierzehn gemeinsamen Jahren davongelaufen ist. „Das war zu einem Zeitpunkt, als ich die Malerei immer ernster genommen habe. Nach dem neunzehnten Bild in Blau kam der Vorwurf, dass das schon wieder blau sei. Aber eben ein anderes!“

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Mit seiner jetzigen Lebensgefährtin ist alles klar. „Sie räumt alles an. Ich alles weg. Denn wenn der Wahnsinnige in einem angeräumten Raum lebt, klappt das nicht.“