Leben

NEUES WIENERLIED: EH. VOLL. OARG.

Es gibt Musiker, bei denen die Art und Weise, wie sie die Bühne betreten, direkt damit zusammenhängt, wie sie ihr Publikum anschließend bespielen. Manche rennen auf die Bühne, als hätten Sie panische Angst, ihren Einsatz zu verpassen. Andere erscheinen, feierlich von Trockeneisnebel bedampft, aus dem Dunkel der Bühne, um die anschwellenden Ovationen des Publikums entgegenzunehmen. Manche schicken ihre Band schon einmal zum Vorheizen, um die so beförderte Stimmung – schon gut, schon gut – scheinbar zu beschwichtigen, aber in Wahrheit ekstatisch nach oben ausreißen zu lassen, sobald sie ins Licht des Verfolgerscheinwerfers treten. 

Der Nino aus Wien übersetzt sein bezaubernd beiläufiges, ein bisschen schiefes Lächeln in die perfekt angemessene Bewegung, wenn er auftritt: Er schlurft; samt seiner Gitarre schlurft er auf die Bühne, und wenn ihm dabei nicht hinten das Leiberl aus der Hose hängt, dann sieht der Mann trotzdem so aus, als würde ihm das Leiberl aus der Hose hängen, ein bisschen schlampert, ein bisschen unachtsam, ein bisschen okay-wenn-ich-schon-da-bin-dann-kann-ich-euch-ja-auch-was-vorspielen. 

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Das ist allerdings ein trügerischer Eindruck. Zwar verstärkt der Nino mit seinen eher ungebügelten Ansagen noch den Eindruck, dass hier gerade etwas Zufälliges, aber auch Spontanes, also Einmaliges passiert, dass wir Zuschauer also der Spezialanfertigung eines poetischen Musikmoments beiwohnen dürfen. Aber in Wahrheit ist dieser poetische Musikmoment das Ergebnis höchster Präzision.

Ich hörte zum ersten Mal von diesem Nino aus diesem Wien, als Walter Gröbchen auf seiner Compilation „Wienmusik“ Ninos Lied „Du Oasch“ veröffentlichte. „Du Oasch“ elektrisierte mich, weil das Lied nicht nur ein Beziehungsdrama in Form eines Duetts erzählte, sondern gleichzeitig witzig und tragisch war, je nachdem, welche Perspektive einem besser gefiel. Außerdem hatte sich der Nino mit dem Rapper Skero als Partner – remember: „Kabinenparty“! – gleich einen ziemlichen Kapazunder zur Brust genommen, um ihn zur Rede zu stellen:  „Du Oasch/hast ma die Freundin ausgespannt/i verzeih' da ned, na/I hob euch beide erwischt, beim Chinesen/dort – hinter der Bar …“ Skero antwortet dann schuldbewusst, aber  nicht sehr: „Heast Oida i sog da ... des woa ka Absicht/die Klara woa so schoaf auf mi/… /Wenn i gwusst hätt/das des dia des Herz bricht/hätt i ma an ondan Platz gsuacht/ois hinter da Bar/wost uns glei siagst/tuat ma lad, mei oida freind …“ Auch die im Sprechgesang vorgetragene Apotheose des Lieds gefiel mir gut: „I wü ned in Häfn geh wegn eam/oba i brich eam s’ Gnack.“ Das war mein Einstieg in das Werk des Nino aus Wien. Aber er führte nicht unbedingt auf die richtige Spur.

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Wenn man will, kann man in der Biografie des Hirschstettners Nino Mandl Indizien dafür finden, dass er sich irgendwie um das Wienerlied kümmern muss. Der Vater seines Vaters war Wienerliedsänger gewesen, wobei das auf den Enkel keine bleibende Wirkung hinterließ. „Ich habe ihn nie singen gehört“, sagt der Nino, als wir nachmittags in der leeren Gaststube vom Meixner Karl in Favoriten miteinander sprechen. Genauso wichtig könnte auch der andere Großvater sein, der Bildhauer war: Weil Bildhauer ist der Nino auch nicht geworden. Aber er spürte etwas, wenn die Musik lief. Er liebte die Beatles. Als er zum ersten Mal „Hey Jude“ hörte, rannen ihm die Tränen über die Wangen.

Es fühlte sich auch richtig an, eine Gitarre in den Händen zu halten, als er fünfzehn, sechzehn Jahre alt war. Ein paar Akkorde konnte er schnell spielen, aber dann schlug er nicht den Weg ein, den die meisten sechzehnjährigen Amateurgitarristen gehen, nämlich „Hey Jude“ zu spielen, bis den Mädels, die zuhören, die Tränen über die Wangen rinnen. Nino wollte „etwas Eigenes“ machen. Denn „wenn ich Gitarre spiele, kommen die Worte“.

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Mit den Worten hatte Nino sich schon früher beschäftigt, experimentell, aber auch sprachphilosophisch. Er schrieb Worte auf, die es gar nicht gab, aber weil er sie aufgeschrieben hatte, gab es sie ja. Diese Einsicht ermunterte ihn, weiterzuschreiben und das Ergebnis „meine Sprache“ zu nennen. Natürlich blieb er nicht frei von Einflüssen. Ninos Eltern hörten zu Hause in Hirschstetten viel Austropop, darunter war eine Platte von André Heller. Sie hieß: „Bei ebendigem Leib“, ein Livealbum, das Heller auf der Höhe seines Könnens und seiner Versponnenheiten zeigt. „Das war für mich so ein ähnliches Erlebnis wie das erste Mal Beatles hören“, sagt Nino und fügt mit seinem Lächeln, das so undefinierbar zwischen Charme und Ironie angesiedelt ist, hinzu: „Das hat sich in meinen weiteren Textversuchen auch niedergeschlagen.“ Es schlug sich auch nieder, dass Nino die Gitarre von Syd Barrett, dem psychedelischen Mitbegründer von Pink Floyd zu lieben begann und mehr über seine eigene Sprache herausfand, die spezifische Version des Wiener Dialekts, die Menschen seiner Generation in Hirschstetten sprechen. In Hirschstetten, 22. Wiener Gemeindebezirk, zwischen Breitenlee und Kagran, ist die Sprache langsamer als anderswo in Wien, nicht dem raunzerten Altwienerisch verbunden, sondern eher einer eingefärbten Hochsprache, deren Farbe sie natürlich auch wieder einzigartig macht. „Der Dialekt“, sagt Nino zur Illustration, „ist nicht ganz meine erste Sprache“, außerdem ist jeder Dialekt, egal wo, in erster Linie Generationensache, geprägt von kulturellen und sprachlichen Codes. „Eh sagen wir sehr oft“, sagt Nino, „und oarg und voll.“ Das hat ihn freilich nicht davon abgehalten, Lieder zu schreiben, die zwar eh voll oarg sind, aber auch einen sanften, berührenden Zauber haben, weil sie Sehnsucht verströmen, ohne das Wort jemals zu bemühen, weil sie Hoffnung aufblitzen lassen und Tragik, weil sie dazu sanften Witz haben, auch wenn der Witz sich als zweischneidig erweist und das Lächeln schmerzhaft werden lässt, im Dialekt oder auf Hochdeutsch, ganz egal. 

Eines der besten Nino-Lieder heißt „Deine Boheme“, eine fulminante Ballade auf eine verkannte Poetin, vielleicht auch auf ein verkanntes, versoffenes Genie. Darin schleudert der Nino in den Schnapsgeruch kleiner, schlecht beleuchteter Cafés poetische Blitze aus dem Heller-Arsenal – „das Messer am Grund deines Herzens ist scharf“ – und er bedenkt die Lebensweise, die er verehrt oder bedauert, wer weiß das schon, mit einer Art Slogan: „Ein ewiges, nebliges Hoch auf die Boheme“. 

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Wobei: Der Nino hat viele beste Lieder. Das liegt einerseits daran, dass er sehr viele schreibt. Seit dem ersten Album „The Ocelot Show“, das vor zehn Jahren erschienen ist, sind sieben reguläre Nino aus Wien-Alben und zahlreiche Kollaborationen, u. a. mit Natalie Ofenböck und Ernst Molden erschienen, und dieser Tage nimmt er bei Paul Gallister, dem Produzenten von Wanda und dem eh noch jungen Der Nino aus Wien-Album „Wach“ schon die nächsten Songs auf, im Wohnzimmerstudio im zweiten Bezirk. Sie werden auf dem Jubiläumsalbum „Der Nino aus Wien“ erscheinen, später im Jahr.
Schon auf der „Ocelot Show“ gibt es Lieder von hypnotischer Schönheit, perlenden Textkaskaden und der für einen jungen Mann ziemlich unerschrockenen Ansage „Es geht immer ums Vollenden“. Das gleichnamige Lied könnte das Werk eines Frühvollendeten sein, dargeboten im rauschhaft jambischen Singsang, der Ninos Lieder zuweilen vorantreibt, ohne auf die Betonungen einzelner Wörter zu achten, die durch unkonventionelle Lautverschiebungen plötzlich ihren eigenen Klang bekommen und etwas halbstark fragen: Stimmt was nicht? Was schaust denn so oarg? Das Lied ist auch ohne Zweifel ein beziehungsreiches Selbstporträt des Künstlers als junger Mann, programmatisch und schön: „Wie ein Schwamm saugst du das Jetzt auf/und verarbeitest es dann/wenn das Jetzt lang genug weg ist/um zu wissen was es kann/man genießt dann deine Bilder/die fast keiner je versteht/nur die Freude sie zu sehen/ist wohl das worum es geht“

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Als wir über Literatur sprechen, erzählt Nino vom Rausch, in dem er Ginsberg und Burroughs, Kerouac und Joyce las, Joyce am liebsten, und von Joyce am liebsten „Stephen, der Held“, das Vorgängerbuch zu „Porträt des Künstlers als junger Mann“, das Joyce angeblich ins Feuer geworfen hatte. „Es geht immer ums Vollenden“, sagt Nino, um augenblicklich zu assoziieren: „Es geht immer ums Verbrennen“, Pause, „manchmal“, Pause, „vielleicht“. Ach so, der Name. „Ich heiße halt Nino“, sagt der Nino kokett, „und komme aus Wien“. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. „Der Nino aus Wien“ war Ninos Name auf MySpace, dem Portal, das für junge Musiker einmal enorm wichtig war, um sich und ein paar Lieder zu präsentieren. Nino, der bis dahin „Ninos Hausband“, „Flowers of Vienna“ oder „Basement Experience“ geheißen hatte, sah im Fernsehen den „Anton aus Tirol“ und gab kurz entschlossen seinen neuen Namen „Der Nino aus Wien“ ein.

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Postwendend kam Post vom Kollegen „Sir Tralala“: „Hey, Nino aus Wien, coole Musik.“ Dieses Kapital wollte der Nino nicht mehr verspielen. Ich sah Nino mit seiner Band inzwischen auf vielen Bühnen, vom Radiokulturhaus über die Sargfabrik, das Konzerthaus bis zum Volksstimmefest auf der Jesuitenwiese und der restlos ausverkauften Wiener Stadthalle, wo er zuletzt als Vorband zu Wanda auftrat und mit seiner nonchalanten, niemals ranschmeißerischen Lässigkeit selbst die Tausendschaften enthusiasmierter Wanda-Fans im Griff hatte. Ich frage ihn schließlich, wie er die Lieder nennt, die er schreibt und singt? Wienerlied? Neues Wienerlied? Chanson? Seine Antwort ist viel prägnanter: „Pop. Das ist das kürzeste Wort.“ 

Aber er gibt zu, dass er in Deutschland, wenn er – wie gerade zwei Wochen lang täglich – Konzerte spielt, auch schon einmal ein „Wienerlied“ anmoderiert, egal ob es das „Praterlied“ ist oder Falcos Klassiker „Ganz Wien“. „Wien steckt ja schon im Namen“, sagt der Nino aus Wien. „Aber jedes Lied kann  auch aus Wien herausführen.“