Leben

"Georgie ist ein besserer Mensch als ich"

Herr Fechter, Sie und Ihr Sohn haben heute Kleider getauscht. Sie im „Masters-of-Dirt“-Sweater, Georg im Anzug. Wie fühlt es sich an, die Arbeitskleidung des jeweils anderen zu tragen?
Herbert Fechter: Als der Georgie klein war, hatte ich immer die Vision, dass wir einmal beide im dunklen Anzug Geschäfte miteinander machen. Das hat sich lange Zeit nicht verwirklicht. Erst die vergangenen zwei, drei Jahre hat er öfter einen Anzug an.
Georg Fechter: Also, der Vati ist ja mein großes Vorbild und ich habe immer nach der Philosophie gelebt: „Schwimme gegen den Strom, passe dich nicht an!“ Deshalb bin ich der, der in Meetings im „Masters-of-Dirt“-Shirt mit den halbnackten Mädls auftaucht. Ich füge mich da nicht, weil ich glaube, dass ich das auch nicht muss. Und die Kleidung macht ja nicht den Mann.

Herr Fechter, haben Sie als großes Vorbild denn alles richtig gemacht?
Herbert: Ich glaube, seine Mutter hat viel richtig gemacht, ich viel falsch. Ich hatte auch immer das Gefühl, zu wenig Zeit für meine Kinder zu haben, wie das bei erfolgreichen Menschen oft so ist. Aber die Kinder sagen beide, es hat ihnen nichts gefehlt. (Anm.: Designerin Niko ist Herbert Fechters Tochter)

Mit der Unangepasstheit Ihres Sohnes hatten Sie keine Probleme?
Herbert: Natürlich war ich mit seiner unkonventionellen Denkweise und seiner unglaublichen Widerstandskraft überfordert. Da konnte man nicht mit normalen Erziehungsmethoden ankämpfen. Erst seine Mutter, meine großartige Frau, hat mich auf den Weg gebracht. Sie fand es toll, ein Kind zu haben, das seine Talente leben kann und sich nicht in ein normales Schema fügen muss. Ihr war Schulbildung nie so wichtig wie Herzensbildung. Und der Georgie hat das allerbeste Herz, das man sich vorstellen kann.

Das heißt, Sie sind in der Schule nicht zurechtgekommen, Georg?
Georg: Ich glaube, ich war in sieben Schulen mit unterschiedlichen Lehrformen und habe in meiner Jugend alles gemacht, was nicht koscher war – meine Eltern mussten den Kopf hinhalten. Nach der Pflichtschule bin ich mit meiner Mutter nach Frankreich, um Französisch zu lernen. Da hat es Klick gemacht. Mit der Arbeitswelt kam der Punkt, wo ich dachte: „Ich habe meinen Eltern die Hölle heiß gemacht. Deshalb will ich ihnen jetzt mit umso mehr Respekt gegenübertreten.“ Wir wohnen auch noch zusammen und steigen uns trotz unterschiedlicher Lebensstile nicht auf die Zehen. Denn manchmal, wenn der Vati arbeiten geht, komme ich gerade heim.
Herbert: Und ich schlafe schon zwei Stunden, wenn er abends weggeht. Das ist nicht der Weg, aber er wird auch älter. Und er hat eine superliebe Freundin, die hoffentlich unsere Schwiegertochter wird. Aber sie ist noch sehr jung und wir wollen sie auch nicht drängen.

Wie kommt es, dass Ihre Familie trotz der Probleme mit Georg intakt geblieben ist?
Herbert: Das größte Problem in der Familie war die unterschiedliche Auffassung über seine Erziehung. Die ganze Restfamilie war gegen meine Frau und ihre sanfte Art. Wir waren der Meinung, dass man das so nicht machen kann. Aber sie hat darauf beharrt und mich dazu gebracht, eine Familienaufstellung zu machen. Das hat im Verhältnis von Georg und mir viel verändert.

Warum hat Ihre Ehe gehalten?
Herbert: Es ist selten, dass man mit einer Frau 45 Jahre glücklich zusammen sein kann. Es gibt zehn Regeln – wie die zehn Gebote. Dazu gehört gegenseitiger Respekt. Meine Frau hat nie ein Schimpfwort gebraucht, ich dadurch auch nicht. Denn auf einen Abwertung folgt die nächste. Zuerst bist du ein Trottel, dann ein alter Trottel. Respekt dafür zu haben, was der andere tut und kann, ist eines der wichtigsten Gebote. Wir haben auch immer alles kommuniziert. Das kann bitter sein, aber wir reden das aus.

Warum hat Ihnen Ihre Frau zu einer Familienaufstellung geraten?
Herbert: Ich hatte lange das Gefühl, dass ich den Georgie nicht wirklich lieben kann. Er war mein Sohn, aber ich habe so wenig gespürt. Dann bin ich draufgekommen, dass das mit meinem leiblichen Vater zu tun hat.

Tatsächlich?
Herbert: Ich bin 1947 geboren und habe meinen leiblichen Vater an die Folgen des Krieges verloren. Ich war 18 Monate alt, als er mit 48 Jahren starb. Er kam aus der russischen Gefangenschaft. Ich habe später zwar gewusst, wo sein Grab ist, bin aber nie hingegangen. Ich habe den Vater nicht gewürdigt, sozusagen. Die Familienaufstellung hat mir viel klar gemacht, weil sie die Wurzeln verfolgt. Als ich dann heimgekommen bin, habe ich die Türe aufgemacht und Georg hat ohne zu wissen, wo ich war, Vati zu mir gesagt. Vorher war ich nur der Herbie.

Und heute können Sie voneinander profitieren?
Herbert: Ja, der Georgie hat mir beigebracht, was Werte und Freundschaft bedeuten, was Partnerschaft heißt und wie man Geschäfte führen kann. Ich war da anders.
Georg: Der Vati hat mich teilweise die geschäftliche Härte gelehrt und ich habe ihm ein bissl das Weiche gezeigt. Er kommt aus einem harten Business und hat von Guns ’n’ Roses über Metallica bis zu U2 alle möglichen internationalen Acts gemacht. Es gibt viele Egos im Business, die sich gegenseitig zu überbieten versuchen. Da muss man sehr bissig sein, was der Vati auch war. Aber er hat aufgehört, weil ihm die millionenhohenGarantien, die Künstler wollen, und die unendlich langen Bühnenanweisungen irgendwann zu blöd waren. Das habe ich miterlebt und bin heute froh, ein tolles Produkt wie „Masters of Dirt“ zu haben.
Herbert: Ich sehe Unterhaltung als riesigen Kasten mit Schubladen. Wenn du eine Lade aufmachst, wo schon sieben Kasperln drinnen sind, kannst du gleich wieder zumachen. Du musst eine Lade finden, in der noch kein Kasperl sitzt. Mir ist das mit meiner Shaolin-Show gelungen. Es gab zwar Kung-Fu-Shows, aber keine, die die Menschen wirklich berührt hat. Georg ist das auch gelungen. Er hat in zehn Jahren 200 Shows gespielt, ich habe mit Shaolin in zwanzig Jahren 5.000 gemacht. Aber er hat noch ein bissl Zeit.
Georg: Ja, zehn Jahre.

Georg, Sie sind erst 28 Jahre alt und schon lange im Geschäft. Wann haben Sie angefangen? Mit zehn?
Herbert: Mit 14 hat er sich zu Weihnachten gewünscht, dass ihm die Mutter den Namen „Masters of Dirt“ schützt.
Georg: Es war so. Ich habe die Wort-Bild-Marke von der Mama zum 14. Geburtstag gekriegt. Andere wünschen sich eine Playstation. Mit der hätte ich nicht viel anfangen können. Wenn ich sehe, dass so viele Leute wegen deinem Kopfkino kommen, sind das Erfolge, wo du dich zwicken musst.

Bei „Masters of Dirt“ vollführen Motocross-Fahrer spektakuläre Sprünge. Wie kamen Sie auf die Idee für die Show?
Georg: Begonnen hat es so, dass der Vati 1993 das Hallen-Motocross im Dusika Stadion veranstaltet hat. Ich war drei, als ich das zum ersten Mal gesehen habe. Damals hat mich das noch nicht interessiert, aber bald habe ich Benzin gerochen und wurde infiziert. Als nächstes wollte ich ein Motorrad und Vati hat gesagt, wenn ich die Aufnahme in die Mittelschule schaffe, kriege ich eines.

Herbert: Aber nur eine kleine KTM.
Georg: Gleich am ersten Tag habe ich das Motorrad zerstört und bin außerdem aus der Mittelschule geflogen. Das war’s dann auch mit dem Motorrad. Durch meinen Nachbarn bin ich später aufs BMX-Rad gekommen. Wir haben uns Videos mit Stunts angeschaut. So hat sich alles entwickelt. 2007 haben wir mit den Shows angefangen und im ersten Jahr gleich den Merchandise-Rekord der Spice Girls gebrochen.

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Sie meinen mit den Verkauf von Werbeartikeln.
Georg: Genau, wir haben vom Tank-Top über Kragenshirts bis hin zu Baseball-Kappen alles im Programm. Wir haben in den vergangenen Jahren auch die Merchandise-Erfolge von Kiss und AC/DC geschlagen. Mittlerweile kann man von einem Fashionlabel sprechen, wo wir auch mit reiner Biobaumwolle arbeiteen.

Wie kamen Sie eigentlich auf den Namen für Ihre Show?
Georg: Da waren sich meine Freunde und ich lange nicht sicher. Ich wollte die Show eigentlich „American Superjump“ nennen, weil die guten Fahrer damals alle aus den USA kamen. Das stand schon auf den Tickets, aber der Vati hat mitten im Vorverkauf gesagt: „Sohnemann, trau dich! Nenn’ das doch „Masters of Dirt“. Ich wollte nicht, aber er meinte: „Glaub mir, das funktioniert.“

Woher kommt Ihr Instinkt, zu wissen, was funktioniert, Herr Fechter?
Herbert: Ich glaube, dass mir der liebe Gott einen Fähigkeit gegeben hat – so wie andere singen oder tanzen können. Ich habe in meinem Kopf eine Art Leinwand. Wenn ich jemandem begegne, kann es sein, dass es Klick macht und das Kopfkino anspringt. Bei „Masters of Dirt“ hatte ich plötzlich ein Gefühl, dass das der stärkste Name ist. So war es auch bei DJ Ötzi oder Hansi Hinterseer.

Ihre Trefferquote?
Herbert: Manchmal funktioniert’s, manchmal nicht. Aber die Trefferquote ist hoch.

Welche Assoziation hatten Sie zum Beispiel bei Hansi Hinterseer am Anfang?
Herbert: Bei Hansi habe ich zuerst gar nicht den Sänger gesehen, sondern den Luis Trenker der neuen Generation. Ich habe Edi Ehrlich, einen Autor den ich vertrete, gebeten, ein Drehbuch zu schreiben, in dem diese ganze Blut- und Bodendramatik vorkommt: Der verlorene Sohn kehrt zurück und der Erbhof ist weg. Alles, was Tirol ausmacht. Das hieß „Da, wo die Berge sind“. Zwölf Produzenten haben das Drehbuch abgelehnt, aber der Bayerische Rundfunk hat es genommen und es wurde die erfolgreichste Serie mit 15 Filmen daraus – mit acht Millionen Zuschauern. Zu der Zeit hat der Hansi gar nicht daran gedacht, Schauspieler zu werden.

Was haben Sie bei DJ Ötzi gesehen?
Herbert: Beim Ötzi habe ich vieles gesehen. Natürlich nicht, dass er Nummer eins in England wird. Das wäre vermessen. Aber ich sehe, ob ein Mensch eine Aura und Charisma hat. Ich wusste auch nicht, dass wir bei „Masters of Dirt“ 30.000 Leute in vier Shows haben werden. Aber ich spüre, wenn was geht.

Es gab in Ihrem Leben nicht nur Höhen: Eine Steueraffäre und Trennungen von einigen Ihrer erfolgreichsten Künstlern. Gehört das zum Business?

Herbert: Ich glaube, es gibt ein Wellental, aus dem du immer wieder hochkommen kannst. Und es gibt die Regel der sieben fetten Jahre, auf die sieben magere folgen. Das steht schon in der Bibel. Rückwirkend muss ich heute sagen, dass alles, was passiert ist, zu meinem Besten war und mich weitergebracht hat. Ich hätte in diesen Situationen wahrscheinlich anders reagiert, aber meine Frau hat mir erklärt, warum das alles notwendig ist.

Und die Künstler-Trennungen?
Herbert: Im Falle von Rainhard Fendrich war es ein Zerwürfnis, bei anderen Künstlern eine Entwicklung. Wie gesagt habe ich für die Karriere eines Künstlers eine Vision. Es gibt einen Weg und einen Zielpunkt. Er sieht vielleicht einen anderen Zielpunkt. Dann ist es besser, man trennt sich.
Georg: Es gehen auch 80 Prozent der Ehen kaputt. Das ist dasselbe in Grün.
Herbert: Aber es geht auch liebevoll. Der Ötzi ist ein ganz lieber, weicher, sympathischer Mensch. Er war nur ein bissi verloren in dieser Welt der Haifische. Wir fallen uns heute noch ehrlich um den Hals, wenn wir uns treffen. Aber nachdem er Nummer eins in England war, wollte er wie Rod Stewart sein und nur noch Rock ’n’ Roll singen. Ich habe ihm gesagt, dass in der Schublade vom Stewart schon zehn sitzen, die besser singen als er und wollte, dass er Balladen singt. Aber er war für Rock ’n’ Roll. Diesen Weg wollte ich nicht mitgehen. Und womit hatte er Erfolg? Einer Ballade namens „Ein Stern, der deinen Namen trägt“. Leider haben wir uns nicht die Zeit gegeben, den Weg so weit miteinander zu gehen.

Haben Sie Angst vor Misserfolg, Georg?
Georg: Natürlich habe ich Angst vor der Riesenverantwortung, die ständig wächst. Zur Zeit haben wir neun Mitarbeiter und im Veranstaltungs-Business ist es ja nicht so, dass du konstant Klopapier verkaufst, das jeder braucht. Aber es gibt Fehler, wenn ich das sagen darf, die mein Vater gemacht hat. Er hat mir nahegelegt, gewisse Dinge anders zu machen. Das werde ich definitiv tun. Er hat es auf dem harten und unangenehmen Weg gelernt. Da kann ich nun klüger vorgehen. Aber „from Hero to Zero“ ist es oft nicht weit.
Herbert: Der Georgie ist ein viel besserer Mensch als ich. Ich habe viele moralische Fehler gemacht. Daher habe ich meine Watsch’n bekommen, bis ich gelernt habe vom lieben Gott, was richtig ist. Wenn du Schlechtes tust, kommt Schlechtes zurück. So einfach ist das. Das wird dir erspart bleiben, Georgie, weil du so nicht denkst. Auf seinen Genen sitzt die Gutheit, obwohl man das nicht vermuten würde.
Georg: Man muss immer positiv denken, vorausschauen und Vollgas geben. Außerdem habe ich vom Vati gelernt, dass ein guter Manager ganz unten immer am stärksten ist.
Herbert: Ein Manager ist gut, wenn er die Negativspirale wieder umdrehen kann. Das hat Bill Gates schon gesagt. Aber der Georgie macht ja kein Personen-Management wie ich, sondern eine Show. Ich habe gelernt, dass ich bei der Arbeit nicht zu nahe an den Menschen kommen darf.

So wie bei Rainhard Fendrich?
Herbert: Ich habe für den Herrn Fendrich alles gemacht, alles. Geschenke für seine Frau gekauft und Flugtickets für seine Freundinnen gebucht. Er ist um 14 Uhr aufgewacht und hat gefragt: „Was muss ich heute machen?“ Wie eine Marionette, und das war ein Fehler. Ein Mensch ist keine Marionette. Ich habe auch sein Geld angelegt. Das alles war nicht meine Aufgabe. Ich muss Geld heranschaffen und dann muss er sich darum kümmern. Ich darf niemanden entmündigen. Das habe ich mittlerweile gelernt. Dieser Gefahr ist Georgie aber nicht ausgesetzt, weil er kein Manager im Persönlichen ist.

Es sind sicher beide Branchen herausfordernd. Was wünschen Sie einander denn?
Georg: Ich wünsche dem Vati, dass er irgendwann loslassen kann und sich nicht mehr so stressen muss. Und, dass ihm noch einmal der große Coup gelingt und er nicht mehr arbeiten muss – oder nur wenig. Die ältesten Menschen der Welt haben ihr Leben lang gearbeitet und ich will ja meinen Vater so lange wie möglich behalten.
Herbert: Und ich wünsche dem Georgie, dass er privat ein glückliches Leben führen kann, weil ich weiß, dass aus dem privaten Glück der Geschäftserfolg kommt.

Herbert Fechter, 68, wurde 1947 geboren. Mit 18 Monaten wurde er Halbwaise, weil sein Vater mit 48 Jahren starb. Fechter wuchs bei seiner Mutter und dem Stiefvater auf, den er sehr liebte. Seine Karriere begann er beim ORF als Autor und Regisseur. 1976 verantwortete er für die Olympischen Spiele in Innsbruck das Kulturprogramm und entdeckte seine Passion. Seit 40 Jahren managt Fechter erfolgreich Künstler und betreute viele Austro-Größen. Von einigen, wie Rainhard Fendrich, trennte er sich im Streit. Fechter ist seit 45 Jahren mit seiner Frau Elisabeth zusammen und hat mit ihr zwei Kinder: Veranstalter Georg und Designerin Niko.

Georg Fechter, 28, wurde 1988 als Sohn von Künstlermanager Herbert und Elisabeth, einer emeritierten Anwältin, geboren. Seine Schwester Nikola Fechter, 35, hat sich als Designerin einen Namen gemacht. Georg Fechter besuchte insgesamt sieben Schulen und konnte sich nicht unterordnen. Kurz vor der Volljährigkeit machte es zum Glück aber Klick. Heute ist er erfolgreicher Veranstalter von „Masters of Dirt“, laut Homepage „the World’s wildest Freestyle Motocross Show“. Sein Vater Herbert gibt Input, wenn nötig. „Er hat mir das Know-how gegeben, aber die Show ist mittlerweile meine Sache.“

INFO:Die Jubiläumsshow „Die Mönche des Shaolin Kung-Fu“ ist bis 14. Februar im Museumsquartier/Halle E zu sehen. www.fechter-management.com
Das Motocross-Spektakel „Masters of Dirt“ findet von 19. bis 21. Februar in der Wiener Stadthalle/Halle D statt. www.mastersofdirt.com