Leben/Gehen

Christian Seilers Gehen: Das sonderbare Haus

Die Taborstraße gehört ja fast zur Wiener Innenstadt, jedenfalls dort, wo sie beginnt, zwischen den einander zugeneigten Hochhäusern von Hans Hollein („News-Tower“) und Jean Nouvel („SO/Vienna“). Auf der Taborstraße gehe ich gern Richtung Karmelitermarkt oder besuche die feine Buchhandlung „tiempo nuevo“. Wenn ich weitergehe und nicht Richtung Augarten abbiege, fällt der Schick der Innenstadt schnell von den Fassaden ab. Wettstudios, Pizzaküchen, Sonnenbänke, Handygeschäfte, ein bisschen merkwürdiger Kunst-am-Bau, Gemeindebauten in der Schmucklos-Variante, ein Grillhaus, ein paar Leerstände – und dann dieses sonderbare Haus, Ecke Taborstraße, Am Tabor, das aussieht, als wäre es seinem eigenen Gewicht nicht gewachsen und versinke zusehends im Boden. Auf der Taborstraße schneidet der Gehsteig die Fenster im Erdgeschoß im unteren Drittel einfach ab. Am Tabor schützt ein kleiner, von Geländern geschützter Graben die Fenster vor dem Verschwinden unter dem Straßenniveau.

Natürlich frage ich mich, was einem Haus widerfahren sein muss, damit es versinkt. Antwort: Es versinkt nicht. Nur die Nachbarhäuser sind sicherheitshalber in die Höhe gewachsen.

Das kam so: Besagtes Haus wurde 1698 als Mauthaus für die Einhebung der Weg- und Brückenmaut errichtet. Das Mauthaus befand sich damals am Rand der weitläufigen Wasser- und Auenlandschaft der „Kleinen Donau“, über die eine im selben Jahr errichtete neue Donaubrücke führte. Wenige Jahre später, 1704, wurde der Linienwall, eine gewaltige Befestigungsanlage errichtet, der die Stadt zum Wasser hin abschloss. Das Mauthaus stand damals leicht erhöht an der Stadtgrenze, eine Institution während Jahrhunderten. Im Revolutionsjahr 1848 fanden hier Scharmützel zwischen der Akademischen Legion und Wiener Arbeitern statt, später im Jahr soll Feldmarschall Windisch-Graetz das Mauthaus zum Standgericht umfunktioniert haben.

Entscheidend für das vermeintliche Absinken des Hauses war aber erst die Donauregulierung in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts. Die bisherigen Wasserlandschaften der „Kleinen Donau“ wurden trocken gelegt und konnten jetzt bebaut werden. Es entstanden große Teile der heutigen Leopoldstadt, der Brigittenau und des Alsergrunds. Ein ständiges Problem war das Grundwasser. Um die frisch ausgehobenen Keller nicht zu gefährden, wurde das gesamte Gelände ungefähr zwei Meter hoch aufgeschüttet (exakt: „vier Meter über dem betreffenden örtlichen Nullwasserspiegel“, nachzulesen im faszinierenden Buch „Wasser Stadt Wien – Eine Umweltgeschichte“ der Boku Wien).

Während also die Umgebung des Mauthauses entsprechend diesen Bestimmungen neu verbaut wurde, blieb dieses auf seinem Niveau sitzen. Der Vorsprung von damals fiel den neuen Zeiten zum Opfer.

Ich überquere die Straße und betrachte das halb versunkene Mauthaus. Stelle mir den Asphalt als Sumpf vor und lausche dem zeitlosen Gesang der Vögel aus den Gärten der Gemeindebauten, die in meinem Rücken in den Himmel wachsen. Aber dann rauscht schon der Fünfer vorbei.