Leben

Christian Seilers Gehen: Marketing im Lainzer Tiergarten

Der Lainzer Tiergarten hat so etwas wie natürliche Ruhe- und Unruhezonen. Auf dem Weg vom Lainzer Tor zur Hermesvilla drängen sich noch die Spaziergänger, über deren Köpfen wie in Denkblasen die Sachertorte und die Melange zu schweben scheinen, die in der Labstelle am Zielort ausgegeben werden.
Vorne marschiert jeweils der Vater mit dem kleinen Rucksack, falls auf der 800 Meter langen Wanderung etwas Unvorhergesehenes passiert. Einen bis zwei Schritte dahinter die Mutter, die sowohl das Vorne als auch das Hinten im Blick behalten muss. Hinter ihr werden die Kinder jedoch von einer geheimnisvollen Kraft daran gehindert, Schritt zu halten. Sie fallen langsam zurück, wodurch der Abstand zwischen Mutter und dem unverdrossen vorneweg marschierenden Vater ebenso größer wird wie zwischen Mutter und Kindern, ein familienimmanentes Wandernaturgesetz.
Ich überholte mehrere solche Konvois, bog jedoch nicht mit ihnen zur Hermesvilla ab, sondern wählte den Wanderweg links, der Richtung Hirschgstemm führt. Sofort weniger Verkehr auf den Wegen, Ruhezone 2. Ich sah die Wanderprofis mit ihren gut definierten Waden entgegenkommen, die schon von ihrer Zwanzig-Kilometer-Runde zurückkehrten. Ich sah ehrgeizige Familienoberhäupter, die ihren Kindern vor der Sachertorte noch ein echtes Wildschwein zeigen wollten, wie sie hier oft im Unterholz zu sehen sind – nur heute nicht, man roch sie nur. Ich ließ also auch das „Papa-wo-ist-jetzt-das-Wildschwein?“-Gequengel hinter mir und fand mich rasch in der frühsommerlichen Paradieslandschaft, die der Lainzer Tiergarten in seinem Inneren ist: Ungemähte Lagerwiesen, aus denen die Farben wilder Blumen herausstechen; die rollenden Hügel des Wienerwalds; das Flattern und Singen der Vögel; der Duft nach Sommer. Hie und da das Keuchen eines ehrgeizigen Joggers, der wild entschlossen ist, Kilometer und Höhenmeter zu fressen. Sonst Zone 3: Ruhe und Schönheit.
Nach einer schwachen Stunde traf ich beim Hirschgstemm ein, einer sympathischen, in die Achselbeuge der Landschaft geschmiegten Tränke. Tische und Bänke aus grobem Holz, grauverwittert, dichte Weiden, die Schatten spenden, vereinzelte, freundliche Gäste, und ich hätte mir keinen schöneren Platz auf der Welt gewusst, wäre nicht kurze Zeit, nachdem ich meinen gespritzten Apfelsaft und den Strudel bestellt hatte, eine Frau im Wanderoutfit eingetroffen, die am Nebentisch Platz nahm, diesen aber augenblicklich in einen Schreibtisch verwandelte. Sie fischte Papiere, Kalender, Notizbuch und das unvermeidliche Mobiltelefon aus dem Rucksack und begann kurz darauf ohne jeden Zweifel an sich und der Angemessenheit ihres Tuns zu telefonieren. Marketingkonferenz, und von all diesen unerträglichen Phrasen – „Awareness steigern“, „Zielgruppe zuspitzen“, „Social-Media-Kampagne anpassen“ – ließ sie keine einzige aus.
Ich stürzte den Apfelsaft und schlang den Strudel hinunter, dann wanderte ich weiter Richtung Rohrhaus, und jeder Schritt, der mich von der Marketingkampagne weg trug, machte mich frei und glücklich.

christian.seiler@kurier.at

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