Chronik/Wien

Der lange Abschied eines Senators

Das Ende einer Ära zeichnet sich ab, wenn Senator Walter Nettig sein prächtiges Büro mit Blick über die Stadt im Harry-Seidler-Tower an der Reichsbrücke räumt. Vorerst wird noch alles gesichtet und in Kisten verstaut: Dokumente, Adresslisten, prächtig gestaltete Einladungen zu Treffen mit Wirtschaftsmagnaten und Erinnerungsstücke von den vielen Dienstreisen. Nettig: „Ich werde aber weiterhin mein Netzwerk zum Wohle der Stadt nutzen.“

Walter Nettig, 77, ist noch bis Ende Jänner „Sonderbeauftragter der Stadt Wien für internationale wirtschaftliche Angelegenheiten“, zuständig für die Ansiedlung ausländischer Betriebe in Wien und die Suche nach potenziellen Investoren.

„Schwer zu sagen, welche der angesiedelten Betriebe auf meinem Mist gewachsen sind. Da sind zu viele Stellen und Körperschaften damit verbunden. Aber es waren genug“, zeigt sich Nettig durchaus zufrieden.

Das Ablaufdatum seiner Profession war vier Mal verschoben worden. Immer wieder hatte Bürgermeister Michael Häupl den Vertrag verlängert, bis Nettig meinte: „Es ist Zeit, jüngeren Menschen die Chance zu geben, sich auf dem glatten Parkett der Wirtschaft zu bestätigen.“

Der langjährige Präsident der Wirtschaftskammer (1992–2004) und Vielflieger wurde vom Bürgermeister 1996 zum Sonderbeauftragten bestellt. Er sollte seine weltweiten Kontakte mit Schwerpunkt in den USA der Stadt zur Verfügung stellen. Was er mit Freude getan hat. Gegen großzügigen Spesenersatz und Büro, aber ohne Gehalt. Nettig: „Ich zahle sogar den Chauffeur aus der eigenen Tasche .“

Kommenden Woche wird noch eine Delegation von 15 Managern der Auto-Zulieferbranche in seinem Büro im obersten Stock des Seidler-Towers erwartet. Hier wurde vielen Delegationen das moderne Wien und der hier herrschende Unternehmergeist quasi zu Füßen gelegt.

Nettig ist Professor, Senator der TU-Wien, Kommerzialrat und Unternehmer aus Leidenschaft. Seine Fotokette hatte zur besten Zeit 28 Filialen. Einen prominenten Job mit dem dazugehörigen Titel hat Walter Nettig noch: Es ist Präsident der Wiener Sängerknaben.

Das prächtige Büro des Senators wird übrigens an den Vermieter zurückerstattet. Lange Zeit hielt sich nämlich das Gerücht, dass MichaelHäupl, wenn er einmal nicht mehr Bürgermeister sein wird, hier einziehen könnte ...