Chronik/Welt

Tiroler Dorf in Brasilien: Dreizehnlinden wird 80

Ende September in Dreizehnlinden. Es ist regnerisch, kühl, fast kalt. Claudia vom Hotel Alpenrose ist trotzdem gut aufgelegt. "Unser Ort feiert am 13. Oktober sein 80-jähriges Bestehen. Das gibt ein großes Fest, oder?" Eigentlich sagt Claudia ja "Fescht" und "odr", was inmitten des Alpenbarocks der Häuser rund um die doppeltürmige Kirche nicht weiter verwundert. Wäre da nicht ein kleines Detail: Dreizehnlinden heißt auch Treze Tilias und liegt etwas exotisch im Süden Brasiliens.

"Österreicher im Urwald" wurde daher auch ein 1993 erschienenes Buch über Dreizehnlinden betitelt. Darin ist nachzulesen, dass Tiroler und Vorarlberger zum Kern jener Emigranten zählten, die 1933 unter der Leitung des früheren Landwirtschaftsministers Andreas Thaler den Bergflecken im Bundesstaat Santa Catarina urbar machten. Brasilien bewarb damals die Einwanderung von Landwirten, auch weil durch die Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert das Riesenland schwer zu bestellen war.

Emigration von Not und Elend

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Thaler wiederum hatte schon länger Pläne gehegt, Bergbauern aus dem verarmten Österreich nach Südamerika umzusiedeln und dort eine genossenschaftlich organisierte katholische Siedlung zu errichten. Ständestaat-Bundeskanzler Engelbert Dollfuß unterstützte das Vorhaben auch finanziell, emigrierten mit den Bauern doch auch Not und Elend.

Thaler hatte schon Paraguay und Argentinien besucht, ehe er in Brasilien fündig wurde. Auch den Namen betreffend. In einer Bibliothek in Porto Alegre entdeckte er einen deutschsprachigen Roman von Friedrich Wilhelm Weber mit dem Titel "Dreizehnlinden". Der Entschluss war damit gefasst.

Thaler war der Spiritus Rector für die 86 Pioniere (bei weiteren 13 Transporten kamen insgesamt rund 749 Österreicher hierher), die das Land zu Fuß oder mit ein paar einfachen Ochsenkarren für sich in Beschlag nahmen. In Dreizehnlinden gab es anfangs kein Geld, vielmehr verteilte Thaler Gutscheine. So hatte er alles besser unter Kontrolle. Der Minister mit dem signifikanten Rauschebart starb 1939 bei einem Hochwasser.

"Noch lange sind da Pfeile umadumg'legen"


Einer der Pioniere war der Bruder von Sebastian Stöckl, der wenig später als Neunjähriger von Oberndorf ("Zwischen Kitzbichl und St. Johann") gemeinsam mit den Eltern und zahlreichen Geschwistern nach Brasilien nachzog. Der heute 87-Jährige wohnt noch immer mit seiner Frau Theresa in einem kleinen Haus gleich hinter der Kirche. Er erinnert sich, dass es anfangs Reibereien mit Indianern gab, die das Land als Jagdgebiet nutzten. "Noch lange sind da Pfeile umadumg'legen."

Und wenn "Wastl" und Theresa dann abends in der Küche mit Elfriede ("Frieda") Felder zusammenhocken, wird so manche Anekdote von früher ausgepackt. Etwa vom Kaufmann-Fritzl und dem Knolseisen-Sepp, die keiner Rauferei aus dem Weg gingen, oder einem besonderen Schluckspecht, dem die falschen Zähne ins Plumpsklo fielen, weil er beim Kirchfest nicht nur ein Glas zuviel getrunken hatte. Mitunter gab es bei Hochzeiten zu später Stunde auch Schüsse, oder es wurde das Messer ausgepackt. Trotzdem: "Schön war's", sagt der alte "Wastl", der nie nach Tirol zurück wollte: "Einmal war ich noch drüben, aber ich bin lieber in Brasilien. Man passt dort nicht mehr richtig dazu."

Impressionen aus Dreizehnlinden

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Molkerei als Aufstiegshilfe

Obwohl: Lange war Dreizehnlinden arm. 1969 aber kam Pfarrer Gottfried Otto Küng nach Treze Tilias. Und mit ihm eine gehörige Portion Tatkraft und Innovationsgeist. "Der Pfarrer Küng hat Dreizehnlinden in'd Hech brocht", ist Theresa Stöckl noch heute voller Bewunderung. Der aus Vorarlberg stammende Gottesmann gründete gegen erheblichen Widerstand die Molkerei "Tirol". Heute ist sie eine der größten in ganz Brasilien.

Küng blieb bis 1980. 2012 verstarb er in seinem Heimatort Bludenz. Den Dreizehnlindenern hatte er aber auch beigebracht, dass man mit dem Fremdenverkehr Geld verdienen kann, und so wichen die pittoresken aber doch ärmlichen Holzhütten von früher bald steinernen Tirolerhäusern, die gerade bei brasilianischen Gästen sehr beliebt sind. "O Tirol brasileiro" ("Das brasilianische Tirol") - auf 800 Metern Höhe gelegen - wurde vermarktet und ein gefragter Erholungsort mit 7.000 Einwohnern.

Griaß di! Pfiat di!

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"Heute geht es allen gut", meint Frieda Felder. Sie hat das österreichische Brauchtum immer gepflegt. Das war vor allem ab dem Zweiten Weltkrieg schwierig, weil die deutsche Sprache verboten wurde. Die 77-Jährige war dennoch jahrelang treibende Kraft bei den "Schuhplattlern". Diese führt heute ihr Sohn Erwin. Er arbeitet auch im Tourismus und findet es ganz normal, seine Gäste mit "Griaß di" willkommen zu heißen und mit einem zünftigen "Pfiat di" wieder zu verabschieden. Erzählt er vom vergangenen Winter, sagt er: "Hin und wieder hat's gschniebn."

Allerdings sind die Felders eher die Ausnahme der Regel. Selbst wenn die Musikkapelle Melodien schmettert, die einem Frühschoppen in der Wildschönau alle Ehre machen würden, heißt sie bereits "Banda dos Tiroleses". Und nicht jeder Trompeter mit Gamsbarthut spricht auch wirklich Deutsch. Über die Generationen ist die Sprache großteils verloren gegangen, zumal in Treze Tilias heute auch Brasilianer und Nachfahren anderer Emigranten (etwa aus Italien) wohnen.

Daher wird das zehn Tage lange dauernden Jubiläumsfest nicht nur Tirolerisch sein. Das stört Frieda Felder etwas. Aber weil sie kein Gehör fand, kümmert sie sich eben auf eigene Faust um das österreichische Erbe. In allen Facetten. Im Ortsteil Babenberg steht ein Denkmal für den Ständestaat-Kanzler. Es wurde 1959 zum 25. Jahrestag der Gründung der "Kolonie Babenberg" zu "Ehre und Gedenken der Bauern an den Gründer und Schutzherrn Dr. Engelbert DOLLFUSS" errichtet, wie auf einem Schild zu lesen ist.

Der portugiesische Text auf einer Steinplatte ist verwaschen und kaum noch zu lesen. Wagner (ein in Brasilien geläufiger Vorname) Thaler wird die Schriftzüge bis zum großen "Fescht" in Gold erneuern. Seine Oma Frieda hat ihn darum gebeten.

Der Schriftsteller Stefan Zweig (1881 – 1942) und Kaiserin Leopoldina (1797 – 1826) aus dem Hause Habsburg sind wohl die prominentesten österreichischen Emigranten nach Brasilien. Aber beileibe nicht die einzigen. Allein von 1921 bis 1937 wanderten 13.931 Österreicher in das südamerikanische Land aus. Im Lauf der Geschichte gab es mehrere Umsiedlungsprojekte. Nachhaltig war lediglich die Kolonie „Dreizehnlinden“ im südlichen Bundesstaat Santa Catarina. In „Treze Tilias“ lebt man bis heute gut vom exotischen Alpencharme. Die Emigration begann aber weit früher.

1825 Tiroler

Mit der Flucht des portugiesischen Königshauses vor den Truppen Napoleons nach Brasilien wurden 1808 die Häfen der damaligen Kolonie Brasilien auch für Nicht-Portugiesen geöffnet. Fortan rührte die österreichische Erzherzogin Leopoldine, ab 1817 Ehefrau des ersten brasilianischen Kaisers Pedro, in den deutschsprachigen Landen die Werbetrommel für Brasilien, um die Landwirtschaft zu forcieren und die Grenze zur Banda Oriental (heute Uruguay) durch Besiedelung besser zu sichern. So kamen 1825 Tiroler ins Land, die auch als erste jenen Landstrich bewohnten, wo später die Stadt Petropolis als Sommerresidenz der portugiesischen Könige errichtet wurde.

Dem Bevölkerungsaustausch lagen einerseits die ärmlichen Lebensbedingungen in den ruralen Gebieten Europas zugrunde, anderseits sollten europäische Billigarbeiter auch jene Löcher stopfen, die im brasilianischen Arbeitsalltag durch das Verbot der Einfuhr afrikanischer Sklaven entstanden war. Wie viele „Untertanen des Kaiserhauses“ bis Ende des 19. Jahrhunderts ihr Glück in Brasilien suchten, ist laut der Südamerika-Forscherin Ursula Prutsch von der Universität München nur noch schwer nachvollziehbar. Einerseits fehlte es an Statistiken, andererseits kamen die Auswanderer aus allen Teilen der Monarchie. Eine „ethnische Zuordnung“ ist heute nicht mehr möglich.

Glücksritter

Manche brasilianische Staaten – wie Sao Paulo – verfolgten damals eine geradezu aggressive Einwanderungspolitik. Auch tausenden Österreichern wurden die Reisekosten vorgestreckt und Starthilfen für landwirtschaftliche Existenzgründungen gegeben. Dokumentarisch belegt ist, dass 1919 nach dem Zerfall der Monarchie 850 arbeitslos gewordene k.u.k-Soldaten – darunter zahlreiche in der neu ausgerufenen Republik ihres Standes verlustig gegangene Offiziere - unter der Leitung von Rittmeister a. D. Othmar Gamillscheg nach Brasilien übersetzten, weil sie hofften, auf einer ihnen überlassenen Kaffeehazienda schnell zu Reichtum zu kommen.

Die Träume der agrarisch nicht geschulten Glücksritter verflüchtigten sich so schnell wie sie selbst. Die „Aktion Gamillscheg“ zerstreute sich. Die meisten der ehemals enthusiastischen Mitglieder zogen in die Metropole Sao Paulo, wo sie als Lehrer, Pianisten oder Gastwirte ihr Durchkommen fanden.

Dreizehnlinden

Einer machte jedoch Karriere: Walther von Schuschnigg, Cousin des späteren Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg, avancierte zum österreichischen Konsul. Er stellte auch die Weichen dafür, dass zwischen 1933 und 1938 fast 800 Österreicher – vordringlich aus Tirol und Vorarlberg – im südlichen Bundesstaat Santa Catarina die Kolonie „Dreizehnlinden“ („Treze Tilias“) besiedelten. Der ehemalige Landwirtschaftsminister Andreas Thaler aus der Oberwildschönau sicherte sich mit Schuschniggs Fürsprache auch die finanzielle Unterstützung von Ständestaat-Kanzler Engelbert Dollfuß zu.

Ganz im Sinne der Österreich-Ideologie des Ständestaates wurde in Dreizehnlinden das katholische Österreich-Bewusstsein hochgehalten, auch als Abgrenzung zu den in der Region bereits existierenden deutschen Kolonien. Nicht wenige der Einwanderer waren zudem Veteranen des Ersten Weltkriegs, die angesichts des neuerlich dräuenden Schlachtens einem Einberufungsbefehl entgehend wollten. Dieser wurde ihnen zwar nach dem "Anschluss" nach Dreizehnlinden nachgeschickt, einen Zugriff auf die Männer hatte das Deutsche Reich aufgrund diplomatischer Differenzen mit Brasilien freilich nicht.

„Der Vater hat die Briefe gleich verbrannt. Er ist ja nicht deppert und geht zurück, um in den Krieg zu ziehen, hat er g'sagt“, erzählte die heute 88-jährige Sofie Kandler, die im Alter von neun Jahren nach Dreizehnlinden gekommen war, bei einem Lokalaugenschein im APA-Gespräch. Heute lebt Treze Tilias vom Fremdenverkehr und profitiert maßgeblich von der örtlichen Architektur im Stil eines Tiroler Skiortes.

Jüdischer Exodus

Während des Nationalsozialismus gab es einen Exodus jüdischer Flüchtlinge nach Brasilien. Stefan Zweig war dabei sicher die emblematischste Figur. Während der Schriftsteller am Exil zerbrach und sich das Leben nahm, etablierten sich andere Emigranten federführend im wissenschaftlichen und kulturellen Leben in Brasilien. Sie prägten Brasilien als vielschichtiges, multikulturelles Land.

Heute sind im Alltagsleben der Brasilianer beispielsweise die Produkte des in Treze Tilias ansässigen Molkerei-Konzern "Tirol" präsent. Aber es gibt auch andere rot-weiß-rote Farbtupfer. Nehmen wir etwa den Oberösterreicher Herwig Gangl, der in Belo Horizonte seit zwanzig Jahren eine Brauerei betreibt. Glaubt man brasilianischen Bierfreunden, ist die Cerveja „Austria“ durchaus eine Bereicherung der kulinarischen Vielfalt Brasiliens. Und eigentlich ist Österreich im ganzen Land allgegenwärtig. Die Farbe Gelb in der gelb-grünen Staatsfahne stammt nämlich von den Habsburgern.