Chronik/Österreich

"Verkehrsschilder haben nix auf dem Gehsteig verloren"

Ein damals 30-jähriger Absolvent der Universität Wien hat im Jahr 1988 gemeinsam mit Verkehrswissenschaftlern und Vertretern von Verkehrsbürgerinitiativen den VCÖ gegründet. Aus Überzeugung, dass es eine sanftere Mobilität im Land braucht. Der Pionier hat in die Gründung des Verkehrsclubs viel Zeit und auch privates Geld investiert. Er wurde anfangs von den Verantwortlichen des ÖAMTC und des ARBÖ im besten Fall milde belächelt.

Heute ist Willi Nowak 55 und der Chef einer in Österreich weitgehend anerkannten Institution, die Lobbying für Radfahrer, Fußgänger, Benützer öffentlicher Verkehrsmittel und umweltbewusste Autofahrer betreibt. Im VCÖ-Büro in Wien-Margareten arbeiten derzeit zehn Verkehrsexperten sowie bis zu acht Zivildiener und Praktikanten.

Im KURIER spricht Nowak über die Zukunft des Autos, die Vorteile des Rad- und des Bahnfahrens und das Verbannen der Straßenverkehrszeichen von den Gehsteigen.

KURIER: Wie sind Sie heute ins Büro gekommen?
Willi Nowak:
So wie an jeden anderen Tag auch, mit meinem Fahrrad.

Ist Ihnen das nicht zu mühsam?
Keineswegs. In meinem Alter ist Radfahren perfekt, vor allem, um meine Fitness zu erhalten. Und das wirkt! Ich war in den vergangenen 25 Jahren alles in allem nur drei Tage im Krankenstand.

Wie beschreiben Sie die Faszination des Radfahrens in der Stadt?
Das ist für mich die pure Selbstbestimmtheit. Ich bin in der glücklichen Lage, mir aussuchen zu können, wann ich wo fahren möchte. Und ich bin immer pünktlich. Als Inhaber eines Fahrrads und einer Jahresnetzkarte der Wiener Linien kenne ich die Sorgen rund um das Parkpickerl und die Suche nach einem Parkplatz persönlich nur vom Hörensagen. Diese Freiheit sollten sich mehr Menschen gönnen.

Der VCÖ feiert heuer ein rundes Jubiläum. Was hat sich seit der Gründung des Verkehrsclubs vor 25 Jahren auf Österreichs Straßen alles verändert?
Die Haltung der Österreicher zum Auto. War es vor 25 Jahren noch in erster Linie Statussymbol, steht heute das Nützen klar vor m Besitzen. Vor allem die Jungen in den urbanen Ballungsräumen messen dem Auto weniger Bedeutung zu. Auch der Trend zur Multimodalität hat sich stark beschleunigt. Die meisten Menschen nützen heute je nach Zweck unterschiedliche Verkehrsmittel, nicht mehr nur eines (siehe auch Seite 20).

Sie wurden anfangs von ÖAMTC und ARBÖ nicht ganz ernst genommen. Heute gibt es auch dort Abteilungen für sanfte Mobilität. Eine Genugtuung?
Ja, weil sich die ursprünglich reinen Autofahrerclubs langsam einem modernen Mobilitätsverständnis nähern. Es freut mich, dass beide heute auch Service-Leistungen für Radfahrer anbieten. Inzwischen hat sich ja zum Glück die Erkenntnis durchgesetzt, dass es „den“ Autofahrer und „den“ Radfahrer nicht mehr gibt.

Können Sie den neuen, weniger Treibstoff verbrauchenden Auto-Modellen etwas abgewinnen?
Faktum ist, dass die Schere zwischen versprochenem Norm- und realem Spritverbrauch immer weiter auseinander geht. Ein Teil der Einsparungen findet nur auf dem Papier statt. Das liegt daran, dass die Testfahr-Zyklen noch immer nicht das reale Fahrverhalten abbilden. Was auch bedeutet, dass Autofahrer real um bis zu einem Drittel mehr Treibstoff tanken als ihnen beim Kauf des Fahrzeugs vermittelt worden ist. Hier müsste der Konsumentenschutz aktiv werden.

Mobilität 2025 – derzeit viel diskutiert. Wo sehen Sie das Auto in Zukunft?
Wenn wir unsere Klimaschutz- und Energie-Ziele erreichen wollen, wird es eine weitgehende Elektrifizierung des Verkehrs geben müssen. Das Rückgrat dafür können nur die Öffis sein. Die Feinverteilung wird über E-Cars und E-Bikes erfolgen. Ich bin auch überzeugt, dass das Gehen in den Städten wieder zur hauptsächlichen Fortbewegungsform wird. Verkehrsschilder für Rad- und Autofahrer haben daher nix auf dem Gehsteig verloren.

Wollen Sie sie auf die Straße stellen?
Ich will damit nur sagen: Stellt die Schilder nicht den Fußgängern in den Weg, überlegt euch andere Lösungen für den Autoverkehr. Zum Beispiel Bodenmarkierungen oder die Schilder an die Hauswände.

Die West- wird derzeit zu einer der modernsten Bahnstrecken Europas ausgebaut. Gleichzeitig klagen viele Bahn-Pendler über Verschlechterungen auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit. Wie kann ihnen geholfen werden?
Wir benötigen dringend eine Investitionsoffensive in den öffentlichen Nahverkehr, vor allem in den Ballungsräumen, vor allem in moderne S-Bahn-Systeme – so wie das in Vorarlberg, Tirol und in der Steiermark mit einem durchgängigen Taktfahrplan vorgelebt wird.

Wer ist hier gefragt?
Durchführen müssen das die Bahngesellschaften, bestellen und damit großteils auch bezahlen müssen es die Bundesländer.

Den vom VCÖ ausgeschriebenen Mobilitätspreis gewinnen seit Jahren vor allem innovative Gemeinden und Betriebe aus dem Ländle. Sind die Vorarlberger den anderen einen Schritt voraus?
Die Vorarlberger waren über viele Jahre einen Schritt voraus, auch deshalb, weil sie die Vorbilder aus der Schweiz vor der Haustür haben. Inzwischen gibt es aber auch in Wien und in anderen Bundesländern Betriebe und Gemeinden, die Herausragendes umgesetzt haben.

Wien wird sich heuer als Welthauptstadt der Radfahrer präsentieren und auch Gastgeber eines internationalen Kongresses sein. Ist der Titel Welthauptstadt nicht übertrieben?
Ja, das sehe ich auch so. Wien ist wohl auf einem guten Weg, weil der Radverkehranteil nachweislich steigt, mit sechs Prozent Radfahrern am Gesamtverkehr wurde bisher aber nur ein Drittel des Potenzials erreicht. Zum Vergleich: In Kopenhagen wird eine Erhöhung des Radverkehrsanteils im Berufsverkehr von derzeit 35 auf 50 Prozent angestrebt. Was Wien allerdings heute schon auszeichnet, ist der hervorragend genützte öffentliche Verkehr, Tendenz steigend.

Sie haben den VCÖ auch mit eigenem finanziellen Risiko gegründet. Würden Sie alles genauso wieder machen?
Wenn es ihn nicht schon gäbe, müsste der VCÖ heute gegründet werden, denn Mobilitätsfragen sind wichtiger denn je. Als Junger traut man sich, mit wenig finanziellem Startkapital ein Unternehmen zu gründen, das würde ich heute vielleicht anders machen. Schön ist, dass Gedanken, für die wir vor 25 Jahren geprügelt wurden, heute Allgemeingut sind. So sind die Gesundheitsgefahren der Diesel-Fahrzeuge, die lange als umweltfreundlich galten, heute allgemein bekannt.