Chronik/Österreich

Vergewaltiger sieht sich als Justizopfer

Sogar dem Staatsoberhaupt hat Kurt N. aus Vorarlberg bereits sein Leid geklagt. Unschuldig verurteilt sei er. Ein Justizopfer. „Die Bundespräsidentschaftskanzlei hat mir zurückgeschrieben, dass mein Gnadengesuch abgelehnt wurde“, sagt Kurt N. im KURIER-Gespräch. „Dabei wollte ich keine Gnade, sondern Gerechtigkeit. Ich bin zu Unrecht als Kinderschänder vorverurteilt.“

Wie berichtet, hat Kurt N. im März dieses Jahres siebeneinhalb Jahre Haft ausgefasst. Das Oberlandesgericht Innsbruck hatte ein Urteil des Landesgerichtes Feldkirch bestätigt und Kurt N. für schuldig befunden. Schuldig, seine Stieftochter im Alter von sieben bis 16 Jahren sexuell missbraucht und vergewaltigt zu haben. Das Urteil ist rechtskräftig. N. ist somit nicht vorverurteilt, sondern verurteilt.

Trotz Verurteilung frei

Dennoch ist er derzeit auf freiem Fuß. Sein Opfer, die heute 25-jährige Jaqueline Mäser, übte daran im KURIER herbe Kritik (mehr dazu hier). N. hat aus Krankheitsgründen um Haftaufschub angesucht. Das Gericht ordnete eine Prüfung an. Der Psychiater Reinhard Haller soll ein Gutachten erstellen. „Der Termin mit Haller ist schon vorbei. Ich warte jetzt auf das Gutachten“, sagt Kurt N. An Dystonie, einer Nervenerkrankung, leide er. „2012 wurde ich operiert, und es kann sein, dass ich noch einmal zu einer Hirnoperation muss.“ Seine Krankheit werde durch die „psychologische Belastung immer schlimmer“.

Die rechtskräftige Verurteilung nimmt er nicht zur Kenntnis. Er habe seine Tochter nicht missbraucht. „Ich hatte nie Zweifel, dass ich freigesprochen werde.“ Die Gerichte sahen dies anders. Er spricht von einem „Sauhaufen im österreichischen Staat“. Er werde „bis zum Schluss darum kämpfen“, nicht ins Gefängnis zu müssen. Jaqueline Mäser, sein Opfer, hat nach wie vor Angst, ihm in Vorarlberg über den Weg zu laufen.

„Auch bei so einem Verbrechen lässt das Gesetz einen Antrag auf Haftaufschub zu“, erklärt Norbert Stütler vom Landesgericht Feldkirch. Jetzt sei der Gutachter am Zug, aufgrund dessen Expertise weitere Schritte eingeleitet werden. Auch wenn der Verurteilte krank sei, sehe das Gesetz Maßnahmen vor, ihn in Haft zu nehmen. „Strafvollzugsortänderung“ heißt das im Juristen-Jargon. Statt eines Gefängnisses könnte die Haft in einer „psychiatrischen Anstalt oder auch in einem Krankenhaus vollzogen werden“, erklärt Stütler.

Ein Rechtsexperte, der nicht genannt werden will, meint dazu: „Es schaut für einen objektiven Betrachter nicht gut aus, wenn ein verurteilter Sexualstraftäter auf freiem Fuß ist. Aber die Richter müssen sich an die Gesetze halten.“ Der Strafrechtsexperte Helmut Fuchs zur Causa: „Offenbar geht das Gericht davon aus, dass von dem Mann keine Gefahr droht.“

Neun Jahre hindurch vergewaltigt

Der Mann hat seine Stieftochter neun Jahre hindurch vergewaltigt. Seine leibliche Tochter lebt seit geraumer Zeit in einer betreuten Wohngemeinschaft. Wie aus gut informierten Kreisen zu hören ist, wurde sie in dem fünf Jahre währenden Strafverfahren nie einvernommen. Auch ihr Bruder nicht.

Kurt N. wohnt seit einiger Zeit bei einer neuen Lebensgefährtin und deren beiden jungen Kindern (Sohn und Tochter). Auch hier hakten, so Beobachter des Prozesses, Staatsanwaltschaft und Gericht nicht nach. Von beiden Institutionen erhält man diesbezüglich nur Schweigen. Die Verhandlungen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, deswegen könne dazu keine Stellungnahme abgegeben werden.

Die Mutter des Opfers, Doris Mäser, ist seit 2008 von Kurt N. geschieden. Sie macht sich schwere Vorwürfe, all die Jahre keine Anzeichen eines Missbrauchs bemerkt zu haben (das gesamte Interview lesen Sie unten). „Ich musste öfter in die Schule, weil Jaqueline auffällig war. Ich dachte immer, dass es an mir lag. Dass ich zu streng mit ihr war. Dass Missbrauch durch meinen Mann dahinterstecken könnte, kam mir nie in den Sinn.“ Erst als sich Jaqueline im Alter von 17 das Leben nehmen wollte, seien ihr die jahrelangen Qualen bewusst geworden.

Jaqueline Mäser hofft nach wie vor, dass ihr ehemaliger Stiefvater ihr bald nicht mehr über den Weg laufen kann. Wie sagte Sie im KURIER-Interview: „Den Täter nochmal zu sehen, ist scheiße.“

KURIER: Frau Mäser, es klingt unwahrscheinlich, dass eine Mutter neun Jahre lang nicht bemerkt, dass ihr Kind vom Stiefvater missbraucht wird.
Doris Mäser:
Das Thema Missbrauch existiert im Leben nicht. In unserem schönen Land passiert so etwas nur, wenn es in der Zeitung steht.

Gab es keine Anzeichen?
Man heiratet einen Mann, dem man Vertrauen schenkt. Und man vertraut sein Kind dem Mann an. Später musste ich öfter in die Schule, weil Jaqueline auffällig war. Ich dachte immer, dass es an mir lag. Dass ich zu streng mit ihr war. Dass Missbrauch durch meinen Mann dahinterstecken könnte, kam mir nie in den Sinn.

Waren Sie nicht zuhause, als der Missbrauch geschah?
Es wird passiert sein, wenn ich arbeiten und er zuhause war. Oder, wenn ich mal abends zu einer Freundin gegangen bin und er erst etwas später nachgekommen ist. Heute glaub ich, dass es sogar passiert ist, während ich daheim war. Wenn ich ihn gebeten habe, Jaqueline ins Bett zu bringen. Da macht man sich ja nicht den geringsten Gedanken, dass der Mann, den man liebt, etwas Unanständiges macht.

Ihre leibliche Tochter, die sie mit Jaquelines Stiefvater gemeinsam haben, ist nicht betroffen?
Für mich gibt es schon Hinweise und Parallelen. Aber das ist noch nicht geklärt. Derzeit habe ich ja keinen Kontakt zu meiner zweiten Tochter, sie lebt in einer Wohngemeinschaft.

Wann wurde Ihnen der Missbrauch bewusst?
Als meine Tochter den Suizid-Versuch gemacht hat und ins Koma gefallen ist. Da war mir klar, dass das ihr Hilferuf ist: „Ich oder er“. Ich habe dann Freunde von ihr kontaktiert und habe ihre Texte gesehen, die sie im Internet in einem Poesieforum geschrieben hat. Da gab es schon Andeutungen auf den Missbrauch.

Ihr Ex-Mann hat aus gesundheitlichen Gründen um Haftaufschub angesucht…
Meine Tochter ist mit 16 zum Psychiater gekommen. Zur gleichen Zeit hat er plötzlich seine Nervenerkrankung bekommen und dadurch einen schiefen Kopf. Seine einzige Krankheit war aber die Angst, dass alles rauskommt.

Seit wann sind Sie von ihm getrennt?
Ich habe mich 2008 scheiden lassen.

Geben Sie sich Schuld an allem was passiert ist?
Natürlich mache ich mir Vorwürfe, natürlich gebe auch ich mir Schuld an dem was passiert ist. Ich habe es einfach nicht gesehen, oder die Anzeichen nicht erkannt oder nicht wahrnehmen wollen.