Blick auf Meran

Südtirol-Geheimtipp: Diese Stadt ist mondäner als gedacht

Die einstige Hauptstadt von Tirol bietet eine geniale Mischung aus altem Sisi-Charme und junger Kulinarik.

Es wundert nicht, dass Kaiserin Elisabeth angetan war. Denn Meran bietet eine faszinierende Synthese aus mediterranem Flair und schneebedeckten Dreitausendern in Griffweite. Wiewohl die Stadt einst enorme Bedeutung hatte (das Dorf Tirol ist nur ein paar Kilometer entfernt), war sie jahrhundertelang geradezu verwaist: Die Habsburger hatten alle wichtigen Einrichtungen nach Innsbruck beziehungsweise Hall verlegt.

Die klimatischen Vorzüge entdeckte erst der Arzt von Fürstin Schwarzenberg 1836. So begann allmählich der Aufschwung als Kurort des Adels. Und die Influencerin Sisi, 1871 mit einem 100-köpfigen Hofstaat eingeritten, sorgte für einen Gästeboom.

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©Grafik

Ihr zu Ehren gibt es daher den „Sissi-Weg“ (die Meraner halten sich an die Orthografie der Filme mit Romy Schneider): Er führt von der Kurpromenade und dem Kurhaus aus 1874 samt der Jugendstil-Erweiterung über die gediegene Wandelhalle und die Sisi-Statue im Elisabeth-Park an prächtigen Herrschaftshäusern und Gartenanlagen vorbei zum Schloss Trauttmansdorff, in dem die Kaiserin logierte. Auch der Tappeinerweg, benannt nach dem Kurarzt Franz Tappeiner, von der Gilfpromenade und dem Pulverturm nach Gratsch lohnt. Denn Meran, umsäumt von Weinhängen und Apfelplantagen, ist ein blühendes Paradies.

Denkmal für Franz Tappeiner an der Passerpromenade.

Liebevoll gestaltete Parks: Denkmal für Franz Tappeiner an der Passerpromenade.

©Thomas Trenkler

Das Zentrum hingegen hat man schnell durchmessen: Es erstreckt sich nur ein paar Hundert Meter vom Pfarr- bis zum Kornplatz. Doch die gotische Laubengasse mit seinen Arkaden ist eine betörende Einkaufsmeile. Nur ein wuchtiges Gebäude mit Uhrturm stört das homogene, dichtest bebaute Ensemble: Die Meraner verübeln es dem Duce noch immer, dass er mitten im historischen Stadtkern das Rathaus errichten ließ. Und sie würdigen das Ende des Faschismus, der den Südtirolern das Deutsch verbieten wollte, mit der boulevardartigen Freiheitsstraße, die parallel zu Kurpromenade und Laubengasse verläuft.

Blick in die Therme Meran

Blick in die Therme Meran

©Thomas Trenkler

Verblüffend mondän

Wiewohl die Stadt mit 42.000 Einwohnern deutlich kleiner als St. Pölten ist: Hier gibt es Geschäfte und Modeboutiquen, die man eher in Mailand vermuten würde. Ja, das palmenbestandene Meran ist verblüffend mondän. Hier versteht man zu leben. Das hängt mit dem Tourismus zusammen (das Gegenstück zur Altstadt auf der anderen Seite der Passer ist die weitläufige Therme samt Wellnesshotel), aber nicht nur: Beim örtlichen Meinl am Graben, also beim Siebenförcher, überfordert einen fast die Auswahl an Schüttelbrot und Schinken. Ein Einkauf ist Pflicht.

Schokolade, Schüttelbrot und Schinken

Um die weiteren herausragenden Läden zu entdecken, braucht es allerdings Empfehlungen. Versteckt hinter einem Durchgang vom Rennweg schöpft René Romen (5IFTY 8IGHT) hochwertigste Schokolade aus Kakaobohnen, die er direkt aus Südamerika und Madagaskar bezieht.

René Romen (5IFTY 8IGHT)

René Romen (5IFTY 8IGHT)

©Thomas Trenkler

Nicht weit entfernt liegt die Bäckerei Forno, die lediglich am Samstag und Mittwoch von 9 bis 13 Uhr geöffnet hat. „Der Sauerteig gibt vor, wann ich mein Brot verkaufen kann“, sagt Ivo de Pelegrin, der die Slow-Food-Akademie nahe Turin besucht hat. Man kann ihm durch die Glasscheiben bei der Arbeit zuschauen. An den drei Produktionstagen verarbeitet er je hundert Kilo Mehl: „Ich habe jedes Brot mehrfach in der Hand.“

Bäcker Ivo de Pelegrin

Ivo de Pelegrin bäckt tatsächlich selber – grandioses Brot. 

©Thomas Trenkler

Er lebt Transparenz vor – und kritisiert die EU-Verordnung, nach der über fünfzig Zusatzstoffe beigefügt werden dürfen, ohne sie deklarieren zu müssen. Und er verwendet Bio-Mehl, leider gibt es davon zu wenig im gebirgigen Südtirol. Es gibt nur fünf Brotsorten – und keine Cornetti. Weil die Herstellung aufwendig ist, müsste er vier Euro verlangen, die würde aber niemand zahlen.

Info

Anreise
Mit dem Zug ist man in 7:20 Stunden von Wien in Meran (Umsteigen in Innsbruck und am Brenner, oebb.at).

Therme 
Das luxuriöse Hotel Therme Meran bietet ein enormes Spa-Angebot an – samt Wahnsinnssicht vom Dach. Über einen „Bademanteltunnel“ gelangt man zudem in die Thermenanlage, entworfen von Matteo Thun. hoteltermemerano.it/de

Auskunft 
merano-suedtirol.it/de, http://suedtirol.info/

Wenn ein Restaurant die Köstlichkeiten von Ivo kredenzt, kann man das als Indiz für die Qualität der Küche werten. Im cool designten „Meteo“ wird man nicht enttäuscht werden. Und auch nicht im Feinschmecker-Restaurant „Zur blauen Traube“ in Algund, ein paar Kilometer in Richtung Reschenpass. Christoph Huber kocht „radikal lokal“ – und fantastisch. Zu Mittag für alle, zum Beispiel ein Risotto, am Abend für die Gourmets. Es heißt übrigens: der Risotto.

Thomas Trenkler

Über Thomas Trenkler

Geboren 1960 in Salzburg. Von 1985 bis 1990 Mitarbeiter (ab 1988 Pressereferent) des Festivals „steirischer herbst“ in Graz. Seit 1990 freier Mitarbeiter, von 1993 bis 2014 Kulturredakteur bei der Tageszeitung „Der Standard“ in Wien (Schwerpunkt Kulturpolitik und NS-Kunstraub). Ab Februar 2015 Kulturredakteur beim “Kurier” Kunstpreis 2012 der Bank Austria in der Kategorie Kulturjournalismus für die Recherchen über die NS-Raubkunst seit 1998 und die kontinuierliche Berichterstattung über die Restitutionsproblematik (Verleihung im Februar 2013).

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