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Heiße Quelle, junger Wein: Ein Stück Europa, das noch nicht jeder kennt

Im Dreiländereck, an der Grenze zu Nordmazedonien und Griechenland, versteckt sich eine Region im Süden Bulgariens, die mit Wein, Kultur und mediterran-kontinentalem Klima lockt.

Im Südwesten des Landes – entlang des Struma-Flusses, wo es gebirgig und grün ist – ist Bulgarien vom Massentourismus noch weit entfernt.

„Es gibt viel mehr zu entdecken als den bulgarischen Ballermann an der Schwarzmeerküste“, sagt Veneta Tabakov Vassilev vom Reiseveranstalter Intervega Reisen aus Wien. Ihre Mission ist es, neue Destinationen in Bulgarien auf die touristische Landkarte zu bringen. „Leider sind die Bulgaren zu bescheiden. Wir müssen lernen, stolzer und selbstbewusster zu sein!“

Es ist eine komplizierte Geschichte, die das Land hinter sich hat: Fünfhundert Jahre osmanische Besatzung und Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang haben Spuren hinterlassen. Heute ist Bulgarien mit rund 6,4 Millionen Einwohnern eine Demokratie. Seit 2007 gehört das Land zur Europäischen Union, seit Anfang des Jahres wird mit dem Euro bezahlt.

In Rupite, einem kleinen Teil der Gemeinde Petritsch, genießen Dorfleute einen sonnigen Oktobertag. Sie rauchen – die Männer, und die schlammigen heißen Quellen, in denen sie sitzen. Bulgarien zählt zu den Ländern mit den meisten natürlich vorkommenden Thermalquellen in Europa, viele davon hier im Südwesten des Landes.

Thermalquelle in Bulgarien

Bulgarien zählt zu den Ländern mit den meisten natürlich vorkommenden Thermalquellen in Europa.

©Nina Hierzenberger

Der Eintritt ist gratis, es gibt einfache Holzverschläge zum Umziehen und eine mobile Toilette. Veränderung ist unweigerlich im Anmarsch: Direkt nebenan entstehen ein Campingplatz, eine Hotelanlage und eine Jugendherberge. Neue Infrastruktur, inklusive elektrischer Bahn, soll mehrere Attraktionen verbinden. 

Nur wenige Minuten Fußmarsch entfernt befindet sich am Fuße eines erloschenen Vulkans der gepflegte Komplex, in dem Baba Wanga begraben liegt – jene blinde Wahrsagerin, die für viele abergläubische Bulgarinnen und Bulgaren noch immer ein spirituelles Symbol der Heilung und Hoffnung darstellt. Sie lebte knapp fünfzig Jahre in Petritsch. „Ich ziehe dorthin, wo viele Prinzen und Könige begraben sind“, soll sie kurz vor ihrem Tod gesagt haben, als sie den Park samt Grabstätte errichten ließ.

Die Antike kehrt zurück

Sie sollte recht behalten. Anfang der 2000er-Jahre wurde vor den Toren von Rupite die antike Stadt Heraclea Sintica entdeckt, über deren Lage Wissenschafter zuvor fast hundert Jahre lang gestritten hatten. Bevor sie von einem Erdbeben verschüttet wurde, war die thrakische Siedlung aus dem vierten Jahrhundert vor Christus eine blühende Handelsstadt – und eine der königlichen Residenzen der Makedonen. Von hier aus startete Alexander der Große seine ersten militärischen Kampagnen.

 Antike Stadt Heraclea Sintica

 Antike Stadt Heraclea Sintica

©Nina Hierzenberger

Heute sind auf dem Gelände, das erst zu rund einem Zehntel freigelegt ist, Abschnitte der Stadtmauer, die Überreste eines riesigen römischen Forums, Teile einer frühchristlichen Basilika und ein beeindruckend komplexes System an Entwässerungskanälen zu sehen. Die Skulpturen, darunter ein seltener Herkules mit erhaltenem Kopf, sind im Historischen Museum von Petritsch ausgestellt.

„Es ist eine große Sache für eine so kleine, ländliche Region, etwas von so hoher kultureller und internationaler Bedeutung zu finden“, erzählt Mariya Tancheva von der Stadtgemeinde stolz. Man hofft, eine Gladiatorenarena zu finden – um noch mehr Interesse von internationalen Touristen zu wecken.

Bis 1990 durfte Petritsch wegen seiner Lage im Grenzgebiet zum kapitalistischen Griechenland nur mit behördlicher Einladung betreten werden. Heute ist es mit seinen rund 25.000 Einwohnern eine Kleinstadt wie viele am Balkan: Plattenbauten, kleine Cafés, Marktstände. Männer in Jogginganzügen trinken Bier und rauchen Zigaretten, während sich Schulkinder in der Pause Pizzaschnitten holen. In den Restaurants ist es laut, auf den Fernsehgeräten laufen Sportübertragungen und Folkloremusik. Die regionale Küche ist ein herzhafter, bodenständiger Mix aus Balkan, Orient und Mittelmeer: aromatische Hausmannskost mit Fleisch, Gemüse und Gewürzen. Hippe Matcha-Bars und Specialty Coffee sucht man vergeblich.

Kleine Stadt, große Pläne

Auf dem Hauptplatz wurde mit EU-Fördermitteln ein modernes Kulturhaus gebaut, das alle Stücke spielt: Mit Kino, Bibliothek, Musikschule und Veranstaltungssaal ist es heute das kulturelle Herz der Stadt. Seit zehn Jahren ist Dimitar Bratschkow Bürgermeister von Petritsch, in der Zeit wurde viel in Infrastruktur, Bildung und Sozialarbeit investiert. Bratschkow träumt davon, dass mehr Touristen und Touristinnen aus aller Welt kommen, um die Vielfalt der Region zu bewundern: „Wir haben das ganze Jahr über etwas zu bieten: Berge, Thermalbäder, Archäologie und Gastronomie.“

Ausflugsziele gibt es in der Umgebung zahlreiche. So lohnt sich etwa ein Besuch des malerisch an den südlichen Hängen des Ograzhden-Gebirges gelegenen Churilovo-Klosters. Zwischen Kastanien- und Obstbäumen erzählt es eindrucksvoll die Geschichte der bulgarischen nationalen Wiedergeburt.

Churilovo-Kloster

Churilovo-Kloster

©Nina Hierzenberger

„Vor zehn Jahren lebten nur noch vier Menschen im Ort“

Nicht weit davon entfernt hat sich die junge Touristikerin Bobbi mit ihrer Familie zur Aufgabe gemacht, das fast ausgestorbene Dorf Dolene zu neuem Leben zu erwecken.

Auf achthundert Höhenmetern, mit Panoramablick in die umliegende Hügellandschaft, kreuzten sich hier einst die Handelsrouten des Osmanischen Reichs. „Vor zehn Jahren lebten nur noch vier Menschen im Ort“, erzählt Bobbi. „Wir haben alles originalgetreu von Hand neu aufgebaut, um Architektur und Wissen der Region zu bewahren.“ Heute kommen im Sommer täglich bis zu zweihundert Touristen, um die raffinierten Steingärten zwischen achtzigtausend Blumen zu bewundern und im Bauernhaus Büffelkäse, Feigensalami, Apfelmarmelade und Johanniskraut zu kaufen.

info

Anreise
Mit Austrian Airlines oder Ryanair Direktflug  ab Wien nach Thessaloniki (in Griechenland), von dort  ca. zwei Stunden  mit dem Bus oder Mietauto nach Petritsch. CO2-Kompensation via atmosfair.de: 12 €.

Unterkunft 
Yazovir Valtata Camping: Bungalows mit privaten Terrassen an einem charmanten Stausee. 4.Jahrhundert vor Christus So alt ist die antike Stadt  Heraclea Sintica, die Anfang der 2000er-Jahre bei Ausgrabungen vor Rupite entdeckt wurde. Heute ist erst ein Zehntel des Geländes freigelegt.  Man hofft, noch eine Arena zu finden.

Auskunft 
– Mehr Infos zu organisierten Gruppenreisen via  intervega.at
– Allgemeine Infos unter visitbulgaria.com/de

Junge Winzer

Bei einem Ausflug in die Region darf der Besuch eines der zahlreichen aufstrebenden Weingüter im Struma-Tal nicht fehlen. Das milde Klima, die kalk- und sandhaltigen Böden sowie die langen, sonnigen Herbsttage schaffen ideale Bedingungen für den Weinbau. Viele Betriebe setzen auf lokale Rebsorten wie Melnik 55 oder Sandanski Misket und beleben damit ein Jahrtausende altes Handwerk: Schon die Thraker bauten hier Wein an.

AYA Estate Vineyards

AYA Estate Vineyards

©Nina Hierzenberger

Der Erfolg dieser kleinen, ehrgeizigen Produzenten und Produzentinnen steht sinnbildlich für die Entwicklung der ganzen Region: ein selbstbewusstes Bulgarien, das zu Recht lernt, stolz auf sich zu sein. 

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