Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Diese seltsamen Anderen
Warum man beim Reisen nicht nur Neues lernt, sondern sich zuweilen auch nachhaltig wundert
Seit Oktober lesereise ich durch Ö, D und CH, und das hauptsächlich im Zug. Ein Drittel meiner Mitreisenden gibt mir Rätsel auf. Denn dieses Drittel beschäftigt sich wie folgt: a) Es schaut einen Film. Kann man machen – aber mir wäre das peinlich, in aller Öffentlichkeit auf nackte Brüste zu starren, Menschen beim Erschossenwerden, beim Sezieren von Leichen oder beim Beischlaf zuzuschauen.
b) Es säuft. Natürlich ist es gut, dass der Zug Transportmittel der Wahl für ein Gelage andernorts ist. Mädelsausflug, Junggesellenabschied, Vereinsreise: schön, wenn man sich anderswo gemeinsam betrinkt. Aber muss das im Zug beginnen, während nebenan eine Kolumnistin trotz ansteigender Lautstärke, Rülpswettkampf und Bierdunst mit dem Text ringt? Mag man sich nicht den Durst für den Ort aufheben, zu dem man ausgerückt ist, um zu trinken?
c) Es telefoniert. Kann lebenswichtig sein, ich weiß! Aber muss man im stillen Abteil die Details der vor drei Wochen erfolgten Entfernung eines eingewachsenen Zehennagels besprechen? Inklusive Konsistenz, Farbe und Geruch des Wundflusses? Wenigstens musste ich so ein Gespräch nur ein Mal zwangsverfolgen – was ich stattdessen öfter höre, sind Telefonate à la: "Ich bin im Zug. Bis Montag bleib ich. Na, ich hab nur einen kleinen Koffer. Ja, der Zug ist voll. Schlafen kann ich fix net. Vier Stunden! Bissi Handyschauen werd ich. Weiß auch net, was ich sonst mach. Schon lang, so vier Stunden."
Kommen wir zum Pudels Kern meines Unverständnisses: Warum nimmt man sich nicht einfach ein Buch mit? Lesen ist doch die perfekte Beschäftigung auf Reisen. Oder wie viele Tätigkeiten kennen Sie, bei denen man sich gleichzeitig gut beschäftigt – und dabei nicht allen anderen auf die Nerven geht?
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