Achtsames Jammern: Wie man seine Einstellung dauerhaft ändern kann
Sprachwissenschafterin Heike Abidi hält in ihrem neuen Buch mit Daniela Nagel ein Plädoyer für „achtsames Jammern“ – auch nach der Fastenzeit. Wie das funktioniert und was sich dadurch verändert.
Auf einmal war es Peter zu viel. Das Aufregen über den Kollegen, der ständig Fehler machte. Das Lamentieren über Arbeitsabläufe, die vielleicht vor 30 Jahren aktuell waren. Das Echauffieren über den Vorgesetzten, der stets Probleme zu verursachen schien.
Am Aschermittwoch vor einigen Jahren war Schluss damit. Peter wollte eine Fastenzeit lang „jammerfasten“. Denn das ewige Lamentieren nervte nicht nur ihn, sondern auch die Menschen um ihn herum.
Peters Fasten-Vorsatz: Weniger jammern.
©Getty Images/iStockphoto/picture/IStockphoto.comDoch kann eine positivere Sicht auf die Welt tatsächlich unser Leben verändern? Ja, sagt Peters Bekannte, die Sprachwissenschafterin Heike Abidi, die mit der Autorin Daniela Nagel in einem neuen Buch ein Plädoyer für „achtsames Jammern“ hält. Denn Peter ist mit seiner Jammerei ja nicht alleine. Wie verbreitet Pessimismus im deutschsprachigen Raum im Allgemeinen ist, zeigt sich schon an den vielen Wörtern, die wir fürs Jammern haben.
Wann Jammern hilft
Zunächst wollen die Autorinnen klarstellen: Jammern an sich ist nicht nur schlecht. In seiner positiveren Form kann das Jammern helfen, Probleme zu verarbeiten, unsere Gefühle herauszulassen oder Solidarität schaffen. „Wenn man sich auf der Arbeit etwa über einen gemeinen Chef aufregt, handelt es sich um soziales Jammern“, sagt Abidi. Das schweißt zusammen. „Auch wenn sich Eltern auf dem Spielplatz darüber beschweren, dass das Baby die ganze Nacht geheult hat und man nicht durchschlafen konnte, können sie sich durch das Jammern erleichtert fühlen.“
Heike Abidi hat sich intensiv mit dem Jammern beschäftigt
©Gabi GersterErst wenn das Lamentieren zum Stressfaktor – wie bei Peter – wird, erhöht das den Blutdruck und die Herzfrequenz. Im schlimmsten Fall kann das zu Bluthochdruck oder sogar einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.
Automatismus beenden
Wichtig sei es, sagt Abidi, sich zu überlegen: „Wie geht es mir nach dem Jammern?“ Fühle ich mich leichter, oder habe ich mich in eine schlechte Laune hineingeredet? Ging es um konkrete Lösungsansätze, oder habe ich mich in meinem Leid ein wenig gesuhlt? Ist es ein neues Problem oder hat man sich des Themas schon oft bedient?
Um dann die automatisierte Jammer-Reaktion zu ändern, braucht es Zeit und Übung. Eine Möglichkeit ist es, bewusst negative Denkmuster zu durchbrechen. Das klappt etwa mit einem Dankbarkeitstagebuch, in dem man positive Ereignisse der letzten 24 Stunden festhält. Oder auch mit Affirmationen.
Das Buch "Achtsam Jammern" ist soeben im Goldegg Verlag erschienen.
©Goldegg VerlagHier hilft wieder das Beispiel von Abidis Freund Peter. Er ließ sich bei seinem Jammerfasten von einer App unterstützen, die ihm täglich positive Tagesimpulse schickte. Anstatt auf eine frustrierende Reaktion mit negativem Jammern zu reagieren, gewöhnte er es sich an, mit dem Tagesimpuls „Ich habe mich für Frieden entschieden“ zu reagieren.
Österreicher gehören weltweit zu den größten Pessimisten
Es ist ein Paradoxon: Die Österreicher leben in einem der lebenswertesten Länder und sind doch für ihr Sudern weltbekannt. Regelmäßig belegt Wien in der Mercer-Studie den ersten Platz als Stadt mit der höchsten Lebensqualität; aktuell liegt Wien auf Platz zwei. Auch das gesamte Land schaffte es in diesem Bereich bei der jüngsten Internations-Umfrage auf Rang vier.
Und doch hapert es in der Österreich an Optimismus. Bei der internationalen Gallup-Analyse zum Jahresende kam Österreich im Hoffnungsranking auf minus 26 Punkte. Nur Bulgarien (-36) und Bosnien-Herzegovina (-28) hatten einen noch pessimistischeren Blick auf die Zukunft. Das Gallup-Institut befragte dabei jeweils 1.000 Personen pro Land. Auf die Frage, ob das kommende Jahr besser, schlechter oder gleich werden würde, antworteten in Österreich 41 Prozent mit „schlechter“, 39 Prozent mit „gleich“ und nur 15 Prozent mit „besser“. Ein Jahr zuvor hatten die Österreicher jedoch sogar noch zu 50 Prozent mit „schlechter“ abgestimmt. Am hoffnungsvollsten blickten bei dem Ranking übrigens Menschen aus Kenia mit 67 Punkten in die Zukunft; gefolgt von 61 Punkten der Bewohner aus Syrien.
Am glücklichsten sind unterdessen weiter die Finnen. Sie schafften es bei der achten Auflage des World Happiness Report – stets zum World Happiness Day am 20. März präsentiert – mit 7,74 Punkten auf das Goldpodest; gefolgt von Dänemark und Island (beide 7,52). Österreich kam mit 6,81 Punkten auf den 17. Platz – und damit immerhin fünf Ränge vor Deutschland.
Vermutlich hätten ihn seine Kolleginnen und Kollegen für verrückt erklärt, wenn sie gewusst hätten, was ihm durch den Kopf ging, gestand er – und doch fuhr er unbeirrt mit seinem Projekt fort. Denn die positiven Gedanken machten etwas mit ihm.
Aber was genau ändert sich? Wenn einem zum dritten Mal der Bus vor der Nase davonfährt, dann kommt er durchs Nicht-Jammern schließlich auch nicht retour.
Bewertung ändert Realität
Jammern ändert vielleicht nicht die Realität, sehr wohl aber die Bewertung einer Situation.
Heike Abidi nennt ein Beispiel: Man stelle sich eine Person vor, die mit ihrem Auto immer wieder an rote Ampeln kommt und schon wieder die Grünphase verpasst. Verärgert sitzt sie in dem Moment hinterm Steuer, grummelt über die Welt. In dem Moment hört sie von der Rückbank: „Oh, wie toll! Wenn es grün wird, sind wir die ersten!“
Manchmal helfe es also, die Welt wieder ein bisschen mehr mit Leichtigkeit, aus Kinderaugen, zu betrachten. Denn auch wenn wir auf Dinge treffen, auf die wir vermeintlich keinen Einfluss haben, können wir immer noch unsere Einstellung zu ihnen ändern. Und Peter? Seine Jammer-Abstinenz hat die Fastenzeit schon lang überdauert. So positiv hat sich sein Leben dadurch verändert, dass er nicht mehr in die alte Gewohnheit zurückgefallen ist.
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