Stress & Immunsystem: Warum Frauen anders reagieren als Männer
Die deutsche Chefärztin Eva Peters über Stress als Statussymbol, Geschlechterunterschiede und darüber, was beim Entspannen hilft.
Stress ist allgegenwärtig, und doch verstehen wir ihn erstaunlich schlecht. Die deutsche Neuroimmunologin und Psychotherapeutin Eva Peters hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Stress verständlicher zu machen. Ein Gespräch über Statussymbole und kleine Signale.
KURIER: Laut einer aktuellen Studie fühlen sich 70 Prozent der berufstätigen Österreicherinnen gestresst. Spüren wir Stress anders als früher?
Eva Peters: Das wissen wir nicht so richtig, weil es keine Vergleichsstudien über die Jahrzehnte gibt. Tatsächlich nimmt das Thema Stress – auch in der Medizin – sehr zu. Ein wenig hat das aber damit zu tun, dass wir erst seit 1950 ein Konzept davon haben, was Stress ist.
Eva Peters hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Stress verständlicher zu machen.
©©Susanne Schleyer / autorenarchiv.deWie kam es dazu?
1950 hat Hans Selye erstmals beschrieben, dass die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse bei Stress Cortisol ausschüttet. Davor wurde „Stress“ als Begriff nur in der Physik genutzt. Ein akuter Stress im Körper ist erst mal ein notwendiger Reiz. Er hilft uns, morgens aus dem Bett zu kommen.
Stress ist also per se nicht schlecht – er darf nur nicht zu viel werden?
Genau. Viel Stress, auch wenn er schön ist – etwa, sich krass zu verlieben –, kann zu viel werden. Es geht um die Dosis. Deshalb ist es wichtig, Stress nicht gänzlich vermeiden zu wollen. Besser ist es, den Umgang zu trainieren.
Ist es ein Problem, dass wir Stress oft stolz vor uns hertragen? Ja, Stress ist ein bisschen ein „Adelsetikett“. Das hat nichts mehr mit der biologischen Reaktion auf Stress zu tun, sondern ist eine Art Gütekriterium. Es drückt aus: Ich habe so viel zu tun, ich bin so gefragt, ich kann mich keine Minute langweilen. Aber gleichzeitig steckt da oft auch ein Selbstschutz dahinter.
Inwiefern?
Wenn ich kommuniziere, dass ich viel Stress habe, bekomme ich weniger neue Aufgaben dazu. Das heißt, ein Stück weit ziehe ich Grenzen, ohne sagen zu müssen, dass ich nicht mehr kann.
Stress ist ein bisschen ein „Adelsetikett“, sagt Eva Peters.
©Getty Images/iStockphoto/Ponomariova_Maria/istockphoto.comMüssen wir also lernen, mehr innere Stärke aufzubauen und Stress weniger als Statussymbol sehen?
Das ist ja eine der Herausforderungen des Lebens. Das Management zwischen dem, was mein Körper und mein Geist brauchen, und dem, was die Welt von mir will. Wir sind soziale Tiere – wir brauchen einen sozialen Sinn und Zweck. Aber wir leben heute in einer Welt, in der unsere Stressreaktionssysteme nicht mehr so richtig zu der Umwelt passen, in der wir leben.
Wie meinen Sie das?
Wenn ich mich ständig belaste, brauche ich eine Belohnung, um meinen Cortisolspiegel zu senken. Früher mussten wir ernten oder jagen. Heute gehe ich in den nächsten Supermarkt und hole mir Chips. Das ist hochkalorisch, eine super Belohnung – die jedoch Nebenwirkungen mit sich bringt: Ich habe zu viel Energie, die der Körper in die Vorratskammer packen muss. Das sorgt zum Beispiel für zu viel Zucker im Blut und führt vielleicht später einmal zu Diabetes.
Welcher Weg wäre besser?
Es geht darum, meine Körpergefühle zu verstehen, zu interpretieren und meine Bedürfnisse bewusst steuern zu können. Mit anderen Worten: Wenn ich ein Hungergefühl habe und mir eine Portion Nudeln mit überbackenem Käse machen möchte, obwohl ich ein gutes Frühstück und Mittagessen hatte, kann ich innehalten: Warum stehe ich vor dem Kühlschrank? Brauche ich Energie oder bin ich gestresst? Was könnte ich stattdessen tun: Einen Spaziergang machen? Einen Moment lang die Sonne genießen? Achtsame Tätigkeiten ausüben. Mein Körper sucht die schnelle Lösung, aber ich kann die etwas längere wählen. Für die muss ich ein bisschen Schweinehund überwinden, fühle mich am Ende des Tages aber besser.
Die Lektüre zum Nachlesen: Stress verstehen, erschienen im CH Beck Verlag.
©CH BeckMüssen wir uns die negativen Folgen von Stress mehr bewusst machen?
Das finde ich nicht so gut. Wir arbeiten in der Medizin ja häufig mit der Angst. Nach dem Motto: „Wenn du das nicht tust, passiert dir jenes.“ Das hindert uns daran, auf die kleinen Signale des Körpers zu achten. Natürlich wissen wir, dass Hochstress die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Krebs, eine chronische Entzündung oder eine Autoimmunerkrankung signifikant erhöht. Aber das nützt im Hier und Jetzt gar nichts.
Warum eigentlich?
Weil wir paternalistisch erzogen sind. Nach dem Prinzip: Andere wissen, was für mich gut ist, und was mir gesagt wird, muss ich tun. Effektiver ist der partizipative Ansatz, bei dem mich Experten beraten und ich selbst in der Lage bin, kompetent zu entscheiden, was das Richtige für mich ist. Das braucht Optimismus, Reife und Erwachsensein.
In Ihrem Buch erwähnen Sie fünf zentrale Faktoren: Ernährung, Bewegung, Schlaf, Beschäftigung, Beziehungen.
Ja, und sie wirken vor allem im Kontext von Beziehung und Sinn. Es geht ja darum: Wie kann ich im Hier und Jetzt bei den kleinen Zeichen gut umgehen, ohne dass mir das noch mehr Stress macht? Wenn ich eine Tätigkeit ausübe, die mir Freude macht, oder wenn ich sie mit anderen teile, muss ich gar keinen Schweinehund überwinden.
Peters nennt fünf zentrale Faktoren zur Entspannung: Ernährung, Bewegung, Schlaf, Beschäftigung, Beziehungen.
©Getty Images/Tolola/istockphoto.comStress wirkt nicht nur psychisch, sondern auch biologisch. Spielen unterschiedliche Immunsysteme bei Männern und Frauen eine Rolle?
Wir haben in Wahrheit ja nicht nur ein Immunsystem, sondern ganz viele Immunantworten. Einerseits haben wir die angeborene Immunität. Das macht Sinn, wir leben ja schon ein paar Millionen Jahre auf diesem Planeten mit den gleichen Keimen. Unser Körper hat also Antwortmuster auf bestimmte Störungssignale parat.
Und dann gibt es die erlernte Immunität? Genau. Der Körper ist tatsächlich eine kleine Wundermaschine. Da gehen Zellen hin und sagen: Ah, hier ist eine Störung, ich schaue mir den Stoff mal an. Und dann wird nur dieser eine Stoff gezielt analysiert und entfernt. Chirurgisch präzise.
Einmal grobe Küchenschere, die effektiv ist, aber Kollateralschäden macht, und einmal feine Nagelschere, die genau ist, aber lang braucht. Ja. Und wenn wir uns einen Lautstärkeregler vorstellen, ist bei den Männern im Allgemeinen die angeborene Immunität lauter, bei den Frauen die erlernte.
Das ist historisch bedingt? Ganz allgemein: Wenn ich rausgehe und jage oder kämpfe und mich verletze, kommen wahrscheinlich neue Keime bei mir rein, die ich erst mal – zack! – rausschmeißen muss. Wenn ich aber schwanger werde, brauche ich ein Immunsystem, das nicht so agiert. Da habe ich ja plötzlich 50 Prozent Fremdkörper in mir. Und das sollte ich eigentlich besser nicht rausschmeißen, das löst ja keinen Schaden aus – die lernende Immunantwort kann das tolerieren. Mit dem Alter gleichen sich die beiden Immunsysteme übrigens an.
Ist eine Gruppe stressresistenter? Generell führen die unterschiedlichen Antworten zu verschiedenen Krankheitsmustern: Frauen entwickeln häufiger Autoimmunerkrankungen, Männer eher überschießende akute Entzündungsreaktionen. Entscheidend bei beiden ist, dass ich eine flexible Antwort habe und auch mal auf die andere Variante switchen kann, wenn sie gebraucht wird. Wenn ich mein Immunsystem fit halten möchte, muss ich es immer wieder trainieren.
Ein Trainingsprinzip?
Ich nenne das die Reha-Formel: Ich überlege das Maximum, setze darunter an und steigere mich stets ein bisschen. Egal ob geistiges, immunologisches oder Muskeltraining – das ist eigentlich immer die richtige Formel.
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