Erst Care Arbeit, dann Lücke am Pensionskonto?
Zwei Anwälte, zwei Ansichten, eine Rechtslage: Das Wiener Duo erzählt Geschichten aus seiner Ehe, beantwortet Fragen, die uns im Alltag beschäftigen, erklärt, was vor Gericht zählt – und wie er oder sie die Causa sieht.
Von Mag. Carmen Thornton & Mag. Johannes Kautz
Der Fall: Vor Kurzem haben wir beide unsere jährliche Kontonachricht für die kapitalgedeckte Zusatzpension der Rechtsanwaltskammer bekommen. Carmen hat bisher rund EUR 50.000 an Pensionskapital angespart, bei Johannes sind es schon fast EUR 75.000, also um fast 50 % mehr. Ein Blick auf die Hochrechnung zeigt: Bis zum voraussichtlichen Pensionsantritt im Alter von 70 Jahren wird die Lücke nicht kleiner, sondern sogar noch größer werden. Carmen wird bis dahin um fast EUR 45.000 weniger an Kapital angespart haben als Johannes. Der Grund: Carmen hat für etwa 3 Jahre wegen der Kinderbetreuung beruflich etwas zurückgesteckt, sie hat dadurch weniger verdient und die Beiträge reduziert. Auch wenn sie den Einkommensverlust schnell aufgeholt hat, bleibt die Pensionslücke. 40 Jahre später wird sie deshalb eine niedrigere Pension bekommen. Da stellt sich schon die Frage: Wie viel ist Care Arbeit wirklich wert?
Sie:
Immer, wenn Johannes mir etwas über das Betriebspensions- und Pensionskassenrecht erzählt, schlafe ich fast ein. Es ist ja schön, dass sich jemand mit Pensionszusagen und der Verrentung von Deckungskapital auskennt. Aber mal ehrlich: Wen interessiert das schon? Da menschelt es nicht wirklich. Doch der Blick auf unsere Kontoinformationen war mir dann nicht mehr ganz so egal. Ich muss zugeben, ich war nicht nur schockiert, sondern habe mich auch ein wenig geärgert. Wie kann es sein, dass ich um ein Drittel weniger Pensionskapital habe? Johannes und ich sind fast gleich alt, wir haben die gleiche Ausbildung und verdienen auch annähernd gleich viel.
Außerdem haben wir uns ohnehin recht bald auf eine faire Aufgabenverteilung verständigt. Doch die ersten drei Jahre lang war ich die Hauptbetreuungsperson. Und selbst in dieser Zeit war es nicht so, dass ich überhaupt nicht gearbeitet hätte. Ich hatte sogar eine Doppelbelastung. Dass ich weniger Kapital anspare, wenn ich die Beiträge reduziere, war mir zwar bewusst, aber die Auswirkungen schwarz auf weiß auf dem Pensionskonto zu sehen, ist dann doch etwas anderes.
Ehe ist keine Pensionsabsicherung
Die vermeintliche Absicherung durch die Ehe ist leider ein Etikettenschwindel. Wer sich darauf verlässt, dass bei Scheidung alles aufgeteilt wird, was in der Ehe gemeinsam erwirtschaftet wurde, könnte eine Enttäuschung erleben. Anders als zum Beispiel in Deutschland gibt es hierzulande keinen Versorgungsausgleich. Die Gutschriften auf dem staatlichen Pensionskonto werden nicht geteilt. Selbst Länder wie Schweiz oder Lichtenstein, die nicht unbedingt als Vorreiter in Sachen Gleichberechtigung gelten, sind da fortschrittlicher. In Österreich gibt es nur ein freiwilliges Pensionssplitting. Einen Anspruch darauf hat man nicht. Und die Politik konnte sich bis dato nicht einmal auf ein automatisches Modell mit Opting-out-Möglichkeit verständigen. Daher müssen die Eltern einen Antrag bei der PVA stellen.
Carmen Thornton ist Rechtsanwältin in Wien.
©Thornton & Kautz RechtsanwälteAuch betriebliche Anwartschaften, etwa aus Pensionskassenzusagen oder direkten Leistungszusagen, gelten nicht als eheliche Ersparnisse. Hier hat die Rechtsprechung eine Ausnahme für sich entdeckt, die im Gesetz gar nicht vorgesehen ist. Kürzlich hat der OGH zumindest klargestellt, dass private Altersvorsorgeprodukte der Aufteilung unterliegen, wenn sie einen realisierbaren Wert haben. Auch das wurde bis dahin nicht immer so gesehen.
Altersarmut durch Care Arbeit
Ich selbst werde die Differenz auf meinem Pensionskonto verkraften. Wenn die Ehe hält, ist es sowieso egal. Und sollte es doch zu einer Scheidung kommen, mache ich den Nachteil mit meinem ganz persönlichen Aufteilungstipp mehr als wett: Persönliche Gegenstände wie Kleidung, Handtaschen und Schmuck unterliegen nicht der Aufteilung. Und davon habe ich jede Menge, oder wie Johannes sagt, „ein kleines Vermögen“. Johannes bekommt zwar die höhere Pension, aber sonst nur sein Mountainbike, die Fitnessausstattung und sein (Sport-)Gewand, mehr braucht er eh nicht. Da steige ich ziemlich gut aus.
Aber darum geht es nicht. Das Problem ist, dass Care Arbeit entgegen allen Beteuerungen weniger wert ist als Erwerbsarbeit. In Wahrheit macht der „gleichwertige“ Beitrag, von dem immer wieder schwadroniert wird, viele Frauen im Alter arm. Vor allem Alleinerzieherinnen landen häufig in der Teilzeitfalle. Und was bei uns beiden ein sehr verkraftbares Ärgernis ist, bedeutet in weniger privilegierten Fällen: Mindestpension.
Er:
Wen interessiert schon eine Zahl am Pensionskonto? In der Ehe ist man sowieso abgesichert und solange ein Manderl und ein Weiberl Kinder machen, hat unsere Gesellschaft Zukunft, oder? Oder nicht, denn wenn das Manderl seinen Beitrag auf das Machen beschränkt und bei der Betreuung „Manderln macht“, ist die finanzielle Zukunft für das Weiberl nicht mehr ganz so rosig.
Bei den staatlichen Pensionen ist das Problem schon lange bekannt. Weniger Beitragsjahre und eine flachere Einkommenskurve führen dazu, dass Frauen wegen der Kinderbetreuung eine deutlich niedrigere Pension als Männer haben. Laut Statistik Austria lag der Gap bei den Bruttopensionen 2024 bei 40,3 %. Gemessen am Median waren es sogar 46,7 %. In Zahlen: EUR 1.378 statt EUR 2.586 monatlich. Das ist keine Lücke, sondern ein Krater.
Schneeballeffekt bei der Veranlagung
Auch bei der betrieblichen und privaten Altersvorsorge kann ein kleiner Rückstand zu Beginn einen großen Unterschied machen, wie man an unserem Beispiel anschaulich sieht. Der Zinseszinseffekt führt dazu, dass die Lücke beim angesparten Kapital immer größer statt kleiner wird. Im kapitalgedeckten System bekommt zwar jeder seine Beiträge auf dem individuellen Pensionskonto gutgeschrieben, aber dort liegt das Geld nicht herum. Das Vermögen kommt in einen gemeinsamen Topf, in eine sogenannte Veranlagung- und Risikogemeinsaft, und wird am Kapitalmarkt veranlagt. Der Gewinn wird aliquot auf alle Anwartschafts- und Leistungsberechtigten verteilt. Wer mehr Kapital angespart hat, bekommt also jedes Jahr eine höhere Gutschrift. Bei der Veranlagung geht die Schere nicht zu, sondern auf.
Johannes Kautz ist Rechtsanwalt in Wien.
©Thornton & Kautz RechtsanwälteVon diesem Schneeballeffekt sind alle Erwerbstätigen betroffen, auch wenn sie keine Betriebspension haben. Seit 2003 gibt es die Abfertigung Neu. Der Arbeitgeber zahlt jeden Monat 1,53 % des Bruttogehalts in eine Vorsorgekasse ein. Diese Beiträge werden veranlagt und spätestens beim Pensionsantritt ausbezahlt. Auch hier bekommt man jährlich eine Kontonachricht, bei denen Paare einen ähnlichen Aha-Effekt erleben werden wie wir.
Wenn Care Arbeit im Alter arm macht, läuft im System gehörig etwas schief. Es ist Aufgabe des Gesetzgebers, das zu ändern. Man kann der Politik zwar nicht vorwerfen, das Problem völlig zu ignorieren, trotzdem schließt sich die Lücke viel zu langsam.
Wo bleibt der Paradigmenwechsel?
Die Regierung hat gerade Maßnahmen zur Stärkung der zweiten Säule des Pensionssystems beschlossen. Künftig soll jeder sein Abfertigungsguthaben in eine Pensionskasse übertragen können, um eine Zusatzpension zu bekommen. Außerdem wird ein neues Veranlagungsmodell ohne Kapitalgarantie geschaffen, das höhere Erträge ermöglicht. Wenn von diesen Verbesserungen alle profitieren sollen, braucht es aber eine verpflichtende Aufteilung der gemeinsam erworbenen Anwartschaften. Und da die Regierung gerade ihren Reformeifer entdeckt hat, könnte sie auch gleich im staatlichen Pensionssystem einen Versorgungsausgleich einführen. Das wäre wirklich der echte Paradigmenwechsel in der Altersvorsorge, der uns versprochen wurde.
Auch die Gerichte sollten sich die Frage stellen, ob betriebliche Pensionsanwartschaften und Abfertigungsguthaben nicht doch gemeinsam erwirtschaftet wurden. Und wenn wir alle mehr Augenmerk auf eine faire Aufgabenverteilung richten, anstatt uns Gedanken darüber zu machen, ob nur ja ein Manderl und ein Weiberl Kinder bekommen, hat unsere Gesellschaft wirklich Zukunft.
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