SPAIN-WEATHER-WARMING-CLIMATE
Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Klimaanlage für die Handtasche: Warum Fächer jetzt ein Comeback feiern

Er ist das Accessoire des Sommers und hat eine Jahrtausende alte Geschichte. Wo das kühlende Wedeln erlaubt und verpönt ist – und was eine Stilexpertin zum „Fächer 2.0“ sagt.

Ob beim Sommertheater, in der U-Bahn, als Marketinggag oder kürzlich beim Tennisturnier in Wimbledon: Wohin man in diesem Sommer blickt, es wird gefächelt. Der Luftzug kühlt das Gesicht durch Verdunstungskälte – ein angenehmer, oft rettender Effekt bei stehender Hitze. „Der Fächer erlebt ein starkes Comeback, weil er sich zur praktischen und eleganten ‚Klimaanlage für die Handtasche‘ entwickelt hat, ganz ohne USB-Anschluss“, sagt die Stilberaterin Susanne Voggenberger. „Aufgrund der zunehmend heißeren Sommer und des Trends zu Retro-Accessoires nutzen viele Menschen ihn als stilvolles Statement. Es gibt sie längst nicht mehr nur im klassischen Look, sondern sie können dem eigenen Outfit in Farbe und Style angepasst werden.“

Auf dem Laufsteg

Sogar in der Haute Couture ist der blättrige Gegenstand derzeit ein Thema: Jonathan Anderson integrierte einen kunstvollen XL-Fächer Ende Juni in seine aktuelle Kollektion für Dior und legte den Einladungen einen kleinen Fächer bei – schließlich hatte es bei den Schauen in Paris konstant über 35 Grad.

FASHION-FRANCE-WOMEN-DIOR

XL-Couture-Fächer bei Dior.

©APA/AFP/KENZO TRIBOUILLARD

Als modisches Accessoire hat der Fächer eine sehr lange Geschichte. Bereits vor mehr als 3.000 Jahren dienten kunstvoll gefertigte Wedel in Ägypten, China und Japan nicht nur der Kühlung, sondern auch als Statussymbol und Zeichen von Macht. Nach Europa gelangte der Klappfächer im 16. Jahrhundert über Handelsrouten aus Asien und entwickelte sich zum unverzichtbaren Accessoire des Adels. Im Barock und Rokoko waren reich verzierte Exemplare aus Seide, Elfenbein oder Perlmutt begehrte Luxusgüter. Später entstand sogar eine eigene „Fächersprache“, mit der vor allem Frauen durch bestimmte Bewegungen heimliche Botschaften übermittelten (siehe unten) – auch wenn Historiker bezweifeln, dass dieses Codesystem im alltäglichen Leben weit verbreitet war.

TENNIS-GBR-WIMBLEDON

Königin Camilla trotzte der Hitze in Wimbledon mit einem Hand-Ventilator.

©APA/AFP/HENRY NICHOLLS

Heute wird mit einem Fächer auf eine elegante Art vor allem eine Botschaft kommuniziert: Mir ist heiß, ich brauche Luft. „Fächer sind absolute Stilikonen und bei Sommertheatern oder Freiluftopern praktisch und stilvoll“, sagt Voggenberger. „In geschlossenen klassischen Konzerthäusern und Opernhäusern ist lautes Wedeln jedoch aufgrund der Störgeräusche verpönt.“ Die Salzburger Festspiele erteilten 2020 kurzzeitig sogar ein Wedel-Verbot – auch aufgrund der möglichen Verbreitung von Coronaviren.

Sag's durch den Fächer

Der Fächer war einst mehr als ein elegantes Accessoire, er diente auch der nonverbalen Kommunikation. Im 18. und 19. Jahrhundert schrieb man ihm eine eigene „Fächersprache“ zu, mit der vor allem Frauen auf Bällen oder in Salons heimlich Botschaften übermitteln konnten. „Sie diente  der höfischen Gesellschaft und jungen Damen dazu, diskret mit Verehrern zu flirten. Historiker gehen davon aus, dass einige Codes tatsächlich genutzt wurden“, weiß Susanne Voggenhuber. Da sich die Geheimsprache von Region zu Region und auch im Freundeskreis unterschied, gab es kein allgemeines Fächer-Wörterbuch. 

Einige Beispiele: 

Vor den Mund gelegt: „Küss mich!“ 

Auf die rechte Wange drücken: „Ja“ (Zustimmung) 

Auf die linke Wange drücken: „Nein“ (Ablehnung) 

Schnelles Fächeln: „Ich bin verlobt / Mein Herz ist vergeben.“ Aber auch: „Ich bin nervös / ungeduldig.“

Geschlossen an das Herz drücken: „Du hast mein Herz gewonnen.“ Oder gar: „Ich liebe dich.“  

Zunehmend bekommt der Fächer batteriebetriebene Konkurrenz, denn auch kleine Taschenventilatoren gehören inzwischen zum Stadtbild und Standard-Inventar auf Zuschauertribünen. „Der Fächer 2.0 ist gemacht zum Umhängen oder Anklipsen“, sagt Voggenberger. Sehr praktisch, lässt er doch die Hände frei für Handy oder Schleck-Eis. „Aber niemals so stilvoll wie ein Handfächer, dessen Akku ein Leben lang hält.“

Kommentare