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Erziehungstrend „Beta Mum“: Darum ist Loslassen das neue Ideal

Die „Beta Mum“ verabschiedet sich vom Anspruch perfekter Elternschaft – und trifft damit einen Nerv der Zeit.

Noch vor wenigen Jahren galt die Helikopter-Mutter als Inbegriff moderner Fürsorge: ständig kreisend über dem Kind, jede Gefahr und alle Probleme aus dem Weg räumend. Der Nachwuchs wird gefördert, wo es nur geht. Keine Schwimmstunde ist zu weit und mühsam, kein Geigenunterricht zu teuer - auch wenn die finanziellen Mittel es schwer zulassen.

Jetzt aber gibt es einen neuen Begriff im Rollenverständnis von Müttern: die Beta Mum. Sie ist entspannter, softer, weniger perfektionistisch – und gerade deshalb zum Gegenmodell der erschöpften „Supermum“ geworden.

Die Beta Mum will nicht mehr alles kontrollieren. Stattdessen setzt sie darauf, dass Kinder nicht permanent optimiert werden müssen. Das Schlagwort stammt ursprünglich aus der Internetsprache rund um „Alpha“ und „Beta“ – dominant versus zurückhaltend. Auf die Elternrolle übertragen bedeutet das: weniger Leistungsdenken, weniger Ehrgeiz in der Erziehung.

Tiefkühlpizza statt Instagram-Geburtstage

Sichtbar wird das Phänomen auch auf Tiktok und Instagram. Dort zeigen Mütter bewusst unperfekte Kindergeburtstage, Wäscheberge im Kinderzimmer oder Tiefkühlpizza statt selbstgemachter Bento-Boxen. Unter Hashtags wie „low pressure parenting“ oder „Beta Mum“ wird eine neue Form von Mutterschaft gezeigt: ohne Anspruch auf Perfektion und totale Kontrolle, aber mit emotionaler Innigkeit und Ehrlichkeit.

Gründe: Überforderung und Wirtschaft 

Das Wall Street Journal hat der Entwicklung erstmals einen großen Artikel gewidmet und zwei Punkte aufgezeigt, die zur Entwicklung der Beta Mums ausschlaggebend waren. Erstens: Die Entzauberung des perfekten Familienlebens mit Kindern und einem Job und der offene Diskurs über die psychischen Belastungen damit. Zweitens: die wirtschaftliche Lage, die sich in den westlichen Ländern gerade ändert. Die vor Kurzem noch als Lebensziel gesehene Akademiker-Ausbildung der Kinder gerät durch die KI enorm ins Wanken, die Arbeitsplätze sind überschaubarer geworden, die Inflation steigt.

„Es ist eine Reaktion auf einen Trend, der an seine praktischen Grenzen gestoßen ist“, wird Emily Oster, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Brown University und Expertin für Erziehungsfragen, im Wall Street Journal zitiert. „Eltern erkennen, dass ein Studium in Harvard nicht automatisch zum Erfolg führt.“

Bewundert wird, wer loslassen kann

Mit der Beta Mum verschiebt sich auch die Idealvorstellung von Elternschaft: War es vor einem Jahrzehnt noch vorbildhaft, sich für das Wohl seiner Kinder komplett aufzuopfern, wird heute zunehmend bewundert, wer loslassen kann. Wer nicht ständig überwacht, sondern Vertrauen zeigt. Und was die Väter betrifft: „Der Beta-Vater ist nie wirklich verschwunden“, so der Guardian über den Wandel. 

Christina Michlits

Über Christina Michlits

Hat Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert. Nach Kennenlernen des Redaktionsalltags bei Profil und IQ Style, ging es unter anderem zu Volume und dem BKF. Seit 2010 bei KURIER für die Ressorts Lebensart und Freizeit tätig. Schwerpunkte: Mode, Design und Lifestyle-Trends.

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