Paradies Jamaika: Warum sich nach Hurrikan Melissa vieles ändert
Die Gewalt von Hurrikan Melissa hat die Karibikinsel getroffen. Doch es ist schon wieder vieles gut. Und Jamaika träumt gar von einer besseren - anderen - Zukunft.
„Das Schlimmste …“, sagt Richard Wallace „… war das Warten. Die langen Minuten, bevor es wirklich losging, der ständige Blick auf die Satellitenbilder und die Wetter-App. Das Lauschen auf den Wind, der immer lauter wurde. Das war wirklich grauenhaft. Wir haben uns alle an den Händen gehalten.“
Hurrikan Melissa zerstörte vieles, aber Jamaika ist schon wieder gut dabei.
©Getty Images/FrankRamspott/istockphotoDer Tag, an dem Mister Wallace die schrecklichsten Momente seines Lebens durchstanden hat, liegt nur wenige Monate zurück, doch der Hotelbesitzer kann wieder lachen. Vor der Terrasse seiner Anlage toben Kinder im Sand, auf dem Wasser dümpelt ein Katamaran. Meer und Himmel präsentieren sich in prächtigsten Farben. Irgendwo dudelt ein alter Reggae-Song. Mehr Jamaika-Klischee und Bilderbuch-Karibik gibt es eigentlich kaum. Katastrophen stellt man sich anders vor.
„Wir haben noch Glück gehabt. Es hätte schlimmer kommen können. Aber jetzt sind wir zurück im Geschäft. Wir können unseren Gästen wieder alles bieten. Kaum anders als vor dem Hurrikan.“ Der Hotelier muss es wissen, denn er kennt in seiner Heimatregion alles und jeden. Wallace ist nicht nur Eigentümer des Boardwalk Village, einer gemütlichen Vier-Sterne-Anlage mit bunten Holzhäusern, sondern auch Präsident der Handelskammer von Negril, einer Stadtgemeinde im Nordwesten Jamaikas. Negril und andere Tourismusorte an der Nord- und Westküste der Insel wurden von Hurrikan Melissa zwar nicht verschont, verzeichneten aber – anders als einige Regionen im Süden – vergleichsweise geringe Schäden. „Es gab einige Tage keinen Strom und kein Wasser, doch selbst während dieser Zeit hatten wir Gäste, die wir, so gut es ging, versorgt haben“, sagt der Hotelbesitzer und grinst. Selbst schlimmste Naturkatastrophen sind auf Jamaika kein Grund, die Nerven zu verlieren.
„Wir haben noch Glück gehabt. Es hätte schlimmer kommen können. Aber jetzt sind wir zurück im Geschäft“ - Richard Wallace (Hotelier) über den schlimmsten Hurrikan, den es je gab.
©Martin JahrfeldDoch ungeachtet aller inseltypischen Gelassenheit bleibt für Wallace und seine Landsleute auch zwei Monate nach dem Desaster genug zu tun. Viele einfache Wohnhäuser haben ihre Dächer verloren und sind unbewohnbar. Mehrere Tausend Menschen in der Region leben noch in Notunterkünften und müssen mit dem Nötigsten versorgt werden. Jamaikas große Hotels stehen bei der Bewältigung dieser Aufgaben in vorderster Reihe. Weil die Auslastung der Häuser immer noch unter dem Durchschnitt liegt, werden die Hotelküchen genutzt, um Essen für Bedürftige zuzubereiten. Allein die Küche des Boardwalk Resorts liefert täglich eintausendeinhundert Mahlzeiten an Menschen, die derzeit über keine Kochgelegenheiten verfügen. Einige der großen Hotelunternehmen finanzieren die Errichtung von einfachen Containerhäusern, wobei sie sogar auf die tatkräftige Mithilfe einiger, idealistisch gesinnter Touristen zählen können.
Stärkster Hurrikan
Mit Windgeschwindigkeiten bis zu dreihundert Stundenkilometern war Melissa am 28. Oktober 2025 der stärkste je im Atlantik gemessene Hurrikan. Der Sturm traf die Südküste des Eilandes mit selbst für karibische Maßstäbe ungewöhnlicher Wucht – ein Ereignis, das der Insel mehrere Tage lang den ersten Platz in internationalen Nachrichten bescherte. Doch Edmund Bartlett, Jamaikas Tourismusminister, betrachtet die Katastrophe als einen Scheitel- und Wendepunkt, der für die Insel den Beginn einer besseren, robusteren Zukunft einleiten soll: „An die Stelle der Zerstörungen werden wir nachhaltigere Strukturen aufbauen und deutlich widerstandsfähiger daraus hervorgehen“, glaubt Bartlett.
Der Ort Ocho Rios tickt anders als viele andere Hotspots.
©Getty Images/sanniely/istockphotoDie Weltbank und andere internationale Geldgeber haben für diese Aufgabe bisher 6,7 Milliarden US-Dollar zur Verfügung gestellt – ein Betrag, der helfen soll, Land und Wirtschaft so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu bringen. Der Tourismusminister sah schon bald ermutigende Anzeichen: „Viele der derzeit noch geschlossenen Resorts haben ihre Renovierungsprojekte vorgezogen und modernisieren früher als geplant. Schon in wenigen Monaten wird Jamaikas Hotelangebot attraktiver sein als zuvor. Wir haben durch den Hurrikan keinen einzigen Investor verloren.“
Und so kam es auch.
Jamaika ist nicht nur Traumstrand, sondern auch buntes Leben, etwa in Falmouth.
Nicht nur US-Publikum
Seit Mai 2026 sollen laut dem Minister sämtliche Hotels wieder geöffnet sein. Die rasche Normalisierung des Urlaubsgeschäfts, das von Dezember bis April Hochsaison hat, steht im Zentrum der Anstrengungen. Kommt das Geschäft nicht in Schwung, leidet die gesamte Insel. Sechzig Prozent der jamaikanischen Wertschöpfung werden durch Tourismus erwirtschaftet. In vielen Resorts an Jamaikas touristischer West- und Nordküste herrscht trotz geringerer Auslastung bereits wieder Normalbetrieb. Fünf-Sterne-Komplexe wie das Grand Palladium in Negril oder das Iberostar Waves Rose Hall Beach in Montego Bay vermitteln in ihren weitläufigen Anlagen ein Gefühl maximaler Sorglosigkeit und bester Verwöhn-Atmosphäre. Viele der All-inclusive-Angebote sind auf die Bedürfnisse nordamerikanischer Urlauber zugeschnitten, finden aber auch bei Gästen aus Europa wachsenden Zuspruch.
Zeichen der Hurrikan-Zerstörung. Mittlerweile ist das meiste wieder aufgebaut, auch Touristen helfen.
©Martin JahrfeldAuch Europäer, die sich in diesem Milieu nicht sonderlich wohlfühlen, finden auf der Insel attraktive Alternativen. Orte wie Port Antonio verfügen über zahlreiche kleinere und inhabergeführte Unterkünfte, die eine individuellere Urlaubsgestaltung ermöglichen. So hat etwa der deutsche Reiseveranstalter Alltours Jamaika neu ins Programm genommen und erwartet, dass die Insel auch den deutschsprachigen Markt überzeugen wird. „Jamaika richtet sich an Karibik-Fans, die nach der Dominikanischen Republik oder Kuba etwas Neues erleben wollen“, glaubt Marius Michaelis, Hoteleinkäufer bei Alltours.
Musik und Rasta
Dass Jamaika anders ist als andere Karibikziele, dokumentiert bereits die einzigartige Musikkultur der ehemals britischen Kronkolonie. Seit der Ära von Bob Marley hat die hiesige Musikszene unzählige talentierte Newcomer und innovative Stilrichtungen hervorgebracht, das Erbe des früh verstorbenen Weltstars aber niemals vergessen. Auch beim nachmittäglichen Katamaran-Ausflug für die Hotelgäste mit Schnorchel-Exkursion und grellbunten Sundowner-Cocktails liefern die Reggae-Hits des Großmeisters die passende Hintergrundbegleitung – ein Sound, der in Kombination mit einem karibischen Sonnenuntergang ultimative Entspannung beschert.
Angesichts solcher Erlebnisse versteht sich von selbst, dass auch das Bob-Marley-Museum in der Hauptstadt Kingston unbedingt in den Reiseplan gehört. Marleys Einfluss auf die Geschichte des 1962 in die Unabhängigkeit entlassenen Inselstaates ist jede Betrachtung wert, um Jamaikas Kultur abseits von Strandleben und Sundowner kennenzulernen. Dabei lässt die weltweite Strahlkraft der Rastafari- und Reggae-Bewegung leicht vergessen, dass der damit verbundene Lebensstil auf der Insel nur wenige Anhänger hat. Kaum zwei Prozent der Jamaikaner bezeichnen sich als Rastafari. Die große Mehrheit der Bevölkerung gehört anderen, meist christlichen Kirchen an und betrachtet den Kult um Dreadlocks und Ganja-Konsum eher distanziert.
Für die Außendarstellung bleiben Rasta und Reggae dennoch unverzichtbar. An den Händlerständen des Souvenirmarktes von Ocho Rios sind die Insignien dieser Kultur allgegenwärtig. T-Shirt-Motive berühmter Ikonen wie Peter Tosh oder Jimmy Cliff und Strandkleider in rot-gelb-grünen Landesfarben präsentieren sich neben afrikanisch anmutenden Holzmasken, die zwar aus chinesischer Massenproduktion stammen, gleichwohl aber an afrikanische Ursprünge und koloniale Entwurzelung erinnern.
JAmaika ist ein Ort der Liebe, frei nach Bob Marley.
©Martin JahrfeldDas Problem an diesem Nachmittag ist nur, dass die Kundschaft fehlt, was Marktleiter Clive Robinson weniger den Hurrikan-Folgen als den Strukturen des örtlichen Tourismus zuschreibt. In der kleinen Hafenbucht des Ferienortes ankert an nahezu jedem Tag ein anderes Kreuzfahrtschiff, doch deren Passagiere bekommen die örtlichen Souvenirhändler nur selten zu Gesicht: „Wir müssen zum Hafen kommen, um dort verkaufen zu dürfen, und müssen dafür auch noch eine Gebühr zahlen. Das ist nicht besonders fair“, klagt der Händler. Dass Kreuzfahrtschiffe und All-inclusive-Resorts die Einnahmen aus dem Tourismus allzu ungleich verteilen und die lokale Bevölkerung wenig davon profitiert, ist eine Klage, die so alt ist wie diese Urlaubsformen selbst. Auch auf Jamaika ist dieses Missverhältnis nur schwer zu übersehen.
Raus aus dem Resort, Natur sehen, hier die Dunn’s Falls.
©Getty Images/narvikk/istockphotoMan muss raus
Doch Urlauber, die im Resort bleiben oder sich nur im Rahmen organisierter Touren über die Insel trauen, verpassen viele Attraktionen, die einen längeren Besuch wert sind. Naturwunder wie die Dunn’s River Falls in Ocho Rios und weitere Wasserfälle, die tropisch grünen Landschaften der Blue Mountains, einem Nationalpark im Osten der Insel, oder auch das besondere Flair von Trenchtown, dem kulturträchtigen Viertel der Hauptstadt Kingston, sind ausgiebige Ausflüge wert und zeigen, dass die Insel weit mehr zu bieten hat als Sandstrände und Pool-Landschaften.
Info: Jamaika
Anreise Ab Wien via Frankfurt nach Montego Bay, mit Condor 2x/Woche, Flug ab Frankfurt, ca. 11 Std. -Kompensation via atmosfair.de: 109 €.
Reisezeit Hauptsaison Mitte Dez. bis Mitte April mit Temperaturen zwischen 24 und 30 Grad. Wirbelstürme können von Juni bis November auftreten.
Einreise Österreich. Staatsangehörige benötigen für Aufenthalt bis zu 90 Tagen kein Visum. Es ist jedoch erforderlich, sich vor Beginn der Reise über das Formular „PICA: Enter Jamaica“ zu registrieren.
Allgemein Landessprache ist Englisch. Im Alltag wird ein an die englische Sprache angelehntes, nicht immer leicht verständliches Patois gesprochen.
Unterkunft Viele All-inclusive-Anlagen wie das 5*-Hotel Grand Palladium in Negril bieten Resort-Urlaub auf hohem Niveau. Wer es beschaulicher und individueller möchte, findet eine hinreichende Auswahl kleinerer Unterkünfte wie etwa das Round View Guest House in Port Antonio.
Auskunft Tipps/Infos: visitjamaica.com; Packages z.B. alltours.at; tui.at
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