Kiez und Kanal: Ein langes Wochenende in Hamburg
Die Reeperbahn wird 400 Jahre alt. Zeit für einen Abstecher in eine Stadt, die weit mehr ist als Rotlicht, Rock ’n’ Roll und Hafenromantik.
Von Nicola Afchar-Negad
Auf dem Mühlenkampkanal schaukeln Stand-up-Paddler, Kanus und Tretboote gemächlich dahin. Manche scheinen grundlos zu pausieren. Erst beim genaueren Hinsehen erkennt man, dass sie auf ihre Bestellung warten. Das Café Canale im Stadtteil Winterhude reicht Fischbrötchen, Kuchen und kühle Getränke durch eine kleine Luke direkt ans Wasser des Alsterkanals.
Wer nur das große und grobe Hamburg kennt – Kräne, Landungsbrücken und Frachter –, würde diesen Teil der Stadt kaum erwarten. Rund um den Mühlenkampkanal bestimmen Altbauten, Kanäle und kleine Cafés das Bild.
Man kann durchaus von zwei Welten sprechen: Die Alster ist so etwas wie das Wohnzimmer der Stadt, die Elbe die Werkstatt. Das eine Gewässer steht für Freizeit, das andere für Arbeit. Beide zusammen haben Hamburg geprägt – und damit auch die Reeperbahn, die heuer ihren 400. Geburtstag feiert.
Die Große Freiheit ist wohl die bekannteste Seitenstraße der Reeperbahn auf St. Pauli
©MediaserverIhren Namen verdankt sie den Reepern, jenen Seilern, die hier einst die meterlangen Schiffstaue für den Hafen fertigten. Längst steht die berühmteste Straße Hamburgs, die „sündigste Meile der Welt“ nicht mehr nur für Rotlicht und Exzess, sondern viel mehr dafür, so sein zu können, wie man möchte.
Kiez me, Baby
Zum Auftakt des Jubiläumsjahres schlugen Bürgermeister Peter Tschentscher und Dragqueen Olivia Jones ein eigens gebrautes Jubiläumsbier an, bevor Tausende Menschen auf dem Spielbudenplatz gemeinsam Udo Lindenbergs „Reeperbahn“ aus dem Jahr 1978 intonierten. „An jeder Ecke roch’s nach Hafen. Und nach Rock ’n’ Roll“, sang er darin und er bedauerte, die Reeperbahn sei „Kulisse für’n Film, der nicht mehr läuft“.
Das Drehbuch zum 400er
Eher sympathisch als spektakulär. Führungen, Vorträge und zwei knallpinke Reeper-Statuen fürs Stadtbild. Irgendwie ist auf der Reeperbahn alles ein wenig drüber, inklusive der legendären Penny-Filiale mit der Neonschrift „Kiez me, Baby“ beim Eingang und den Worten „Knackige Dinger“ über der Gemüseabteilung. Reeperbahn halt.
Ein „Hotel zur Heißen Ecke“ findet man vermutlich nur hier auf der Projektliste. Der zweideutige Name hat natürlich Geschichte: Die „Heiße Ecke“ ist eine legendäre Kreuzung von Reeperbahn und Davidstraße und obendrauf ein kultiges Musical, das einen Tag am Würstelstand liebevoll persifliert. Klar ist: Der Kiez beherrscht die große Show. Das Kontrastprogramm beginnt 37 Meter über der Elbe, auf der Plaza der Elbphilharmonie, kurz Elphi genannt.
Ein Kran-Ballett
Die Elbphilharmonie, ein historischer Kaispeicher mit spektakulärem Glasaufbau, ist längst zum Wahrzeichen eines Hamburgs im Aufbruch geworden. Ein Konzerthaus, auf dessen Plaza sich zur goldenen Stunde auffällig viele Besucher mit einem Aperol Spritz in der Hand bewegen. Man könnte fast glauben, es sei inszeniert.
Ein Muss – die Plaza der Elbphilharmonie. Insbesondere abends
©Thies Raetzke/Thies Raetzke ImagesDer orangefarbene Drink, der Himmel, der für einige Minuten genau diesen Farbton trifft – so sieht Perfektion aus. Auch die Höhe der Plaza, die manche als Stadt-Balkon bezeichnen, ist ideal. Hoch genug, um den Hafen im Blick zu haben, aber auch niedrig genug, um zu erkennen, was unten am Boden grad hohe Wellen schlägt.
Wer von hier auf die HafenCity blickt, sieht einen Teil der Handelsmetropole, die ihre Grenzen seit Jahren Stück für Stück Richtung Elbe verschiebt. Um ganze 40 Prozent ist die Innenstadt gewachsen, die HafenCity ist Europas wohl bekanntestes Stadtentwicklungsprojekt.
Die Kräne gehören zum Stadtbild, wie Kirchtürme, Fischkutter und die Backsteinsilhouette der Speicherstadt. Und die Baustellen-Romantik verrät es: Die HafenCity wächst weiter.
Für 2027 sind neue Hotels avisiert und mit dem UBS Digital Art Museum ist Europas größtes Museum für digitale Kunst im Werden. Im Überseequartier hat vergangenes Jahr bereits das immersive Kunstzentrum Port des Lumières eröffnet und selbst für den Elbtower ist nach dem Signa-Schiffbruch Land in ferner Sicht.
Backstein, Brücken und Kanäle: Rund ums Wasserschloss zeigt sich die Speicherstadt von ihrer schönsten Seite
©Getty Images/querbeet/istockphotoIss dich glücklich
Alles fraglos beeindruckend. Eine etwas frischere Brise weht allerdings dort, wo Hamburg weniger poliert wirkt. Ein bisschen rauer und vielleicht auch mehr der hanseatischen Mentalität entsprechend ist etwa der Oberhafen, ein Viertel, in dem Hamburg experimentiert. Ehemalige Güterhallen wurden zu Ateliers und Werkstätten, hier spürt man, wie die Stadt gerade tickt.
Herausragend: Markthalle und Restaurant Hobenköök, zum Frühstück stehen Matjes mit Hausfrauensoße und Essiggurke auf der Karte.
Eher „etabliert cool“: das Karoviertel voller Cafés, Vintage-Läden oder dem Concept Store Kauf Dich Glücklich.
Im Schanzenviertel wiederum ist der Entdecker-Bonus weg, Beispiel: die „Bullerei“ von Tim Mälzer, die man kaum mehr als Neuentdeckung verkaufen kann.
Ganz anders verhält es sich mit dem Grünen Bunker im angrenzenden St. Pauli – er ist vielleicht sogar so symbolisch für das heutige Hamburg wie die Elphi es Ende der 2010er-Jahre war. Auf dem Dach des Flakturms wachsen Bäume, ein öffentlicher Park zieht sich spiralförmig nach oben, die Besucher blicken auf Hafen, Elbe und Reeperbahn.
„Warst du schon oben?“ war seit der Fertigstellung im vorletzten Sommer eine geflügelte Frage zwischen Kiez und Kanal.
Fisch macht sexy
Von hier oben fällt noch etwas auf: In Hamburg täuschen Entfernungen mitunter, die Stadt ist beeindruckend weit. Das Ziel scheint nur ein paar Minuten entfernt, obwohl noch ein Kanal, ein Hafenbecken oder eine Brücke dazwischenliegen.
Irgendwann ist man aber dort, nicht selten mit einem Snack in der Hand. „Fischbrötchen machen sexy“, verspricht der Aufsteller eines Standes. Eine gewagte These. Aber Hamburg wäre nicht Hamburg, würde man sie hier nicht völlig selbstverständlich stehen lassen.
Wer das ursprüngliche Hafen-Hamburg erleben möchte, fährt weiter zu Bobbys Bremsklotz unter der Köhlbrandbrücke. Wo Hafenarbeiter, Lkw-Fahrer und Stammgäste seit Jahren für Frikadellen anstehen, ist das touristische Hamburg weit weg.
Wenn der Abend kommt, legt die nächste Hamburger Institution los – beziehungsweise ab: Frau Hedis Tanzkaffee, ein ehemaliges Hafenboot, dessen Deck an Sommerabenden zu einem schwimmenden Club wird.
Die Macher sprechen von einem „subkulturellen Kontrapunkt zur staatskulturellen Elbphilharmonie“ und der „Elbvielharmonie der Herzen“. Die Königin kommt! Oder aber man findet sich dort wieder, wo die knapp 1,9 Millionen-Stadt etwas Abstand zu sich selbst gewinnt.
Auf der Lindenterrasse des Hotels Louis C. Jacob treffen sich die Nordlichter seit Generationen unter alten Bäumen bei einem Stück Jacobstorte, im Sommer übertönen Jazz- und Klavierkonzerte die Schiffshörner. Richtig hoheitlich wird es dann an zwei Abenden im Sommer, wenn am 27.8. und 2.9. die „Queen Mary 2“ am Hotel vorbeigleitet, die Königin der Transatlantikliner.
Schön: Von der Terrasse des Louis C. Jacob der „Queen Mary 2 “ zuwinken (
©MediaserverDie Gäste werden es sich nicht nehmen lassen mit weißen Tüchern von der Balustrade zu winken und auch der legendäre Kanonenschuss wird nicht fehlen. Das Louis C. Jacob hat eine 235-jährige Geschichte, solche Traditionen muss man erhalten, die An- und Abfahrten der Schiffe sind sogar auf der Menükarte gelistet.
Vielleicht steckt in dieser selbstverständlichen Würdigung ja das Wesen Hamburgs. Seit Jahrhunderten ist man das Tor zur Welt. Schiffe, Waren, Menschen – und ihre Ideen – kommen und gehen. Was bleibt, ist eine Stadt, die mit allen Wassern gewaschen ist.
Kuriose Fakten. Wussten Sie, dass…
- … die Edgar-Wallace-Filme zwar in London spielen, viele Szenen aber in Hamburg gedreht wurden?
- … Hamburg den „Guinness World Record“ für die Stadt mit den meisten Brücken weltweit trägt?
- ... im Herbst (heuer: 16. bis 19. September) das etablierte „Reeperbahn Festival“ stattfindet?
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