Stralsund: Auf einen Eierlikör in der ältesten Hafenkneipe
Über viele Jahre war die Kneipe exklusiv Stralsunder Stammgästen vorbehalten, Touristen wurden gnadenlos draußen gehalten. Das ist heute anders.
„Und wer bist eigentlich du?“ Die Offenheit dieser Frage überrumpelt. Wer bin eigentlich ich? Bevor sich die Verwirrung erst in stammelnde Silben und später in ein philosophisches Proseminar übersetzen kann, steht ein kleines Bier auf der Theke vor einem. Man stößt an, zwei Fremde sind sich schon einen Deut weniger fremd, die Kellnerin beobachtet und lächelt und wischt den Zapfhahn.
Seit dem 14. Jahrhundert wird hier getrunken
Das hier ist die älteste Hafenkneipe Europas – „Zur Fähre“ heißt das Lokal, 1332 das erste Mal erwähnt. An der Decke und der holzvertäfelten Wand hängen Segelschiffe und Kapitänsmützen, eine Matrosenpuppe und vergilbte Zeichnungen, ein Steuerrad, ein Fischernetz und viele alte Fotos. Am Stammtisch spielen Stralsunder Karten, im Raucherraum setzt sich die Seniorchefin zu den Gästen, später kommt auch die Juniorchefin Franziska Höpner vorbei und begrüßt jeden Gast.
Axel Halbhuber und Lea Moser aus dem KURIER-Reise-Team sprechen im Reisepodcast Stadt.Land.Meer. über Reise- und Urlaubsziele - im Fokus steht immer ein Land, eine Region oder eine Stadt.
Die Sperrkordel ist Geschichte
Über viele Jahre war die Kneipe exklusiv Stralsunder Stammgästen vorbehalten: Touristen und Laufkundschaft wurden gnadenlos mit einer Sperrkordel („Urlaubertampen“) draußen gehalten. Das ist heute anders. Hanni und Franzi Höpner haben die Kordel als Relikt aufgehoben, willkommen ist jeder, nicht nur die Alteingesessenen. Und so blättert Schicht für Schicht – sofern man sich denn darauf einlässt – die äußerste Schale ab. Es braucht dafür nur aufmerksame Zuhörer, gute Fragesteller und die Bereitschaft, sich selbst herzuzeigen.
Dass es der Alkohol ist, der die Zungen locker macht, ist ein Irrtum. Es ist die Offenheit. Ein Mann erzählt von seinem Burn-out und dass er jetzt Keramik töpfert, eine Leipzigerin erzählt von ihrer Namibia-Sehnsucht und ihrer DDR-Jugend, als Naturdokus ihr Tor in eine ferne Welt waren. Man spricht über alte Trennungen und neue Liebe, über das Wohnen, das Leben und das Reisen.
Info
Ozeaneum Meeresmuseum, das sich den kalten Meeren widmet – Nordsee, Ostsee und Atlantik – und anschaulich über den Schutz der Meere und ihrer Lebenswelten aufklärt. deutsches-meeresmuseum.de
Tor zur Insel Rügen Vom Stralsunder Bahnhof in unter einer Stunde mit dem Zug auf die Insel Rügen. bahn.de
Anreise Über Hamburg oder Rostock (im Sommer gibt es Charterflüge, z. B. ruefa.at).
Plötzlich beste Freunde
Franziska Höpner sagt: „Es war immer ein Ort, an dem sich Menschen getroffen haben. Jeden Abend finden hier Menschen zusammen.“ Wie schafft man es, dass die Kneipe trotz zur Seite gelegter Sperrkordel nicht zu Touristenkitsch verkommt? „Irgendwie kommen immer die richten Leute rein. Alle sind offen, einander kennenzulernen, zu reden und es entstehen Freundschaften. Am Ende sind es Menschen, Einheimische wie Touristen.“ Was man am besten bestellt? Eierlikör oder Kümmelschnaps.
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