Raus aus dem Bunker – warum man Tirana gesehen haben sollte
Der etwas andere Städtetrip: Die albanische Hauptstadt balanciert zwischen kommunistischem Erbe und neuem Selbstbewusstsein.
Kommunistische Relikte sowie sorgsam renovierte Altbauten teilen sich den Raum mit neuen Hochhäusern. Diese fallen ihrerseits durch unkonventionellen Mut auf. Ein Beispiel? Ein Haus am Skanderbeg-Platz nimmt die Form eines gigantischen Kopfes ein.
Zugleich trifft man auf islamische Moscheen, wie die 2024 eröffnete Namazgah Mosque, und christliche Kirchen, wie die 2014 eingeweihte, orthodoxe Auferstehungskathedrale.
Dazu kommen Kunstinstallationen und begrünte Plätze. Gerade dieses Nebeneinander unterschiedlichster Eindrücke macht den Reiz aus.
Im Wandel der Zeit
Tiranas Herz ist zunächst eine große Leere: Rund fünf Fußballfelder groß diente der Skanderbeg-Platz einst als Bühne, um politische Macht zu inszenieren – für Paraden und Staatsveranstaltungen. Heute starten von hier viele „Free Walking Tours“. Wie an den Rand gerückt wirkt da die Reiterstatue jener Figur, die dem Platz den Namen gibt: Der Nationalheld Skanderbeg führte im 15. Jahrhundert den Widerstand albanischer Fürsten gegen die Expansion des Osmanischen Reiches an. Verschwunden ist hingegen das Denkmal von Diktator Enver Hoxha.
Um die Brüche im Stadtbild zu verstehen, lohnt sich ein Blick in die jüngere Geschichte Albaniens.
Bis zum Ende der kommunistischen Ära im Jahr 1990 war das Land unter der Herrschaft von Hoxha weitgehend von der Außenwelt abgeschottet. In dieser Zeit entstanden auch rund 200.000 Bunker, mit denen das Land auf einen möglichen Angriff vorbereitet werden sollte. Der Eingang eines dieser Bauten – „Bunk’art 2“ genannt – liegt in Tirana zwischen den pastellfarbenen Fassaden zweier Ministerien.
links: © Getty Images/Nigel Harris/istockphoto.com
rechts: © Belinda Fiebiger
Ein ehemaliger Atombunker des Innenministeriums gibt Einblick in die Überwachungsmethoden während des Kommunismus. Die Kuppel, die den Eingang bildet, ist im Inneren mit Porträtfotos von Opfern des Regimes ausgekleidet.
Wer hinabsteigt (Eintritt: ca. 900 Lek bzw. ca. 9 Euro), betritt eine Zeit der Kontrolle und Repression. Zwischen Betonwänden und engen Gängen wird die Arbeit der Geheimpolizei Sigurimi sichtbar.
Durch Überwachung und Einschüchterung griff sie tief in das Leben der Bevölkerung ein und verfolgte systematisch politische Gegner. Für Besucher ist es eine beklemmende wie wertvolle Erfahrung.
Was einst Schutzraum für die politische Führung war, ist inzwischen ein Ort der Erinnerung und Auseinandersetzung. Trotzdem tut es gut, nach rund 90 Minuten wieder an die Oberfläche zurückzukehren und sich erneut dem heutigen, geselligeren Tirana zuzuwenden.
Tirana erstreckt sich vor der Kulisse des Dajti-Gebirges. Das Meer ist mit dem Auto rund 40 Autominuten entfernt.
©Getty Images/Fani Kurti/istockphoto.comWie kaum ein anderes Gebäude steht auch die weiße Pyramide für den Wandel der Stadt. Zunächst als Museum für Hoxha errichtet, wurde ein Abriss lange diskutiert. Nach Jahren des Verfalls wurde der markante Bau dann in einen Kultur- und Lernort verwandelt. Statt der Verehrung eines Diktators ist ein Raum für Austausch und Zukunft entstanden.
Auffällig sind die außen verlaufenden Treppen, über die man bis zur Pyramidenspitze gelangt. Von hier wartet ein weiter Blick über die Stadt und das umliegende Gebirge.
Die Pyramide von Tirana ist ein ungewöhnliches Wahrzeichen der Stadt.
©Getty Images/Fani Kurti/istockphoto.comWieder auf Straßenebene finden sich viele Cafés und Lokale. Auf den Plätzen plätschern Wasserspiele, und Gastgärten verführen dazu, traditionelle Tavë Kosi oder Fërgesë e Tiranës zu verkosten.
Beides sind eine Art Auflauf: Ersteres wird mit Lammfleisch, Reis und Joghurt zubereitet, Zweiteres besteht aus Paprika, Tomaten und Gjizë (einem albanischen Frischkäse).
Vor allem in den warmen Abendstunden verlagert sich das Leben ins Freie.
Ein weitere Facette der Stadt: Einmal im Jahr präsentiert die Tirana Auto Show neue und historische Fahrzeugmodelle.
©Belinda FiebigerViele zieht es zum Beispiel in den Parku i Madh. Die Parkanlage mit dem künstlich angelegten See lädt zum Flanieren und Sporttreiben ein. Auch hier gibt es Cafés und Lokale.
Noch ein Tipp für Foodies: ein Tasting-Menü im Mullixhiu. Das Restaurant liegt direkt am See und ist einer der wichtigsten Vertreter der Slow-Food- und Farm-to-Table-Küche Albaniens.
Küchenchef Bledar Kola arbeitete unter anderem bei Noma in Kopenhagen, einem der berühmtesten und einflussreichsten Gourmetrestaurants der Welt. Gekonnt interpretiert Kola traditionelle Gerichte mit regionalen Zutaten neu. Auf dem immer wieder wechselnden Menü stehen dann Dinge wie: auf Holzkohle gegarte Rinderbäckchen mit Sauerrahm-Honig-Sauce, Fermentiertes oder Fli – ein traditionelles Gericht aus dünnen, über Feuer gebackenen Teigschichten, hier verfeinert mit einem Aufguss aus Olivenblättern.
Schnell bekommt eine Stadt das Label "Stadt der Gegensätze" umgehängt, um sie für einen potenziellen Städtetrip interessant zu machen. Im Fall von Tirana trifft diese Beschreibung tatsächlich zu.
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