Ein Wasserskiläufer zieht seine Bahnen vor einem großen Segelschiff unter bewölktem Himmel.

Segel, Sonne, Sturm: Abenteuer mit dem Viermaster in der Karibik

Kleine Antillen. Schöne Buchten, traumhafte Strände, endloses Meer: Die Karibik auf einem gediegenen Viermaster zu ersegeln, ist ein feines Abenteuer – selbst wenn das Wetter einmal bockt und es ein bisschen „bewegter “ wird.

Es passiert nicht alle Tage, dass man in der Karibik auf ein Kreuzfahrtschiff steigt und Cruise-Direktor Peter vor dem Ablegen sagt: „Das Schiff wird sich heute Nacht noch etwas bewegen“. Gemeint ist damit, was der Wind im Hafen von Sint Maarten bei strahlender Abendsonne und ein paar fliegenden Wolkenfetzen ahnen lässt: Es könnte schaukelig werden.

„Wir waren die ganze Nacht unter Segeln, kein Motor!“

Das Schaukeln ist dann halb so wild, eine mäßige Brise von 3 bis 4 wiegt in einen wohligen Schlaf in der Kabine. Und Peter kann am nächsten Morgen, als wir die Küste vor Anguilla entlangfahren, stolz verkünden: „Wir waren die ganze Nacht unter Segeln, kein Motor!“

Wir sind nämlich mitnichten auf dem, was man heute unter einer Kreuzfahrt versteht: „All den Nonsens von Las Vegas-Show, Casino, Discos, vierzehn Restaurants und Pools mit Rutschen, den gibt es bei uns nicht“, sagt Peter – „wir sind auf einer Segelreise!“

In der Tat. Das Schiff misst hundertfünfzehn Meter Länge, hat vier große Masten und sechzehn Segel, vom Innenklüver bis zum Großfischermann – sinnlos, sich die Namen  merken zu wollen. Die Decks blitzen und blanken in hellem und dunklem Holz mit viel Messing, aufgeschossenem Tauwerk, gespannten Seilen, Winschen und Klampen. „Star Flyer“ heißt der gediegene Clipper, der den schnellen Handelsschiffen von einst  nachgebaut ist. 83 Kabinen bieten 166 Passagieren Platz – wir sind auf unserem Trip gerade mal hundertzwanzig, bei achtzig Mann und Frau Besatzung.

Vor allem aber: Wir können vor den schönsten Buchten ankern und an den kleinsten Molen anlegen, wo keiner der Kreuzfahrt-Riesenpötte mit sechstausend und mehr Passagieren hinkommt. Und  bilderbuchschöne Buchten gibt es im Norden der Kleinen Antillen, durch die wir die nächsten Tage kreuzen, viele. Zum Beispiel White Bay auf Jost Van Dyke. Das ist eines der sechzig Eilande der British Virgin Islands (es gibt auch noch fünfzig US Virgin Islands). In der Bucht mit ihrem weißen Sand schaukeln Jachten, und während die Crew große Kisten für das mittägliche Barbecue vom Schiff an Land transportiert, erklärt Peter, warum so ungewöhnlich wenige Boote vor uns liegen: „Die sind alle in der Nachbarbucht, die ist geschützter – es könnte nämlich bald bewegt werden“.

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Landkarte Kleine Antillen

©Grafik,Starclipper

Aufbruch, wenn es windet

Noch ist es nicht so weit: Vögel, die an Flugsaurier erinnern, kreisen über dem Idyll aus türkisblauem Meer, feinem Strand und sanft wiegenden Palmen. Ein paar Urlauber schnorcheln sich durch die bunte Fischwelt. Andere versuchen sich auf dem Stand-up-Paddel. Aber als würzige Chicken Wings und gebratener Mais am Buffet verzehrt sind, drängt Peter zum vorzeitigen Aufbruch. Es windet. Und weil das Meer tatsächlich schon bewegt ist, schafft es der Tender – das große orangefarbene Beiboot der „Star Flyer“ – nur einmal so an den Strand, dass man auch zusteigen und zum Schiff zurückkehren kann. Der Rest der Passagiere muss in ein nie „ruhig haltendes“ Schlauchboot klettern, das zum weiter draußen schaukelnden Tender fährt, dort umsteigen, ehe es zum Schiff geht. Ein Abenteuer, das sich vier, fünf Mal wiederholt. Als alle wieder an Bord der „Star Flyer“ sind, ist auch die Besatzung spürbar froh.

Oder Norman Island. Nach einer leicht verregneten Nachtfahrt erreichen wir die sagenhafte Schatzinsel, Vorbild für den gleichnamigen Roman des Robert Louis Stevenson. Hier wurden Mitte des 18. Jahrhunderts Piratenschätze versteckt (und seither angeblich immer wieder gefunden). Heute ist die unbewohnte Insel ein karibisches Paradies, mit der Bucht The Bight als Höhepunkt. Und als sich die letzten Regenfetzen verziehen und die Sonne durchstößt, stoßen wir beim Schnorcheln auf wunderschöne Meeresschildkröten und schlürfen eine Piña Colada.

„Das ist sehr ungewöhnlich“

So lässt sich Karibik leben, auch wenn später die berühmte Passage durch den Sir Francis Drake Kanal überwiegend grau ist. „Das ist sehr ungewöhnlich“, sagt Sergei, der erste Offizier auf der Brücke der „Star Flyer“. „Das ist sehr selten“, sagt der kroatische Kapitän Ante und blickt auf die Prognose für den nächsten Tag. „Das ist Segeln“, sagt Peter ungerührt, der stets eine Erklärung parat hat, für das Bewegte erst recht: „Wenn es in Nordamerika kalt und stürmisch ist, hat das immer Auswirkung auf das Wetter hier“, erklärt er (New York versinkt grad in Schneestürmen), „aber das geht vorbei.“

Bis es vorbei ist, lernt man das Schiff und die Entspanntheit an Bord doppelt schätzen. Ein Restaurant mit Frühstücks- und Mittagsbuffet und gesetztem Essen von Fünf-Sterne-Niveau am Abend, keine Massen, die sich die Teller voll schaufeln, als gäb’s kein Morgen; eine Piano/Tropical-Bar für den Salon innen und das Deck außen; eine getäfelte Bibliothek, in die man sich zurückziehen kann zum Spielen und Lesen, etwa die Geschichten, auf welchen Inseln Kolumbus angeblich gelandet ist, welche Insel wann wem gehört hat und wieder nicht gehört hat (Niederländer, Engländer, Spanier, Franzosen); ein Musiker, der an der Orgel, am Klavier, dann an der Flöte oder am Saxofon Musik macht, dezent im Hintergrund; Bord- und Servierpersonal, bunt zusammengewürfelt aus allen Teilen der Welt, das schnell wie ein Teil der gesamten Familie an Bord wirkt, immer freundlich und mit scheinbar, nein anscheinend Freude an der Arbeit.

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Mastklettern

©Andreas Schwarz

Und bis es vorbei ist, steht noch eine bewegte Überfahrt an: Für die Passage von den Virgin Islands nach St. Kitts und Nevis sagt die Windkarte fünfzehn Knoten voraus – aber bald  sind es dreißig und mehr, eine gute Windstärke sieben! Dafür strahlt die Sonne wieder. Die Unverdrossenen liegen an Deck, wo das Wasser in den beiden kleinen Pools tanzt und schäumt und der Wind pfeift. Der Bug hebt und senkt sich in die bis zu vier Meter hohen Wellen. Die Segel blähen sich im „steifen Wind“, so heißt der Siebener. Zu Peters Verdruss muss der Motor der „Star Flyer“ zugeschaltet werden, sonst würden wir auf dem bewegten Meer zu weit vom Kurs abgetragen. Beim Blick in die schwankende Takelage fällt einem der Film ein, der am Vorabend  an Deck gezeigt wurde: Wie die „Peking“, ein Viermaster wie unserer, in den 1920er-Jahren zum Kap Horn segelt, durch die schwere See pflügt, wie das Meer übers Deck spült und jedes Segel  noch von Hand gesetzt oder gerefft wird von Matrosen, die bei Wind und Wetter die Masten hinauf klettern.

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Sonnenuntergang.

©Andreas Schwarz

Hinauf auf den Mast

Mastklettern ist auf der „Star Flyer“ eine der Attraktionen, die bei Schönwetter anstehen. Dann trauen sich die Wagemutigen, mit zwei Karabinern angeleint, die Strickleiter die sechzig Meter hohen Masten hinauf. Es geht bis zur ersten Plattform. Dort hat man einen wunderbaren Blick auf das Deck mit den blauen Liegebetten und den beiden Netzen am Bug, in die man sich legen kann, das Meer unter und den Himmel über sich. Der wieder so strahleblau ist, wie man ihn sich in der Karibik erwartet.

Strahlend blau, so präsentiert sich auch die Frigate Bay auf St. Kitts, dem südlichsten Punkt dieser Reise durch die Kleinen Antillen. Hier packen Serge und Ferguson, die junge Sport-Equipe der „Star Flyer“, die Sportsachen wie Paddelboot, Windsurfbrett und sogar Wakeboard aus, mit dem der Könner ein paar Runden um den Viermaster dreht, während einige andere Passagiere nach einem Inselausflug an einer der kleinen Strandhütten die frischeste Kokosnuss schlürfen, die man nur schlürfen kann.

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Frische Kokosnuss an einer Strandhütte.

©Andreas Schwarz

Info

Die Schiffe
Segeltörns werden  mit zwei baugleichen Viermastern – „Star Flyer“, „Star Clipper“ (je 166 Passagiere) – und dem Fünfmaster „Royal Clipper“ (227 Passagiere) angeboten.

Kreuzfahrten
Törns mit  sieben oder vierzehn Nächten im  Mittelmeer (April– November), vor Costa Rica und in der Karibik (November–April). Atlantiküberquerungen zw. den Saisonen. 
Alle Routen auf  starclippers.com/de

Angebot 2026/2027
1 Woche Segelkreuzfahrt „Star Flyer“ inkl. Vollpension ab/bis St. Maarten. Je nach Kabinengröße ab 2.000 € p. P., individuelles Vor- bzw. Nachprogramm und Flüge auf Anfrage. Kontakt: andrea.holzmann@ruefa.at, Tel.: +43 676 7004077 oder in Ihrem Reisebüro

Und so strahlt es auf St. Barthélemy, wo einige Passagiere einen Tagesausflug auf einem Katamaran unternehmen (den Schaukelnden kann nichts mehr erschüttern, aber die See ist inzwischen eh ein sanftes Lamm). Andere streifen durch Gustavia, den Hauptort, vor dem die Reichen und Schönen mit Jachten abseits jeder Vorstellung vor Anker liegen.  
Der Abschied vom Schiff fällt schwer. Das letzte Setzen der bunt angestrahlten Segel zu den Klängen von Vangelis’ „Conquest of Paradise“ macht Gänsehaut;  und die Besatzung, die am letzten Abend kleine Fahnen schwenkt und sehr bewegend „We are the World“ singt, macht den Abschied nicht leichter. Aber wenigstens das Bewegt nimmt man mit nach Hause: Ein bisschen schwankt es die nächsten Tage, wenn man durch die Wohnung geht.

Andreas Schwarz

Über Andreas Schwarz

Andreas Schwarz, über 20 Jahre KURIER-Außenpolitiker, Leitartikler und Kolumnist, erlernte die journalistische Praxis ab 1981 im Chronik-Ressort der "Presse". Er wechselte bald ins Außenpolitik-Ressort, für das er vor allem den Nahen Osten und Fernost bereiste. Viele Jahre außenpolitischer Ressortleiter, stv. Chefredakteur und innenpolitischer Ressortchef der "Presse", kam er 2004 zunächst als Innenpolitikchef zum "Kurier". Seit August 2024 im Ruhestand, ist Schwarz u. a. weiter einer der Autoren des oft augenzwinkernden Kurzkommentars/Glosse auf Seite 1 ("Ohrwaschl").

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