Almsommer in Salzburg: Ein Weg wie aus dem Bilderbuch
In 25 Etappen führt der Salzburger Almenweg auf 350 Kilometern durch den Pongau und zu 120 Almen – inklusive Bergseen, Wasserfällen, Pofesen und Sauerkäse.
Von Julia Schafferhofer
Im Winter, unten im Tal auf ihrem Bauernhof, fühlt sich Julia Oberkofler isoliert. Im Sommer dagegen blüht sie auf – auf der Alm. Die Hüttenwirtin und Sennerin steht auf der Terrasse der Oberhütte in Forstau im Salzburger Pongau, schaut auf die Berge und sagt: „Das Schönste auf der Alm ist, dass es nichts anderes gibt.“ Auch keinen Handyempfang. Dazu setzt sie ein Lächeln in XL-Breite auf. Einheimische erzählen, dass die Sennerin dennoch die am besten informierte Person weit und breit ist. Wie vor zweihundert Jahren verbringt Oberkoflers Familie den Almsommer mit ihren Rindern, Pferden und Meerschweinchen auf 1.860 Metern Höhe, eingebettet zwischen den Felsen der Schladminger und Radstädter Tauern, unweit des fjordähnlichen Oberhüttensees. Der büßt bei Höchsttemperaturen nichts von seiner Frische ein. Die drei Kinder im Alter von elf, dreizehn und fünfzehn Jahren kommen nach, sobald die Schule aus ist. Die Hütte, so wie sie dasteht, wurde 1989 neu erbaut, nachdem sie komplett abgebrannt war. „Mit dem Neubau ist ein Wasserkraftwerk entstanden, eine Zufahrt und ein bisschen mehr Komfort.“
Das Leben auf der Alm ist getaktet, der Wecker läutet um fünf Uhr morgens: Kühe melken, Frühstück für die Gäste vorbereiten, Mehlspeisen backen, kochen, Zimmer putzen, Wäsche waschen, Mittagsbetrieb, Geschirr waschen. Dazu das Weidevieh, die Milchverarbeitung und Käseproduktion. Sieben Tage die Woche. „Ich mag meine Gäste und möchte mit niemandem tauschen“, sagt Oberkofler. Müsste sie gar nicht, das spürt man sofort.
Hüttenwirtin, Sennerin, Bäuerin, Mama: Ihre Familie betreibt die Oberhütte. Alm-Idylle ohne Handynetz, idealer Ausgangspunkt mit Schlafmöglichkeit für Wanderungen und den Einkehrschwung. Weltbester Topfenstrudel!
©Julia SchafferhoferAlmen-Hüpfen
Die Oberhütte liegt am Salzburger Almenweg. Wer von Obertauern auf die Vögeialm wandert, muss hier einkehren, denn Oberkoflers selbst gebackener Topfenstrudel ist ein Gedicht. Startpunkt dieser 11,5 Kilometer langen Etappe 19 ist die Talstation der Grünwaldkopfbahn, von dort führt der Weg hinauf auf die Bergstation. Nur ein paar Schritte hinter der Skipiste beginnt das Weitwinkelpanorama-Paradies: Bergsteige, Wiesenblumen, pink leuchtender Almrausch, ein Gebirgsfluss, Enzian in allen Variationen und eine Armada an Bergseen mit einigen Steinbänken, auf denen sich Hartgesottene nach dem kurzen Bad sonnen können. Vor zwanzig Jahren ist dieser 350 Kilometer lange Rundweg, der alle Orte im Pongau in Salzburg verbindet, ausgesteckt worden. Heute wirbt man mit „Coolcation“-Temperaturen. Mit Gepäcktransport kann man auch einzelne Strecken abschließen.
Schritt für Schritt
Jeder Schritt ist einer weiter weg vom Alltag. Die Entschleunigung setzt rasch ein. Spätestens dann, wenn das Pfeifen der ersten Murmeltiere erklingt. Der Almenweg ist familientauglich und entpuppt sich als abwechslungsreiches Abenteuer: Er startet bei Werfen und führt zu den Flanken des Hochkönigs, über Salzburgs Sonnenterrasse, auf Höhen- und alten Saumwegen durch das Gasteinertal- sowie Klein- und Großarltal. Auf schönsten Almböden wandert man durch die Ski-Weltcup-Orte Flachau und Zauchensee, entdeckt ein Hochmoor auf dem 1A-Aussichtsberg Rossbrand, betreibt Almen-Hüpfen bei Filzmoos und kehrt nach einer Höhentour beim Tennengebirge wieder nach Werfen retour.
Seele der Tauernkarleitenalm: Der Senner kümmert sich auf 1.653 Meter Seehöhe um 25 Kühe und die Verarbeitung der Milch. Gekäst wird in der Rauchkuchl u. a. über offenem Feuer und im Kupferkessel. Spezialität: „Radstädter Käse“.
©Julia SchafferhoferAuf jeder Etappe kommt man mindestens an einer Alm mit einer zertifizierten Almsommerhütte wie aus dem Bilderbuch vorbei – oftmals sind es mehrere. Ein Einkehrschwung bei der Tauernkarleitenalm auf 1.653 Metern (Etappe 18) auf dem Weg von Zauchensee nach Obertauern ist sehr zu empfehlen: Wenn Senner Michael Haym aus der rußgeschwärzten Kuchl kommt, erzählt er alles von seinen Rindern. Den besonderen Geschmack der Milch erkenne er, wenn die Milch kalt sei. Berühmt ist sein „Radstädter Kas“, ein Sauerkäse und die Bauernkrapfen nach Familienrezept. Sehr charmant: Fast alle Almen sind seit Generationen Familienbetriebe. „Die Almwirtschaft ist davon abhängig, dass es Wege hinauf gibt und dass die Alm in Schuss ist“, sagt der Senner.
Bauernkrapfen nach Familienrezept bekommt man auf der Tauernkarleitenalm.
©Julia SchafferhoferAlmwellness hat sich längst als Begriff etabliert, im Pongau kommt er ohne Schnickschnack aus. Die Entschleunigung steckt in den kleinen Details: ein gepflückter Wiesenblumenstrauß, gesichtete Murmeltiere, Steinböcke, Schmetterlinge, eine Almjause. Und der Blick in den Sternenhimmel oder den Sonnenaufgang entschädigt sowieso für (fast) alles.
Eine Almjause auf der Hütte gehört dazu – und schmeckt auf dem Berg noch besser.
©Julia SchafferhoferImmer dem Enzian nach
Die Idee für den Salzburger Almenweg kam Touristikerin Eva Mayr ausgerechnet in einem Konferenzraum bei einem Kongress: Für den Weitwanderweg hat man bestehende Pfade genutzt und Eingriffe in die Landschaft verhindert. Auch das macht den Almenweg so ursprünglich. „Jede Etappe hat ihre Besonderheit. Ich gehe im Frühling gerne auf der Sonnenseite des Hochkönigs“, sagt Mayr.
Die Touristikerin im (Un)Ruhestand hat vor 20 Jahren die Idee gehabt, die Almen und Orte im Salzburger Pongau zu einem gemeinsamen Weitwanderweg auf bestehenden Pfaden zu verbinden. Ihre liebsten Etappen sind jene in der Region rund um den Hochkönig, dort wandert sie selbst oft – besonders gerne im Frühling.
©Julia SchafferhoferDas Wahrzeichen des Weges ist zugleich der Wegweiser – die Rede ist vom Blauen Enzian. Deswegen lautet ein Tipp, auch den Wegesrand im Auge zu behalten. Das lehrt einen die Biologin Nini Orda. Wer ein Stück mit ihr wandert, entdeckt Zwerg-Labkraut, Blutwurz Schafgarbe, Giersch, Wacholder, Geflecktes Knabenkraut, Almrosen wie die bewimperte oder rostblättrige, diverse Enzian-Arten sowie den Frauenmantel. „Auf ihm haften Wassertropfen voll von reinstem Nährstoff“, sagt Orda. Und: „Hier oben auf dem Berg haben die Kräuter deutlich mehr Heilwirkung und Geschmack.“
Kennt alle Blumen, Kräuter und ihre Heilwirkung und erzählt die besten Geschichten dazu: Die Biologin und Yoga-Lehrerin bietet Kräuterwanderungen, Berg-Yoga und Meditationen an.
©Julia SchafferhoferLetzteres bezeugt jede Almjause in luftiger Höhe.
Info
Der Salzburger Almenweg
25 Etappen, 120 Almhütten, 350 Kilometer: Der Salzburger Almenweg verbindet viele bekannte Ferienregionen wie das Tennengebirge, die Region Hochkönig, die Salzburger Sonnenterrasse, das Gasteiner- sowie das Großarltal, die Sportwelt und Obertauern. Die Etappen sind abwechslungsreich, großteils familientauglich und verlaufen zu 90 Prozent über 1.000 Meter Seehöhe. Alle Etappen finden Sie hier: salzburgerland.com/de/die-25-salzburger-almenweg-etappen/
„Von Hütte zu Hütte“
6 Tage/5 Übernachtungen mit Frühstück, 4 zusammenhängende Etappen (Hüttschlag bis Gernkogel/St. Johann in Salzburg), Shuttle- und Rücktransfer. Buchbar von 1. Juni bis 30. September 2026, 648 Euro pro Person. Details und Buchung: 0662/66 88 0. salzburger-almenweg.at
Auskunft
salzburgerland.com
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