Dugald Stewart Monument and view over historic Edinburgh from Calton Hill, Scotland, UK
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Schottland-Urlaub: Warum sich Edinburgh im Frühsommer lohnt

Zwischen Vulkanfelsen und viktorianischem Pathos, mittelalterlichen Gassen und georgianischer Geometrie entsteht ein Mix, der so gar nicht kleinkariert ist, sondern bewusst kantig. Willkommen in Edinburgh, der Brutstätte etlicher Genies.

Die Stadt wirkt, als hätte jemand das Grau des Winters nur leicht abgeschliffen, aber wirklich nur die oberste Schicht. So wirklich luftig-leicht wirkt Edinburgh auch im Mai nicht, muss es aber auch gar nicht, den Job überlässt man anderen. Die Hauptstadt Schottlands mutet auf den ersten Blick fast wie eine Kulisse an, errichtet auf den Überresten eines gewaltigen Vulkansystems. Eine Stadt mit Ebenen, Perspektiven und theatralisch-schroffer Architektur – aus dunklem Sandstein, gezeichnet von Zeit und Wetter.

Der gotische Stil, die viktorianischen Gebäude, dazwischen die Dudelsackmusik, die sich ihren Weg in einen Himmel bahnt, der in wenigen Stunden gut und gerne vier unterschiedliche Jahreszeiten orchestriert. Möwen kreischen und kreisen über den bunten Schirmen, die hier zum Stadtbild gehören wie anderenorts die Elektroscooter. Wer sich in der über 1.000 Jahre alten Altstadt (Old Town) bewegt, erkennt aber auch schnell, warum die Zeit von Mai bis Juli hier einfach perfekt ist. Auf den Hügeln ringsum (Arthur’s Seat!) liegt ein frisches, sattes Grün, in den Gärten rings um die New Town explodieren die ersten Rosen, noch nicht in voller Blüte, fast ein wenig prüfend, ob sie denn schon dürfen.

Irgendwie ein Sinnbild für die ganze Stadt, die sich auf den alljährlichen Ausnahmezustand im August vorbereitet. Das "Edinburgh Festival Fringe" gilt als größtes Kulturfestival der Welt: Rund 2,6 Millionen Tickets wurden im letzten Jahr für knapp drei Wochen verkauft – in einer Stadt mit gut 500.000 Einwohnern. Der lauteste Akkord im Stadt-Sommer: "The Royal Edinburgh Military Tattoo", bei dem Militärkapellen aus der ganzen Welt vor der Kulisse des Edinburgh Castle auftreten, umrandet von lodernden Fackeln und der tiefschwarzen Nacht. Hunderte Dudelsackspieler und Trommler, im perfekten Einklang – und zugleich ist kein Auftritt wie der andere.

Summer in Edinburgh

Endlich wieder blauer Himmel: Rund um den Ross Fountain füllen sich die Princes Street Gardens mit 
Sonnenhungrigen 

©Getty Images/georgeclerk/istockphoto

Das "Tattoo" ist im Grunde die Prestige-Version dessen, was man aus Österreich von Militärmusik-Auftritten kennt – allerdings mit fast stadionartiger Dramaturgie. Auch hier wieder: dieses Gefühl von "man ist ganz weit weg", aber eigentlich nicht mal drei Flugstunden von Wien entfernt. Man kann den August planen, bereuen wird man es sicher nicht. Man sollte sich aber im Klaren sein: Die Hotelpreise können dabei durchaus militärische Präzision zeigen, im Sinne von steil nach oben. Und: Die Straßen, Pubs und Museen sind voll, das muss man mögen.

Rau und elegant

Wer in der Zeit davor eincheckt, findet vielleicht nur vereinzelte Dudelsack-Künstler auf der Royal Mile, aber für einen atmosphärischen Einstieg ist das genau richtig. Die Royal Mile wirkt wie eine Zeitreise ins Mittelalter: dunkle Kopfsteinpflastergassen, jahrhundertealte Steinhäuser, kleine Pubs, Whisky-Shops und versteckte Innenhöfe prägen das Bild. Die "Auld Reekie" (die "alten Verrauchten", ein Spitzname für die Bewohner der Stadt) sprechen auch von der Royal Mall, denn hierher kommt, wer Karo-Muster, Highland-Plüschkühe oder Whisky abhaken möchte. Bitte nicht vergessen, in die Closes einzubiegen – das sind schmale Seiten-, oft Sackgassen, die früher nachts mit einem Gitter (daher der Name) verschlossen wurden.

Piper - Edinburgh Festival

Charmantes Klischee: Dudelsackspieler als Straßenmusikanten auf der Royal Mile 

©Getty Images/Bob Douglas/istockphoto

Das "The Writers Museum" befindet sich in der Lady Stair’s Close – oder man streift durch Riddle’s Court, Advocate’s Close und The Real Mary King’s Close. Letzteres ist ein rekonstruiertes unterirdisches Gassennetz des 17. Jahrhunderts, wie ein eingefrorenes Stück Zeit, etwas düster, aber als Tour absolut zu empfehlen. Im Juni gibt’s Themenführungen anlässlich der Pride, sprich: zur LGBTQIA+-Geschichte der Stadt, die sich lange – symbolisch gesprochen – im Untergrund abgespielt hat. Edinburgh war schon immer eine Stadt der Dualität, kein anderer hat das festgehalten wie Robert Louis Stevenson, der Autor von "Dr. Jekyll und Mr. Hyde".

Die elegante Neustadt mit ihrer geordneten georgianischen Architektur auf der einen, die verwinkelte, fast museale Altstadt auf der anderen Seite – die Parallelen zu seiner literarischen Schöpfung sind offensichtlich. Über seine Heimatstadt – die erste UNESCO-Literaturstadt – hat er einst philosophiert: "Halb Hauptstadt und halb Provinzstadt, führt die gesamte Stadt ein Doppelleben; sie verfällt in lange Phasen der Erstarrung und zeigt kurze Aufblitze des anderen (…)." Neben Stevenson hat auch Arthur Conan Doyle ("Sherlock Holmes") hier gelebt, seine Zeit an der medizinischen Fakultät hat die Figur des Detektivs erst ermöglicht. Ian Rankin hat hier geschrieben, genauso wie J.K. Rowling.

3 Kuriose Fakten

Wussten Sie, dass…

  • ... jeden Tag um 13 Uhr ein Kanonenschuss vor dem Edinburgh Castle abgefeuert wird?
  • … es am Greyfriars Kirkyard Grabsteine mit den Namen "McGonagall" und "Tom Riddle" gibt? Harry Potter lässt grüßen.
  • ...  man beim Bronzehund "Greyfriars Bobby" eigentlich nicht mehr an der Nase reiben sollte – auch wenn genau das lange als Glücksritual galt? 

"Edinburgh ist eine Brutstätte von Genies", bemerkte schon Tobias Smollett, ein Autor – und Arzt – des 18. Jahrhunderts. Eine Brutstätte von Genies, leider auch von midges, den gefürchteten Gelsen Schottlands, die aber tendenziell mehr in den Highlands zubeißen als in der Hauptstadt. Wer Royal Mile und Edinburgh Castle (rechtzeitig Tickets buchen!) abgehakt hat, muss auf die Princes und Victoria Street. Erstere ist so etwas wie die zentrale Einkaufsachse der Stadt, zweitere gilt bei Harry-Potter-Fans als Ebenbild der Winkelgasse.

Pilgerstätte für Zauberschüler

Die Straße ist kurz, gebogen, gesäumt von vielen bunten Häusern mit charmanten kleinen Boutiquen, auf die wiederum eine Reihe von Wohnhäusern und Restaurants gestapelt wurde. Eine Art "Bienenstock-Architektur", sehr speziell und faszinierend – und vor allem: fotogen. Ein Take-away-Becher Butterscotch Beer vom "Elephant House" in der Hand, dahinter leicht verschwommen die bunten Hausfassaden – das hat schon was. Wer einmal den Tisch berühren möchte, an dem J.K. Rowling zeitweise an der Geschichte des Zauberschülers geschrieben hat, muss in die Filiale auf der George IV Bridge, die Ende 2025 wiederöffnet hat – 1.587 Tage nach einem verheerenden Brand.

Hier hängen Porträts von Rowling, Ian Rankin, Irvine Welsh und Alexander McCall-Smith – und man hat einen Traumblick auf das Edinburgh Castle. Zugegeben, den hat man in der Stadt öfters. Und wer das Magische liebt, wird ums Eck bei "Black Moon Botanica" fündig, Schaufenster bestückt mit Zauberbüchern und Amuletten feiern in Edinburgh sichtbar eine Renaissance. Wer lieber auf den Zaubertrank Whisky setzt, pilgert zu einem Tasting in die "The Bow Bar", deren Whisky-Karte genau das Richtige für Excel-Enthusiasten ist. Wir sagen nur: über 300 Sorten! Der Chef des Hauses hat genau den schottischen Charme, den man sich erwartet – oder vielmehr erhofft.

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Ein Whisky-Tasting, zum Beispiel in "The Bow Bar", ist fast ein Muss

©mauritius images / Alamy Stock Photos / Angus McComiskey/Alamy Stock Photos / Angus McComiskey/mauritius images

Kilometer machen

Edinburgh, die Stadt, aus der einst ein König zugleich über Schottland und England herrschte, besticht nicht nur mit Old und New Town, sondern mit dem, was jenseits davon liegt, da wo die Stadt nicht ausfranst, sondern sich eher findet. Dean Village, Stockbridge (Markt jeden Sonntag!) oder das Hafenviertel Leith – sie alle ergänzen das Bild, das so viele Kreative inspiriert hat. Wer jetzt im Frühsommer den Spaziergang zum Arthur’s Seat macht, ein Vulkanhügel, dessen Form gerne mit einem schlafenden Löwen verglichen wird, kommt dann auch mal zur Ruhe, in einer Szenerie, die man aus der Netflix-Serie „Zwei an einem Tag“ kennen könnte. Man liegt im Gras, massiert sich die Füße und überlegt, wie viele Kilometer man heute noch schafft.

Dean Village district in Edinburg, Scotland

Wie aus der Zeit gefallen: Das malerische Dean Village am Water of Leith ist einen Abstecher wert

©Getty Images/iStockphoto/arcady_31/iStockphoto

Ein Kardinalsfehler in Edinburgh: sich auf Google Maps zu verlassen, ein Tipp: die Funktion für barrierefreie Strecken einstellen! Und noch ein Wort der Warnung: Beliebte Restaurants – wie "The Witchery" – nicht weit im Voraus zu reservieren, kann zu großer Enttäuschung führen. Wobei: Die schönste Zeit des Jahres hat begonnen, am besten man macht es wie die Scots: Take-away ordern und sich im öffentlichen Park "The Meadows" ausbreiten. Und wer wirklich das volle Programm möchte: Unweit der Stadt wartet "North Berwick", 2024 von der Sunday Times zum lebenswertesten Ort Großbritanniens gekürt. Und Dudelsack-Spieler gibt’s dort im Sommer auch.

Anreise-Tipp

Es gibt saisonale Direktflüge (z. B. AUA), die nicht einmal drei Stunden dauern. Auch nach der Landung bleibt es unkompliziert: Die Straßenbahn verbindet den Flughafen direkt mit dem Stadtzentrum, je nach Ziel ist man in circa einer halben Stunde in der Princes Street oder der Haymarket Station. Alternativ fahren rund um die Uhr Airport-Busse und natürlich auch Taxis.

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