Panorama- und Luxuszüge: Die große Kunst des Reisens
Nichts verkörpert Reisekunst mehr als ein Glas Champagner im Salon-Wagen einer Zuglegende. Über den Glamour der Geduld und das Prinzip Panorama.
Von Nicola Afchar-Negad
Der Dresscode lautet Black Tie, der Lippenstift sitzt – beachtlich, denn der Boden ruckelt ab und zu im ungünstigsten Moment. High-Heels noch schnell überstreifen und über Teppichböden schreitend vorbei am Pianowagen und Dior-Spa zum Dinner. Der Champagner im Kristallglas ist in Nullkommanichts serviert, der mit Samt überzogene Sessel zurechtgerückt. Weiße Tischtücher und Silberbesteck verstehen sich von selbst.
Wer eine Reise in einem der edelsten Züge der Welt antritt, öffnet die Schiebetür in eine andere Zeit. Bodentiefe Fenster, wenn nicht sogar verglaste Dächer, Art-déco-Dekor, Holzintarsien, eine Landschaft, die nicht vorbeirauscht, sondern für immer bleibt. Panorama- und Luxuszüge sind Relikte aus einer Zeit, in der Reisen noch nicht optimiert war – und genau das ist heute das Faszinierende. Sie folgen Gebirgszügen statt Abkürzungen, Kurven statt minutiöser Zeitpläne, und formulieren genau daraus ihr Versprechen.
Der Venice-Simplon-Orient-Express, der schweizerische Glacier-Express, der japanische Shiki-Shima oder der ab Herbst neue "Dream of the Desert" in Saudi-Arabien gehören zu den teuersten Zügen der Welt. Das Publikum: von wirklich reich bis ein halbes Leben lang darauf gespart. Beim japanischen "Shiki-Shima" – einem "Train Suite", sprich: es gibt nur Suiten – muss man auch noch Glück haben und bei einer Lotterie gewinnen, um überhaupt Tickets kaufen zu dürfen.
Der "Dream of the Desert" nimmt Ende des Jahres in Saudi-Arabien Fahrt auf.
©stephan juillardAuf Zeitreise
Der Taktgeber in diesem Segment: "Belmond", ein Anbieter von Luxusreisen, der zur LVMH-Gruppe gehört. Das Portfolio: Vom "Royal Scotsman" in den Highlands, der einen Teil seiner Strecke – über das Glenfinnan-Viadukt – mit dem fiktiven "Hogwarts Express" aus Harry Potter teilt, über den "Andean Explorer" durch die peruanischen Anden, bis zum "Eastern & Oriental Express", der durch malaysischen Dschungel und an Reisfeldern vorbei bis in die Metropole Singapur verkehrt.
Der Royal Scotsman aus Harry Potter in den Highlands
©Belmond TrainsDer Legendärste unter all diesen Legenden ist aber vermutlich der "Venice-Simplon Orient Express", der die Ära der Belle Époque wieder auf Schiene bringt. Während der historische Zug ab 1883 Paris mit Istanbul verband, fährt der "Venice-Simplon" heute meist von London oder Paris nach Venedig – in restaurierten Originalwagen der 1920er- und 1930er-Jahre. Was das bedeutet: eine tiefblaue Lackierung mit goldenen Lettern und Zug-Stewards, die mit weißen Handschuhen durch halb geöffnete Fenster winken. Wer das zufällig am Bahnhof (z. B. Istanbul – Paris 1. bis 6. Juni) erspäht, wird sich dem Zauber der alten Welt nur schwer entziehen können.
Der Klassiker – "Venice Simplon-Orient Express"
©LUDOVIC BALAYSeit 2025 neu bei Belmond: der "Britannic Explorer" und der "L’Observatoire", eine Venice-Simplon-Suite, die einem ganzen Waggon entspricht. Wir sprechen von 31 m² inklusive Schlafzimmer, Marmor-Bad mit Badewanne und – jetzt kommt’s – einem kleinen Platz am Kamin, versteckt hinter einem Bücherregal. Ab Mai kommt eine neue Strecke dazu: Paris – Amalfiküste, inklusive Stopp in Pompeji. Der Venice-Simplon wird aktuell zumeist als exklusivster Zug der Welt gehandelt, es rollt aber Konkurrenz an.
Der erste Luxus-Schlafwagenzug in England und Wales: der Britannic Explorer, seit 2025
©SALVA LOPEZIm nächsten Jahr soll es endlich so weit sein, der lang erwartete "Orient Express" tritt seine Reise an. Der französische Hotelkonzern "Accor" hat die Marke übernommen und arbeitet an einem Zurück in die Zukunft. Dabei geht es nicht um reine Nostalgie, sondern um eine Übersetzung in die Moderne. Bereits seit letztem Jahr unterwegs: der "Orient Express Dolce Vita" – man kann es sich denken: in Italien. Dazu kommen "Orient Express"-Hotels und hyper-luxuriöse Segelschiffe.
Grand Grandezza
Ein letzter Szenenwechsel: die Schweiz, die "Grand Tour of Switzerland" – sie umfasst rund 1.280 Kilometer Strecke, verbindet acht Panoramalinien, durchquert alle vier Schweizer Sprachregionen, passiert elf große Seen und führt an fünf UNESCO-Welterbestätten vorbei. Und: Die Strecke des "Bernina Express", die Teil der Tour ist, gilt als eine der spektakulärsten Panoramalinien Europas: Sie erreicht über 2.300 Meter Höhe, und der Zug gleitet auf dem Weg durch etliche Tunnel und Viadukte, darunter die berühmte Spirale bei Brusio.
Beste Aussichten im "Schweizer Glacier Express" – wer will, mit Concierge-Service und 7-Gänge-Menü
©Glacier ExpressAlles fließt ineinander, Landschaft, Licht und Bewegung, während das eigene Spiegelbild am Fenster auftaucht, als wäre man ein Teil des Bilds. Es sind flüchtige Augenblicke, die das Potenzial haben, sich für immer in der Erinnerung einzubrennen. Man kann sich leicht in den eigenen Gedanken verlieren, sollte aber auch wissen: eine Zugreise kann sich nicht nur im besten Sinne ziehen.
Neun Länder in 60 Tagen
Oft tut man gut daran, nur halbtags im Zug zu sein und nachts in Hotels zu schlafen – oder umgekehrt. Tagsüber Ausflüge, nachts an Bord. Das Ruckeln und Vibrieren der Schienen sorgt angeblich für den besten Schlaf überhaupt, so hört man. Eine durchaus wichtige Info für all jene, die sich diesen September auf das "ultimative Abenteuer" von "Railbookers" einlassen wollen. Neun Länder in 60 Tagen, davon 22 Nächte an Bord der Grand-Garnituren, unter anderem dem "Rocky Mountaineer" von Vancouver nach Calgary und dem "Maharajas’ Express" in Indien.
Durch die gläsernen Dächer des "Rocky Mountaineer" öffnet sich der Blick auf die spektakulären Landschaften Kanadas
©Getty Images/SL_Photography/istockphotoNoch nicht genug? Im März 2027 fährt der erste Zug von "Adventures by train" ab. Hier reden wir von "in 100 Tagen um die Welt", man kann es sich denken: das klappt nur in Kombi mit Kreuzfahrtschiffen.
Ob in 100 Tagen um die Welt oder nur für eine Nacht im Luxuszug: Am Ende bleibt der Blick aus dem Fenster – und das Gefühl, dass die Welt ein wenig größer geworden ist.
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