Die Große Sphinx von Gizeh mit Löwenkörper und Menschenkopf steht in einer sandigen Wüstenlandschaft.

Pyramiden, Gold und Flipflops: Zu Besuch im Grand Egyptian Museum

Zuerst zu den Pyramiden und zur Sphinx, dann zum neu eröffneten Museum: Es gibt kaum eine bessere Kombination für Archäologie-Fans.

Von den Höhen dieser Pyramiden blicken vierzig Jahrhunderte auf uns herab.

Das Gefühl, das Napoleon gehabt haben muss, als er diese Worte sprach, wird jenem ähnlich sein, das man auch heute noch hat, wenn man Gizeh besucht. Denn plötzlich, inmitten von Sand und von Pyramiden umgeben, steht man direkt in der Ewigkeit.

Fotografien oder Videos können nicht dasselbe Erstaunen hervorrufen, das angesichts der Größe der Gebäude und der architektonischen Meisterleistung, die auch Jahrtausende später noch Rätsel aufgibt, aufkommt. Drei Millionen Steine sind hier verbaut, einer davon wiegt im Schnitt drei Tonnen. Wie diese Giganten so präzise bis in den Himmel hinauf platziert worden sind? Unklar.

Weitere Rätsel finden sich in einem Gebäude, das wesentlich jünger ist. Das Grand Egyptian Museum (GEM) ist vor rund einem halben Jahr eröffnet worden. Es sei „Ägyptens Geschenk an die ganze Welt“, sagte damals Premierminister Mustafa Madbuli. Widersprechen möchte man ihm nach dem Besuch nicht. Es ist jedenfalls ein Geschenk für alle, die sich für Geschichte und Archäologie interessieren.

Direkte Verbindung

Von den Pyramiden gibt es einen 1,27 Kilometer langen Fußweg, konkret eine Brücke, zum Museum. Für ein umfassendes Gesamterlebnis lohnt es sich, zuerst zu den antiken Monumenten zu gehen, die Gesamtheit zu erfassen und anschließend im GEM bei den Vitrinen und Ausstellungsstücken ins Detail zu gehen.

Man könnte mehrere Tage im Museum verbringen und hätte noch immer nicht alles gesehen. Mit einer Ausstellungsfläche von 81.000 Quadratmetern ist es das größte archäologische Museum der Welt. Das Erlebnis startet schon beim Eingang. Nach einer unaufgeregten Sicherheitskontrolle steht man am Vorplatz und wird mit einer Geräuschkulisse empfangen, die wie Filmmusik klingt – dem persönlichen Indiana-Jones-Moment steht also nichts mehr im Weg.

Palmen und Sonnensegel spenden beim Weg zum Gebäude Schatten, zu entdecken gibt es bereits hier einen Obelisken und Wasserinstallationen. Die alten Ägypter haben das Wasser als Ursprung alles Lebens verehrt.

Die Fassade ist sechshundert Meter breit und fasziniert mit einer Mischung aus Alabaster, Glas und Beton. Die eingearbeiteten dreieckigen Symbole und auch die Eingänge erinnern an die Pyramiden. In der Eingangshalle trifft man auf das erste echte Highlight, eine rund 3.200 Jahre alte Statue von Ramses II. Sie ist stolze elf Meter hoch und wiegt 83 Tonnen, ihre Maße haben dazu geführt, dass erst nach ihrer Ankunft das Gebäude drumherum fertiggestellt werden konnte.

Schuhe, die wir moderne Fliplops aussehen sind im Museum ausgestellt. Sie sind 4.000 Jahre alt.

Die Flipflops sind 4.000 Jahre alt, haben aber ein modernes Design. 

©Agnes Preusser

Wie im Shop ums Eck

Fünfzigtausend Exponate sind im Museum ausgestellt, die viele Fragen aufwerfen: Wieso war diese Kultur so hoch entwickelt? Es ist nur ein Nebenaspekt, aber in den Schaukästen findet sich Schuhwerk, das modernen Flipflops in nichts nachsteht. Filigrane Armbänder, die aus mehreren Perlenreihen bestehen, sehen aus, als könnte man sie in Wien im Schmuckgeschäft um die Ecke kaufen – und nicht, als wären sie mehrere Tausend Jahre alt.

Oder wie konnten diese gigantischen und gleichsam detailverliebten Statuen ohne heutiges Werkzeug entstehen? In die Gewänder der steinernen Nefertari sind etwa so feine Streifen gemeißelt, dass man ganz ohne den Einsatz von Farben erkennt, wo diese durchsichtig sein sollen.

Und natürlich stellt sich die Frage, wo man bei dem Museumsbesuch beginnt und wo man aufhört. Ein Rundgang mit einem Experten oder einer Expertin kann hier Abhilfe schaffen. Kunsthistoriker Ahmed Abou El Ella führt mit ansteckender Begeisterung erst über die Haupttreppe, deren knapp neunzig Stufen ebenfalls mit Artefakten und Statuen versehen sind.

Oben finden sich Galerien zu den Themen Religion, Alltag, königliche Macht, Reise ins Jenseits, bei denen man eben Schmuck, Flipflops, Schreibwaren, Alltagsgegenstände und vieles mehr entdecken kann.

Und dann gibt es noch diesen einen Bereich, den man keinesfalls verpassen darf.

Infos

Anreise
Mit EgyptAir oder Austrian kann man direkt nach Kairo fliegen. Dauer: Circa 3,5 Stunden. -Kompensation  für Hin- und Rückflug, z. B. via atmosfair.de: 31 €.

50 Hektar Gesamtfläche
Das Grand Egyptian  Museum (GEM)  wurde im November 2025 eröffnet. Es ist das  größte archäologische Museum der Welt.

Städtereise
Einen Trip mit Flug, Stadtrundfahrt und Besichtigung bietet Botrostours an.
botrostours.at

Auskunft
visitegypt.com
 

Was sehen Sie? – Ich sehe wunderbare Dinge.

Prunk und Gold. Sehr viel Gold. Viele „wunderbare Dinge“ hat Archäologe Howard Carter bei der Entdeckung des Grabes des Tutanchamun gesehen, was ihn auch zu seinem überlieferten Ausspruch gebracht haben soll.

Was er erblickt hat, ist auch für die Besucherinnen und Besucher des GEM zu entdecken. Das Museum beherbergt die gesamte Sammlung aus dem Grab. Ausgestellt sind 5.398 Objekte in zwei großen Räumen, die die ursprüngliche Anordnung der Grabbeigaben rekonstruieren. Darunter drei Särge (einer aus Gold und zwei aus vergoldetem Holz), ein goldener Thron und ein Kriegswagen.

Das weltweite Interesse an Tutanchamun steht im Gegensatz zu seiner tatsächlichen historischen Bedeutung, sagt Abou El Ella. Der Kindkönig regierte etwa von 1332 bis 1323 v. Christus und war erst zwischen 18 und 20 Jahre alt, als er starb.

Nachhallende Errungenschaften aus seiner Regentschaft sind nicht überliefert, was weitere Fragen aufwirft: Wird seine Wichtigkeit unterschätzt? Und wenn nicht: Wie sehen die Grabbeigaben der wirklich bedeutenden Herrscher aus?

Die goldene Totenmaske des Tutanchamun wird von Besuchern in einem Museum betrachtet.

Die Totenmaske des Tutanchamun ist ein Must-See im Museum 

©Agnes Preusser

KURIER Reportage Ägypten

Ägyptische Mona Lisa

All dessen ungeachtet: Während sich im Rest des weitläufigen Museums die Menschen gut verteilen – es wurde eine Obergrenze von etwa zwanzigtausend Besuchern pro Tag festgelegt –, gelangt man hier zu einem Nadelöhr.

Die Totenmaske des Tutanchamun ist ein Must-See. Zu dem goldenen Abbild, deren lebendig wirkenden Augen an den verfolgenden Effekt der Mona Lisa erinnern, gelangt man nur in einer Schlange. Durchgehend wird man mit „Keep moving, keep moving“ angeblafft, vor der Maske darf man kurz innehalten, ein Foto machen und wird dann wegkomplementiert.

Der Besuch macht jedenfalls Lust auf mehr. Lust auf mehr Wissen über das Leben im alten Ägypten, Lust auf einen noch längeren Besuch im GEM. Lust auf einen weiteren Besuch mit geschärftem Blick bei den Pyramiden.

Wenn man dort auf die geheimnisvolle Sphinx trifft, hat man zumindest schon Erfahrung mit Rätseln, die sich nicht (oder nur schwer) lösen lassen.

Agnes Preusser

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