Florenz: So berührt das Dolce Vita der Stadt trotz Overtourism
Einst war Florenz der Mittelpunkt der Welt: Heute mag die Macht vergangen sein, der kulturelle Schatz ist dafür für immer.
Volaaare, oh-oh! Mit erregter Stimme schmettert der Sänger mit der Schirmkappe auf der Ponte Vecchio den Refrain von Domenico Modugno hinauf in den Nachthimmel. Die Leute, die ihn im großen Kreis umzingeln wie Apachen ein Fort, klatschen, lachen, alle filmen mit dem Handy. Cantare, oh-oh-oh-oh! Der Barde stimmt den Song sicher zum tausendsten Mal an, für die Touristen ist es wahrscheinlich das erste Mal. An Enthusiasmus lassen beide es nicht mangeln. Nel blu, dipinto di blu: Im Blau, da oben im Blau, schaukelnd auf Wolken, sing ich mein Lied zu dir. Es ist so etwas wie der Höhepunkt des Florenz-Klischees, dem man jetzt beiwohnt: das Sentiment des Italo-Millionenhits, in der Luft liegt Liebe, alle rücken zusammen, Händchenhalten auf der Ponte Vecchio.
Ein Klischee? Ja. Aber dann ist diese ganze Stadt ein Klischee. So viel Schönheit, wohin man auch blickt, so viel Kunst aus der Champions League der ewigen Universalgenies, so viel da Vinci, Michelangelo und Botticelli, dazu die geschichtsträchtige Macht der Medici, die Palazzi, und eben die Ponte Vecchio: Nicht nur eine der ältesten Steinbrücken Europas, die es geschafft hat, Kriegen, Hochwassern und Touristengetrampel standzuhalten. Sondern ein Symbol für Florenz ist, ja für ganz Italien.
Geschäfte wurden hier immer schon gemacht. Einst verkauften die Fleischer ihren Prosciutto und Mortadella, später mussten sie den Goldschmieden weichen, auf Anordnung eines Medici. Gehalten hat sich das bis heute. Juweliere für Schmuck und Geschäfte für Luxusuhren wie Rolex, IWC und Panerai reihen sich Tür an Tür. Über den Boutiquen: der Vasari-Korridor, der die Uffizien über die Brücke bis zum Palazzo Pitti verbindet. Angeordnet hat den Spezialgang selbstverständlich auch die Familie Medici, diese Renaissance-Rockefellers, die als Kaufleute und Bankiers begannen und schließlich Könige finanzierten und Päpste lenkten und jene Genies sponserten, für deren Werke die Menschen den florentinischen Museen bis heute die Türen einrennen.
Sehnsucht nach Florenz: Der Arno durchfließt die Stadt, auch durch die Ponte Vecchio
©Getty Images/stocklapse/istockphotoUnd wer das bis heute anhaltende Gewusel und Gedränge hier selbst erlebt hat, kann ihr Korridor-Ansinnen nachvollziehen: den Wunsch, unbehelligt seiner Wege zu gehen, ohne sich dem bunten Treiben auszusetzen. Denn Florenz, das kann man bei allen romantischen Aspekten dieser Stadt nicht verschweigen, ist natürlich Overtourism-Opfer. Sehnsucht nach Florenz, wie sie schon Stefanie Werger im berühmten Lied besungen hat, das hat heute die ganze Welt.
Ich packe in meinen Koffer…
… den Roman „Zimmer mit Aussicht“ von E. M. Forster – eine zarte Liebesgeschichte plus Gesellschaftskritik.
… ein Skizzenbuch, zumindest wenn man zeichnerisch begabt ist. Geeignet auch für gedankliche Notizen.
... ein kleines Fernglas, etwa um vom Piazzale Michelangelo aus Details schöner Bauten zu entdecken.
United States of Florenz
360.000 Einwohner zählt die Stadt, sieben Millionen Touristen kommen pro Jahr. Die Folge: Die Einheimischen fühlen sich überfordert von den Massen und ziehen weg, die Mieten und Immobilienpreise steigen, Souvenirgeschäfte verdrängen alte Läden. Längst ist die Perle der Toskana in den Selbstverteidigungsmodus übergegangen: Kurzzeitvermietungen sind eingeschränkt, Elektrofahrzeuge wie etwa Golfcarts, in denen die Touris sich durch die Gegend kutschieren lassen, sind in der Innenstadt verboten, Schlüsselboxen, um Gepäck zu lagern, sind verboten, Lautsprecher für Reiseführer ebenso. Nur Eintrittsgebühren, wie in Venedig, gibt es noch nicht.
Glasweise: In den „Weinfenstern“ kann man Vino oder Aperol ordern
©Bloomberg via Getty Images/Bloomberg/Getty ImagesAuffallend im Stimmengewirr auf der Straße: Wie oft man auf Menschen trifft, die zum Dank statt Grazie mit glänzenden Augen ein holpriges Grazi keuchen: Das liegt an den vielen Amerikanern, die in der Stadt sind. Kaum ein Ristorante, in dem kein Yankee am Nebentisch sitzt. Mädchen-Gruppen mit „ I love Firenze“-T-Shirts ziehen aufgedirndlt feiernd durch die Straßen. Oder man trifft sie an den Weinfenstern, den „Buchette del vino“, die in Florenz in manch historische Gebäude eingebaut sind, etwa im Babae in der Via Santo Spirito. Sie stammen aus dem Mittelalter – also, die Fenster –, als die Pest wütete, konnte so trotzdem Wein verkauft werden. Auch heute klopft man an, und schon bekommt man Vino, Aperol oder Kaffee gereicht.
Idylle: Der Campus der New York University (NYU) mit der Villa La Pietra
©Alexander KernStudentische Oase
Viele der jungen Amerikaner studieren in Florenz, die Wiege der Renaissance ist ideal, um sich etwa in Kunstgeschichte oder Philosophie zu vertiefen. Die berühmte und international ausgerichtete New York University (NYU) hat hier einen Standort. Und was für einen. Die geschlängelte Straße im Norden geht es hinauf, dann schweift der Blick über ein historisches Landgut, auf dem eine hohe Zypressenallee zur Villa La Pietra führt. So also kann ein Uni-Campus aussehen. Wie ein Visconti-Film. In der schönbrunnergelb leuchtenden Villa mit ihren braunen Fensterläden werden in den Klassenzimmern die Studenten unterrichtet. Wer soll sich in dieser Idylle auf den Unterricht konzentrieren können?
Mit einem Mal ist man dem Gedrängel der selfieverrückten Touristen auf der Piazza della Signoria entwischt – einem wunderschönen, aber hoffnungslos überfüllten Platz –, und das mit nur zwei Öffi-Fahrten; im eindrucksvollen 23 Hektar großen Gartenidyll, das kontemplativ über der Stadt ruht, streiten sich höchstens Pinien und Buxbäume um einen Stehplatz, bezeugt von diversen Statuen. Einst in Bankiersbesitz hatten Arthur und Hortense Acton das Anwesen, dessen Geschichte bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht, 1908 erworben und hergerichtet. Ihr Sohn, der Schriftsteller Sir Harold Acton, vermachte es der NYU. Der Garten (immer Freitag nachmittags), die Villa und die Kunstsammlung können besichtigt werden. Nur gegen Voranmeldung und wenn genug Reservierungen sich angesammelt haben, aber es lohnt sich.
Vielbeäugt: Michelangelos David in der Galleria dell’Accademia
©APA-Images / Caro / Sorge/Sorge/Apa-ImagesAlle wollen David
Doch anschauen – mit eigenen Augen! – will jeder natürlich vor allem die steingemeißelte Anmut des David in der Galleria dell’Accademia. Wer die Statue von Michelangelo in einer Traube vieler anderer Augenzeugen nicht gesehen hat, darf der überhaupt behaupten, Florenz besucht zu haben? 522 Jahre hat der David auf dem Buckel und bleibt dennoch für ewig jung. Jede Stelle seiner Virilität: millionenfach fotografiert.
Auch nicht auslassen darf man selbstverständlich die Uffizien, die man über einen schmalen, langgestreckten Hof zwischen zwei parallel laufenden Flügeln mit Arkaden und Säulen betritt. Hier beobachtet man draußen erst noch Nachwuchs-da-Vincis beim Malen von Postkartenmotiven, anschließend sieht man drinnen die Weltkunst einer Metropole von Welt ausgestellt: die vielleicht nicht mehr der Mittelpunkt der Gegenwart ist, sprich mehr Erbe als Empire – aber das reicht.
Begehrtes Motiv: Das Gemälde "Primavera" von Botticelli
©Alexander Kern„Die Geburt der Venus“ auf ihrer Muschel, von Botticelli, „Die Verkündigung“ von Leonardo da Vinci, das Tafelgemälde „Tondo Doni“ von Michelangelo oder das auf ein Rundschild gemalte, schreiende Haupt der Medusa, nachdem ihr der Kopf abgeschlagen wurde, von Caravaggio: Meisterwerke in jedem Saal, sodass es nicht verwundert, dass die Sicherheitsmaßnahmen vor ein paar Monaten drastisch verschärft wurden: ein Hackerangriff und Datendiebstahl samt Lösegeldforderung versetzte das Museum in Alarm- und Ausnahmezustand. Einen spektakulären Diebstahl wie im Louvre? Das galt es zu verhindern. Eine Zeit lang wurde deshalb gar der Medici-Schatz in die Zentralbank verlagert, Türen und Notausgänge mit Ziegeln zugemauert. Das Kapital von Florenz ist seine Kunst.
Kuriose Fakten. Wussten Sie, dass …
… Hausnummern der Altstadt für Wohnungen schwarz, für Geschäfte rot sind? Sie können also zweimal vorkommen.
… das Stendhal-Syndrom, das starke Emotionen ob kultureller Pracht auslöst, auf den tollen Kunstwerken in Florenz fußt?
... Bernardo Buontalenti aus Florenz das Gelato miterfunden hat, Milch und Eier zufügte, zur „Crema Fiorentina“?
Prachtstück und Pistazien
Wer sich daran nicht sattsehen kann, der muss auch in den Palazzo Vecchio auf der Piazza della Signoria, vor dessen massiver Steinfassade Skulpturen etwa von Herkules und Cacus oder eine Kopie des David wachen. Hier machten die Medici einst Politik, und neben den Gemächern beeindruckt vor allem der 54 Meter lange Salone dei Cinquecento (der Saal der Fünfhundert) mit seiner vergoldeten Kassettendecke und den immensen Wandfresken, die von militärischen Siegen künden. Ein Prachtstück.
Prachtvoll: die Decke des Palazzo Vecchio
©Getty Images/OlyaSolodenko/istockphotoWer all diese Schönheit verkraften will, muss stark sein. Was also tut man, um gestärkt in den Tag zu gehen – man isst eine Schiacciata, eigentlich ein Fladenbrot ähnlich einer Focaccia, außen knusprig, innen fluffig. Aber in Florenz köstlich gefüllt, zum Beispiel mit Prosciutto, Mozzarella, Paradeisern oder Basilikumblättern. Streetfood all’ italiana. Sich danach vielleicht noch einen Affogato al caffè zu gönnen, ist nicht die schlechteste Idee. Vor allem, wenn man dafür den alteingesessenen Eissalon Vivoli besucht, weil der hier in einer speziellen Variante serviert wird: als La Gran Crema al Caffè, bei dem die Seiten des Häferls mit Eis der Sorte Crema bestrichen sind – auf Wunsch auch mit Pistazien veredelt.
Köstlich: gefüllte Schiacciata, typisch florentinisch
©Getty Images/iStockphoto/hlphoto/istockphotoDermaßen versorgt lässt es sich gut in hügelige Gegenden aufbrechen. Vom Piazzale Michelangelo aus, der schon errichtet wurde, als Florenz noch die Hauptstadt von Italien war, genießt man den besten Ausblick über die Stadt, erblickt den Arno, den Fluss, der sich seinen Weg durch die Stadt bahnt, den Dom, selbstverständlich, das Wahrzeichen von Florenz, und ... siehe da, ein hübsch herausgeputzter asiatischer Jüngling nutzt die romantische Kulisse dieses sonnigen Nachmittags, um vor der Steintreppe auf die Knie zu fallen, einen Ring aus der Hosentasche zu kramen und seiner Liebsten einen Heiratsantrag zu unterbreiten. Sie hat ja gesagt. Romantik, auch das kann Florenz.
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