Im Reich der schwebenden Berge: Unterwegs durch Chinas Süden
Das Reich der Mitte ist groß, fremd, hipp – und für Europäer manchmal ganz schön schräg. Wer sich davon nicht abhalten lässt, wird bei einem Besuch reich belohnt.
Mit jeder Kurve, die sich der Elektrobus die Serpentinen hinaufschlängelt, verschwindet die Landschaft etwas mehr im Nebel. Im Tianzi-Gebirge bei Zhangjiajie im Herzen Chinas hängen die Wolken an diesem Frühlingstag tief. Auf dem Gipfel angekommen, sieht man von der berühmten Aussicht erstmal: nichts.
Eigentlich sollten sich hier mehrere eng zusammenstehende, bis zu hundert Meter hohe scharfkantige Felssäulen majestätisch aus dem Gebirge erheben. „Pinselberge“ werden sie genannt, weil sie das weggeworfene Schreibwerkzeug eines Tujia-Anführers darstellen sollen, der im vierzehnten Jahrhundert gegen die Ming-Dynastie rebellierte. An diesem Tag bleiben sie hinter der dichten Nebelwand verborgen.
Hier, im Wulingyuan-Naturschutzgebiet in der Provinz Hunan, wo die Sommer feuchtheiß und die Winter verregnet sind, ist das keine Seltenheit. Ein Händler, der auf der Aussichtsplattform auf Kunden wartet, lässt sich davon nicht beirren. „Photoshop?“, fragt er und bietet seine Drohnenfotos an. Als die Europäer ablehnen, zuckt er nur mit den Schultern.
Panorama-Aufzug
Etwas weiter südlich, im Zhangjiajie National Forest Park, hat die Reisegruppe mehr Glück: Der Nebel lichtet sich gerade rechtzeitig, als der Bailong-Aufzug nach oben fährt. Der gläserne Lift an der steilen Felswand ist mit dreihundertsechsundzwanzig Metern der höchste Außenaufzug der Welt. Den Gästen darin eröffnet sich ein spektakuläres Panorama: unzählige, über Millionen Jahre geformte nadelförmige Quarzsandstein-Säulen ragen zwischen den Wolken hervor.
Insgesamt soll es mehr als dreitausend von ihnen hier im ältesten Nationalpark Chinas geben. Bis zu tausend Meter sind sie hoch und so beeindruckend, dass sie einst Star-Regisseur James Cameron zu den schwebenden Bergen im Kino-Hit „Avatar“ inspirierten. Spätestens seitdem ist das UNESCO-Weltkulturerbe weltbekannt.
In China selbst braucht es so eine Werbung längst nicht mehr. Der Inlandstourismus hat das einzigartige Stück Land schon lange für sich entdeckt. Reisegruppen schieben sich auf Wanderwegen vorbei an Shops, Restaurants und den wilden Affen. An den Aussichtsplattformen kommt es regelmäßig zu Staus – die Drohnenfotografen machen gutes Geschäft.
Ebenfalls beliebt: schwindelerregende Klettersteige, Gondeln oder Panoramabahnen, Rutschen, Rolltreppen und natürlich die „Grand Canyon Glass Bridge“: die längste und höchste Glasbodenbrücke überhaupt. Kein Wunder, dass drei Tage empfohlen werden, um den riesigen Nationalpark (größer als Malta!) mit allen Attraktionen zu erleben.
Grand Canyon Glass Bridge: Die längste und höchste Glasbodenbrücke der Welt ist natürlich ein Highlight.
©Elisabeth KröpflWo anfangen?
All das passt ins Bild, das viele Europäer von China haben: groß, fremd, hipp – und manchmal herrlich schräg. Wer sich davon nicht abhalten lässt, wird bei einem Besuch reich belohnt – und immer wieder neu überrascht.
Etwa in Chengdu, eine der in Europa noch recht unbekannten chinesischen Millionenstädte und ideale Alternative zum Osten des Landes. „Chengdu ist eine Stadt zum Leben“, sagt Guide Fan auf der Fahrt ins Zentrum. Entschleunigter und günstiger als Peking oder Schanghai. Bekannt ist sie für die Pandas, das Mahjong-Spiel und das scharfe Essen, den Sichuan-Pfeffer, der die Zunge taub macht.
Nach Fans Beschreibung wundert es ein wenig, wenn man (wie an so vielen Orten in China) an den Mega-Infrastrukturprojekten und brandneuen XXL-Wohnanlagen vorbeifährt. Oder am gewaltigen Bahnhof steht, wo der Schnellzug wartet. Ob das Gebäude auch neu sei? „Nein nein, der hier ist alt“, winkt der Reiseleiter ab. Alt, das bedeutet in China: sieben, maximal acht Jahre. Zu den bestehenden drei Bahnhöfen würden gerade zwei weitere gebaut, erklärt er beiläufig. Die seien demnächst fertig.
Weiter geht es nach Guangxi, das an Vietnam grenzt. Auch hierhin kommt man zunächst vor allem wegen der Berge, die diesmal kegelförmig und nicht weniger spektakulär sind. Entdecken lässt sich die Märchenkulisse am besten bei einer Floßfahrt auf dem Yulong-Fluss, mit dem Fahrrad vorbei an gelb leuchtenden Rapsfeldern – oder bequem in einem Tuktuk.
Auch die traditionellen Teeplantagen sollte man in der südlichen Provinz nicht verpassen. Viele Familien bewirtschaften hier kleine Parzellen. Mit flinken Fingern pflückt eine Bäuerin hellgrüne Blätter und steckt sie in den Holzkorb auf ihrem Rücken. Bis zu dreißig Kilogramm sammelt sie an einem Tag. Aller per Hand, wie gerne betont wird, weil nur so die Qualität stimme.
Nach Guangxi reist man aber auch wegen der Menschen und ihrer Geschichten. In der autonomen Provinz leben nämlich viele der sechsundfünfzig Volksgruppen, die in China offiziell anerkannt werden. Am Fuße des Longji-Berges liegt etwa Huangluo, ein Dorf der Yao. Die Frauen sind für ihre langen Haare bekannt, die sie nur einmal im Leben schneiden und die 2002 von Guinness World Records prämiert wurden.
Fast schon zu kitschig: Eine Bäuerin pflückt Teeblätter in der südchinesischen autonomen Provinz Guangxi.
©Elisabeth KröpflFenghuang wiederum ist die Heimat der Tujia und Miao. Tagsüber wirkt die „Phönix-Stadt“ wie ausgestorben. Vor den Häusern auf den traditionellen Pfahlbauten, der alten Stadtmauer oder dem antiken Theater ist wenig los. Am Abend ist das anders: Dann kommen die Massen und posieren am Fluss in nachgebildeten Trachten, die Lichter- und Nebelshows starten und Schauspieler werfen sich für das Publikum am Flussufer in pompösen Kostümen ins Zeug.
Es sind Momente wie diese, in denen alles Authentische, alles, was Europäer auf Fernreisen gerne suchen, in China längst verschwunden zu sein scheint. Dann muss man die Augen zumachen oder den Kopf schief legen, um sich vorzustellen, wie es einmal gewesen sein könnte. Vor den Attraktionen, den Mega-Shows oder QR-Codes an jeder Ecke.
Alte Batikkunst
Und dann gibt es wieder Orte, wo das Traditionelle noch ganz ersichtlich ist. Im Studio von Meister Wang etwa, wo seine Familie seit sechs Generationen mit Indigo färbt. Traditionelle gebatikte Kleider und Stoffe verkaufen sie hier in der Altstadt von Fenghuang. Englisch spricht niemand, dennoch wird Besuchern geduldig jeder Arbeitsschritt gezeigt.
Oder bei den Reisfeldern in Longji („Drachenrücken“), wo sich die Terrassen nicht nur wunderschön glitzernd auf den Gipfel winden und allein deswegen einen Besuch wert sind. Sondern auch, weil die über sechshundert Jahre alte Anbautradition der Zhuang noch hochgehalten wird.
Denn auch das ist China: Ein Land, das sich in atemberaubendem Tempo verändert und gleichzeitig seine jahrtausendealte Kultur – mit allen Widersprüchen – selbstbewusst präsentiert. Wer noch nie dort war, der kann das nicht verstehen. Und wer mal da war, versteht es irgendwie noch immer nicht.
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