Der Obelisk von Buenos Aires überragt bei Sonnenuntergang den dichten Verkehr auf der Avenida 9 de Julio.
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Österreichs WM-Gegner Argentinien: Warum Buenos Aires so elektrisiert

In der Hauptstadt von Österreichs WM‑Gegner Argentinien treffen Fußball, Grandezza, Lässigkeit und Kulinarik aufeinander. Buenos Aires ist eine Weltstadt mit besonderer Stimmung.

Diese Stadt müsste heute eigentlich Buen Rollo oder Buena Sensación heißen: gute Stimmung, gutes Gefühl. Buenos Aires trägt die gute Luft zwar im Namen, so ganz richtig ist das mit seinen rund 15 Millionen Menschen im Großraum nicht. Und doch liegt hier etwas in der Luft.

Sicherlich ist es die pure Lebenslust, vielleicht die Melancholie. Wahrscheinlich auch dieser herrliche Mix aus europäischer Grandezza und lateinamerikanischer Lässigkeit und Wurschtigkeit. Dazu kommt eine erstaunliche Vielfalt an Einflüssen. Das Indigene, das Jüdische, das Queere haben Buenos Aires geprägt.

All das paart sich mit der Attitüde einer Weltstadt ersten Ranges, die genau weiß, wie großartig sie ist. Man merkt das im Alltag, in kleinen Gesten. Die Bewohner nennen sich stolz Porteños und ihre Sprache klingt etwas anders: Das „ll“, das im Spanischen oft wie ein „j“ ausgesprochen wird, klingt hier wie „sch“. Aus dem Huhn pollo wird in Buenos Aires also ganz selbstverständlich „poscho“.

So große war die WM-Feier im Zentrum

Die Stadt hat ihre eigenen Regeln. Das zeigt sich, wo Emotionen hochkochen: beim Fußball. Der wird gelebt wie kaum sonstwo. Zur Fußball-WM, wenn Argentinien etwa am 22. Juni gegen Österreich spielt, wird es noch elektrischer als sonst.

Straßenkunst in Buenos Aires zeigt ein großes Wandbild von Lionel Messi in Fußballtrikot, das die Bedeutung des Fußballs für die Stadt unterstreicht.

Street-Art, wie über Messi hier im Viertel San Telmo, gibt es in Buenos Aires oft. 

©Daniel Voglhuber

Beim WM-Titel vor fast vier Jahren feierten Millionen auf der 16-spurigen Avenida 9 de Julio, jener monumentalen Schneise, die sich durch die Stadt zieht. Man kann diese urbane Schlagader ruhig einmal überqueren, ein Foto vor dem Obelisken mit dem großen, grünen BA-Logo schießen. 

Dahinter blickt Eva Perón von einem riesigen Wandbild auf das Geschehen hinab. Danach geht es aber dorthin, wo diese besondere Buenos-Aires-Stimmung spürbar wird; in eines dieser typischen Cafés der Stadt, in die „Cafés notables“. Hierher kommen die Porteños.

Wie in den italienischen Caffè-Bars trifft sich hier von früh bis spät Alt und Jung. Eine Institution ist „Los Galgos“, ein stimmig-abgeranztes Lokal aus den 1930er-Jahren im Zentrum der Stadt, mit hölzerner Bar, Wandvertäfelung und großen Fenstern. Es liegt gleich neben wichtigen Regierungs- und Gerichtsgebäuden. Berühmte Politiker kamen hierher, um Informationen aufzusaugen und weiterzugeben. Und um zu frühstücken. 

Kipferl und Tosts im Los Galgos

Am Morgen gibt es warme Croissants, die unvermeidlichen Medialunas, und Tostados de Jamón y Queso, geröstete Schinken-Käse-Sandwiches, dazu schwarzen Kaffee oder einen Cortado mit Milch. Zu Mittag landet eine Milanesa, das argentinische Schnitzel mit Pommes, auf dem Tisch. Am Abend wird Wermut bestellt, dazu greift man zur Picada-Platte, voll beladen mit Schinken, Wurst und Käse.

Ein Kellner mit Bart trägt ein Tablett mit mehreren Tellern voller frisch gebackener Croissants durch ein Café.

Ein Muss sind die Kipferl im Bar-Kaffeehaus-Hybrid „Los Galgos".

©Los Galgos

Genießen wie die Einheimischen, besuchen wie die Touristen: Ein Buenos-Aires-Trip ohne La Boca ist wie Paris ohne Eiffelturm. Das geht, fühlt sich aber falsch an. Das Viertel am alten Hafen wurde im 18. Jahrhundert von italienischen Einwanderern geprägt, die als Industriearbeiter nach Argentinien kamen. 

Berühmt ist La Boca für seine knallbunten Häuser. Gebaut wurden sie aus dem Blech ausrangierter Schiffe, gestrichen mit dem, was gerade da war: Schiffslack in allen Farben. Rund um die Gasse El Caminito wird es dann ein bisschen schräg. Restaurantkeiler rufen, Tango-Paare legen eine heiße Sohle aufs Kopfsteinpflaster. Und leicht gruselige Tango- und Gaucho-Puppen lachen von Balkonen . Dazu posiert eine Lionel-Messi-Figur im Argentinien-Trikot mit dem WM-Pokal.

Das Leben von La Boca

Doch das eigentliche Leben spielt sich ein paar Straßen weiter ab. Hier übernimmt auch Street-Art das Kommando. An den Hauswänden leuchten fast immer dieselben Farben: Blau und Gelb, die Farben des Fußballklubs Boca Juniors. Natürlich fehlt auch Diego Maradona nicht. Hier ist er groß geworden – lange bevor er mit der „Hand Gottes“ Fußballgeschichte schrieb.  Maradona hat im Stadion La Bombonera, das mitten im dichtverbauten Wohngebiet steht, bis heute einen fixen Sitzplatz. Der wird nicht neu vergeben. Fußball ist Religion, dagegen wirkt selbst Rapid wie eine leicht sektiererische Freikirche. Künftig sollen im Stadion statt 57.000 rund 80.000 Fans Platz finden.

Tonangebend auf den Rängen ist die berüchtigte Gruppe „La Doce“, benannt nach dem zwölften Mann. Laut, leidenschaftlich und nicht ganz unumstritten. Und mit den Erzfeinden vom bürgerlichen Stadtrivalen River Plate kracht es regelmäßig.

Fußball, Tango, Malbec und Steak – sie stehen wie kaum etwas anderes für Argentinien, für Buenos Aires. Und auch wenn die Hauptstadt natürlich viel mehr zu bieten hat: Kulinarisch gehört zumindest einmal ein ordentliches Steak auf den Teller.

Eine Karte zeigt Argentinien mit der Hauptstadt Buenos Aires und den angrenzenden Ländern in Südamerika.

Buenos Aires liegt gegenüber Uruguay.

©Grafik

Eigentlich kann man damit fast überall nichts falsch machen – Ausnahme sind die Touristen-Nepp-Lokale auf der Calle Florida. Fleischlos ist in dem Land, in dem man kulinarisch gern zwischen „Huhn“ und „Fleisch“ unterscheidet, aber ebenfalls im Kommen. Und auch Fisch wird immer gefragter: besonders gut etwa im Lokal „Ultramarinos“ vom aufstrebenden Koch Maximiliano Rossi.

Bestes Steak der Welt

Anlaufstelle Nummer eins für das Zelebrieren des Steaks ist die „Parrilla Don Julio“. Buenos Airisch gesprochen: Parrischa. Aktuell rangiert es auf Platz 10 der Liste „The World’s 50 Best Restaurants“. Hier sind selbst die Pommes beeindruckend und so groß wie Churros. Bevor das Rindfleisch vom offenen Grill kommt, gibt’s Würste, gebackenes Bries und andere Einstimmungen. Und dann das Fleisch: in allen erdenklichen Zuschnitten und Formen.

Eine Person schneidet ein gegrilltes Steak auf einem Holzbrett, begleitet von Pommes frites und Tomatensalat.

Die Parrilla Don Julio zählt zu den besten und berühmtesten Steaklokalen der Welt. Sie legt viel Wert auf Bio. 

©Don Julio

Heute pilgern Gourmets aus aller Welt hierher, doch die Wurzeln des Lokals sind erstaunlich bodenständig. „Das war ursprünglich ein Lokal für Taxifahrer. Ganz oldschool“, erzählt Inés de los Santos, eine echte Szene-Größe in Buenos Aires. „Sie haben sich Schritt für Schritt verbessert. Mittlerweile haben sie eigene Farmen und Gärten.“ Ihr wichtigster Tipp für Gäste: „Nicht zu viel Brot essen!“ Auch wenn es verführerisch gut ist. „Sie füttern uns!“

Essen und Trinken

  • Parrilla don Julio: Das Lokal zählt zu den besten Lateinamerikas. Die Macher legen Wert auf Steaks und Bio-Lebensmittel. 
    parrilladonjulio.com
  • Parrilla Peña: Geheimtipp. Während des Wartens auf das Steak gibt es Empanadas.
    instagram.com/parrillitapena
  • Caseros: Hausmannskost, traditionelle Einrichtung mit eng beieinander stehenden Tischen.
    instagram.com/caseros.restaurante
  • Los Galgos: Café und Bar aus den 1930ern. Croissants und Kaffee am Morgen, Wermut ab spätem Nachmittag. Zu essen gibt’s von Toasts über Aufschnitt bis Milanesa. barlosgalgos.com.ar
  • Ultramarinos und Picaron: Zwei Lokale von Küchenchef Maximiliano Rossi. Ersteres hat feine Fischküche, zweiteres ist lockerer mit Fusion.
    instagram.com/ultramarinos.ba
  • Trade Sky Bar: Grandioser Blick über die Stadt – von Hochhäuserschluchten bis zum Río de la Plata.
    tradeskybar.com
  • CoChinChina: Lebhafte Cocktailbar und Restaurant, fusioniert Asien und Lateinamerika im Szene-Viertel Palermo Soho.  
    instagram.com/cochinchina.bar
  • Uptown: Beliebte Bar im Stil der New Yorker U-Bahn.
    uptownba.com  

De los Santos ist Mixologin und betreibt im Szeneviertel Palermo Soho die Bar „CoChinChina“, die zu den besten der Stadt zählt. Außerdem hat sie für die argentinische Schaumweinmarke von Moët & Chandon fruchtige Aperitifs unter dem Namen Chandon Spritz mitentwickelt, die auch in Österreich gerne im Glas landen.

Das Bar-Konzept mit vielen asiatischen Einflüssen könnte man so auch in anderen Weltstädten finden. Was „CoChinChina“ aber wirklich besonders macht, ist die Stimmung: Die Musik springt mühelos von „I Will Survive“ zu anspruchsvollem House. Die Gäste klatschen mit, bewegen sich, lachen. Und der Barkeeper lässt regelmäßig das Megafon aufheulen. Diese gute Buenos-Aires-Stimmung eben. 

Draußen tobt in Palermo Soho vor allem abends das Leben. Und die Porteños gehen spät aus. Auch tagsüber lässt sich gut Zeit verbringen. Man geht einkaufen und schlendert durch Straßen, die wie auch in anderen Vierteln von Street-Art übersät sind.

Der Treibstoff: Fernet mit Cola und Mate

Um in Stimmung zu kommen, greift man in Argentinien gern zu Fernet mit Cola. „Fernando, wie wir hier sagen, ist gerade auf der ganzen Welt extrem trendy“, erzählt die Mixologin. Vor dem Asado, den großen Grillereien, wird kurzerhand eine große Cola-Flasche geköpft und der Bitterlikör einfach hineingekippt.

Ein anderer Treibstoff im Alltag: Der herbe Muntermacher Mate. Getrunken wird das Heißgetränk aus einem speziellen Gefäß, immer mit Metallstrohhalm – und oft geteilt. „Die erste Regel: Niemals den Strohhalm angreifen“, erklärt eine Stadtführerin. „Sonst mischt man den ganzen Mate-Satz auf.“ Regel Nummer zwei: Wenn man Mate angeboten bekommt, sagt man zumindest einmal Ja. Ausnahme: Man ist gerade krank.

Ein Teller mit Alfajores, daneben eine schwarze Tasse mit Metallstrohhalm und eine große grüne Teekanne auf Holztisch.

Herber Yerba-Mate aus der typischen Kalebasse mit Strohhalm. Dazu gibt es süße Alfajores.   

©Getty Images/gabrielabertolini/istockphoto

Dazu knabbert man gerne Alfajores – Kekse, gefüllt mit der Karamellcreme Dulce de Leche, manchmal auch mit Schokolade überzogen. Wo es die besten gibt? Kein echter Geheimtipp, aber viele Einheimische schwören auf „Havanna“, eine Café-Kette, die gefühlt an jeder Ecke zu finden ist.

Das sind die Sehenswürdigkeiten in Buenos Aires

Empanadas gehören dazu: Die gefüllten Teigtaschen schmecken besonders gut in der historischen Markthalle von San Telmo, wo man sie unter der imposanten Eisenkonstruktion genießt.

Ebenfalls ein Muss ist der Friedhof La Recoleta. Davor spenden große, hunderte Jahre alte Gummibäume mit beeindruckenden Wurzeln Schatten, dahinter gleicht das Areal mit seinen prunkvollen Mausoleen einer Stadt der Toten. Im Gassengewirr kann man sich auf die Suche nach dem Grab von Eva Peróns machen.

Sehenswürdigkeiten

  • La Boca: Mit seinen bunten Häusern – oftmals aus Wellblech – ist das Arbeiterviertel  die bekannteste Gegend der Stadt.
  • Friedhof  La Recoleta: Einer der berühmtesten Friedhöfe der Welt. In den großen Mausoleen liegen viele argentinische Prominente begraben – etwa Evita Perón. 
  • San Telmo: Viertel mit Fin-de-Siècle-Flair. Markthalle und sonntäglicher Markt.
  • Avenida 9 de Julio: Riesige Verkehrsader mit dem Obelisken in der Mitte. Hier steht auch das Opernhaus Teatro Colón.
  • Palermo: Kleine Cafés, Bars, Boutiquen, Street-Art. Viel Leben im Viertel – besonders, wenn es Abend wird.
  • Botanischer Garten: Öffentlicher Garten. Liegt neben dem Zoo, ein paar Tiere leben auch hier. Der Japanische Garten liegt auch gleich daneben.

Ein Abstecher zur Casa Rosada, dem argentinischen Präsidentenpalast, sollte sein. Auf dem Platz davor wird die Geschichte des Landes bis heute gelebt und erlebt: Immer wieder gibt es Protestcamps – etwa von Angehörigen, die an die Vermissten der Militärdiktatur erinnern oder von Veteranen des Falklandkriegs.

Auch wenn die wirtschaftliche Lage in den vergangenen Jahren nicht immer rosig war und die Inflation grassierte, ist Buenos Aires eine für die Region vergleichsweise sichere Stadt. „Auch abends fühle ich mich nicht unsicher“, sagt die Stadtführerin. Meiden sollte man allerdings die Elendsviertel, etwa rund um den Bahnhof Retiro – und das, obwohl sie gar nicht weit von den Luxushotels an der Avenida 9 de Julio entfernt beginnen.

Buenos Aires aus einer anderen Perspektive gibt es von oben, etwa von der „Trade Sky Bar“. Von hier sieht die Stadt plötzlich fast aus wie New York: ein Meer aus Hochhäusern, Lichtern und Geraden.

Hohe Gebäude säumen eine breite, gerade Straße, die in der Ferne auf einen weißen Obelisken zuläuft.

Manchmal wirkt Buenos Aires wie New York - wie hier gesehen von der Trade Sky Bar aus.

©Trade Sky Bar

Dreht man sich um, öffnet sich auf der anderen Seite der Blick auf den Río de la Plata. Der ist weit, fast endlos, mehr Meer als Fluss. Bis zu 220 Kilometer breit ist dieser Mündungstrichter. Auf der anderen Seite beginnt Uruguay. Schnelle Fähren setzen nach Montevideo oder ins näher gelegene Colonia del Sacramento von Puerto Madero in nur 45 Minuten über.

 Die älteste Stadt Uruguays ist mit ihren gepflasterten Gässchen, abgestellten Oldtimern und kleinen Künstlerlokalen perfekt für einen Abstecher.

Panoramablick auf die historische Stadt Colonia del Sacramento in Uruguay mit Blick auf den Río de la Plata unter einem blauen Himmel.

Colonia del Sacramento liegt am gegenüberliegenden Ufer des Río de la Plata in Uruguay.  

©Getty Images/iStockphoto/holgs/istockphoto

 Ein perfekter Gegenpol zu einer Stadt, die nie zur Ruhe kommt.

Ausflüge und Hotels

Trips:

  • Tigre: Mit dem Zug 40 Kilometer entfernt. Rauf auf eine Insel im Delta des Río Paraná.
  • Colonia del Sacramento: Mit dem Schiff über den Río de la Plata nach Uruguay.

Schlafen:

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was schön ist und Spaß macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.

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