Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Vom Neujahrselan und anderen Irrtümern
Über Anfangsschwierigkeiten, volle Kühlschränke und die tröstliche Konstanz frisch behaarter Menschen
Bald ist 2026 vier Wochen alt, und ich habe es noch immer nicht geschafft, den allseits gefeierten Neujahrselan zu aktivieren. Ein neues Romanprojekt existiert nur in meinen Träumen, während ich demotiviert Altlasten abarbeite. Neulich ging ich Lebensmittel einkaufen in der Hoffnung, ein voller Kühlschrank würde mir zumindest das Gefühl geben, etwas geschafft zu haben.
Missmutig schob ich mein Einkaufswagerl vor mir her, als ich zufällig einen Bekannten traf, den ich über zehn Jahre nicht gesehen hatte. Ich traute meinen Augen nicht: Mit dreißig war er kahl gewesen, nun, mit vierzig, trug er dichtes, üppiges Haar. Ich weiß, man soll Menschen nicht auf ihr Äußeres ansprechen. Andererseits, wer aus kosmetischen Gründen an sich herumoperieren lässt, hat viel Geld und Aua investiert – das darf man würdigen. Also gratulierte ich ihm zu seinem Schopf.
Sofort erzählte er von seiner Reise mit den „Turkish Hairlines“, wie ein Arzt in Istanbul seine Kopfwüste zum Sprießen gebracht hatte, und schloss: „Das waren solche Schmerzen, jetzt weiß ich auch, wie sich eine Geburt anfühlt.“ Schnell wechselte ich das Thema, fragte, ob er noch mit seiner damaligen Freundin zusammen sei. „Oh Gott“, sagte er, „die ist mir zu alt geworden.“ Ich sagte „aha“ und ging. Diese Frau war so alt wie ich – also jünger als er. Und plötzlich erinnerte ich mich, warum ich an diesen Bekannten so lange nicht gedacht hatte: Er hatte mir schon damals zu viel Blödsinn geredet, und eigentlich hatte ich immer nur seine Freundin interessant gefunden.
Das neue Jahr hatte also doch etwas geliefert: die beruhigende Erkenntnis, dass nicht jede Veränderung automatisch eine Verbesserung bringt. Nicht einmal, wenn die kahle Wüste wieder sprießt.
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