Vea Kaisers "Fabelhafte Welt": Eine Wette im Freundeskreis
Warum das Biotop "Fußmatten in einem Familienauto" unbedingt unter Naturschutz gestellt werden muss
Vor zwei Jahren eröffnete uns ein Freund auf einer Party, dass er Vater werde. Und sagte ernst: "Mein Auto wird niemals dreckig sein. Denn auch mit Kind wird darin nie gegessen." Alle anderen Anwesenden waren bereits Eltern. Unsere Reaktion war bemerkenswert einheitlich: Wir lachten. Laut. Lange.
Seit wir Kinder hatten, steuerten wir alle keine Autos, sondern rollende Biotope. Wenn sich am Boden ein knirschender Teppich aus Haferriegelflocken und undefinierbaren Salzstangerlresten sammelt, ist mir das lieber, als bei jedem kleinen Hunger stehenbleiben zu müssen. Gelegentlich Aussaugen geht deutlich schneller. Also schlossen wir mit dem werdenden Vater eine Wette ab: Sobald sein Kind zwischen eineinhalb und drei Jahre alt ist – also ständig Hunger hat, selbst essen kann, dabei aber explosionsartig bröselt – dürfen wir unangekündigt sein Auto kontrollieren.
Bald wird es so weit sein, und ich bin ein wenig nervös. Nicht wegen des Wetteinsatzes. Ich fürchte vielmehr, mein geliebter, aber leider sauberkeitsfanatischer Dottore Amore könnte auf die Idee kommen, ein sauberes Familienauto wäre tatsächlich möglich. Er hat so hart daran gearbeitet, unseren automobilen Ausnahmezustand zu akzeptieren.
In einem Anflug von Stockholm-Syndrom versuchte er zuletzt sogar, der Verwahrlosung etwas Positives abzugewinnen. "Ich weiß immer, was ihr gegessen habt!", erklärte er begeistert. "Und man erkennt am Fußmattenbelag sogar den Wechsel der Jahreszeiten: Von Mandarinenschalen über Erdbeergrün zu Eisstielen." Wahrscheinlich wären unsere Kinder mittlerweile fähig, das Auto halbwegs sauber zu halten. Aber mein Mann hat einen so langen Weg zurückgelegt, dass ich finde: Jetzt damit anzufangen, wäre grausam ihm gegenüber.
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