Polly Adlers „Chaos de luxe“: Der schönste Mann der Welt
Danke, Katastrophen-Management der Bahn
Ich wollte einmal alles so richtig vernünftig machen. Bahn statt Auto. Abgesehen von der Umweltschonung sehe ich nachts schon etwas schütter. Krimi-Lesung in Graz gehabt. Letzten Zug gerade noch erwischt, weil am nächsten Morgen gegen fünf einen nicht refundierbaren Flug nach Kos. Ich hänge also um 22 Uhr in meinem Abteil und freue mich auf ein Schüsselchen Schlaf. Es tut sich nichts.
Irgendwann erklärt ein Lautsprecher, dass die Lok noch nicht funktionstüchtig ist. Aber in ein paar Minuten ...Bleibe unaufgeregt. Nach einer Stunde wird verkündet, dass die Lok zwar jetzt losstampfen könne, aber sich irgendwo bei Bruck Menschen auf den Gleisen tummeln. Was für eine eigenartige Art von Zeitvertreib. Abfahrtszeit ungewiss. Hart nach Mitternacht kriecht Nervosität hoch. Wenn alles schief geht, kann ich mir den Flug pinseln. In meiner Verzweiflung finde ich einen Taxler, der sich bereit erklärt, zu dem Honorar, das ich für meinen Vortrag bekommen werde, nach Wien zu fahren. Er wird für mich zum schönsten Mann der Welt. Ich übe mich im Stress-Management.
Wichtige Erkenntnis: Ärgere dich nicht über Dinge, die außerhalb deiner Verantwortung segeln. Als ich um zwei Uhr morgens zu Hause eintrudle, ist der Fortpflanz noch wach. Wir reden bei Unfug-Snacks über das Leben. Haben wir schon lange nicht gemacht. Es hatten sich in unserer Zuneigung in den letzten Monaten ein paar Bruchstellen eingeschlichen. Ohne das katastrophale Katastrophen-Management der Bahn wären die Weichen für dieses dringend notwendige Beziehungsservice gar nicht gestellt gewesen. So gesehen: Danke, liebe ÖBB, danke Gleise-Freaks. PS: Ich habe den Flug rechtzeitig erwischt. Volles Glücksgefühl. Und Schlaf wird sowieso überschätzt.
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