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Warum der Weg zum Glück übers Loslassen führt

Je verbundener, desto glücklicher? Nicht unbedingt. Ein neues Buch erörtert, warum wir Beziehungen kritisch beleuchten sollten.

Es ist eine Zugfahrt, an die sich Ichiro Kishimi noch gut erinnert. Der japanische Philosoph saß im Schnellzug Shinkansen, als ihn ein junger Mann ansprach. Welches Buch er lese? Kishimi antwortete, es sei die Lektüre des Psychiaters Bin Kimura; ob er denn Interesse an psychologischen Themen hätte? Die Antwort des Mannes wog schwer: Er sei sehr depressiv; es wurde ihm nahegelegt, sich einweisen zu lassen. „Die Erwachsenen verlangen von mir, mich sozial anzupassen. Aber für mich ist das tödlich.“ Ob Kishimi einen Rat hätte?

Der Philosoph zögerte nicht: Der junge Mann solle ein eigenständiges Leben führen und sich nicht zu sehr an den anderen orientieren. Bevor Kishimi ausstieg, hinterließ er dem jungen Mann seine Lektüre.

Die vermeintliche Formel zum Glück zeigt derzeit meist in eine Richtung: Je vernetzter, je verbundener, desto besser. Personen, die viele Freunde haben, gelten schnell als Vorbild und Influencer mit tausenden Followern werden angehimmelt. Doch der japanische Philosoph und Autor Ichiro Kishimi stellt das massiv in Frage.

Mut zum Loslassen

„In unserer Zeit bedarf es der Entschlossenheit, ungute Beziehungen loszulassen“, schreibt er in seinem neuen Buch „Du darfst loslassen, was dir nicht guttut“ und führt damit eine These fort, die er in seinem internationalen Bestseller „Du musst nicht von allen gemocht werden“ angestoßen hatte: Ja, Verbindungen sind für Menschen unabdingbar. Aber nicht um jeden Preis. Denn allzu oft seien Beziehungen, auch vermeintlich harmonische, von tiefen Abhängigkeiten geprägt, die uns schaden.

Ishiro Koshimi

Ishiro Koshimi wurde mit seinem Buch "Du musst nicht von allen gemocht werden" berühmt.

©LiVE ONE Co.Ltd

Aber warum fällt es uns eigentlich so schwer, loszulassen, was uns nicht guttut?

Für Psychotherapeutin Ines Gstrein vom Österreichischen Bundesverband für Psychotherapie sind die Gründe mehrschichtig. „Zum einen verbinden wir Loslassen oft mit Scheitern.“ Wer etwa heiratet, tut dies ja meist mit dem Gedanken, ein Leben lang zusammenzubleiben. Sich dann einzugestehen, dass man das nicht schafft, kann als sehr unangenehm erlebt werden.

Und doch findet auch Ines Gstrein: „Es kann sehr reif sein, sich zu trennen. Das muss nicht heißen, dass die Beziehung in der Vergangenheit nicht gut war, aber nun ist man an eine Grenze gekommen, an der sich das Zusammenleben nicht mehr ausgeht.“

Für das Ich

Oft, ergänzt Gstrein, stellen sich Ängste dem Loslassen im Weg: „Etwa die Angst, verlassen zu werden, allein zu sein, dass man für niemanden Bedeutung hat.“

Doch diese gilt es zu überwinden, erklärt Kishimi – wenn man „sein Ich nicht verlieren“ möchte. Wer nämlich darauf vertraue – und hier bedient sich Kishimi der Lehren seines Vorbilds, dem österreichischen Psychiater Alfred Adler – dass es Menschen gibt, die einen unterstützen, werde sich nicht einsam fühlen. 

Buchcover Rowohlt

Das neue Buch von Ichiro Kishimi. 

©Buchcover Rowohlt

Keinesfalls sollte man aus Furcht oder Sorge Autoritäten unkritisch folgen. Gerade in Zeiten, in denen immer mehr Influencer als vermeintliche Autoritätspersonen auftreten und ihre Lehren auf Social-Media-Postings häppchenweise als Wahrheit servieren, sei es unabdingbar, Situationen selbstständig und vernünftig zu beleuchten.

Oft geht der Weg in die Freiheit, und damit ins Glück, über die Kindheit. Wer mit Tadel erzogen wurde, so Kishimi, neige etwa auch später zur Abhängigkeit.

Ein Beispiel: Ab einem gewissen Alter versteht ein Kind, das wenig Aufmerksamkeit erfährt, die Konsequenzen des eigenen Handelns: Wenn ich dies oder jenes tue, schimpfen die Eltern zwar, aber ich bekomme Aufmerksamkeit. Dasselbe gelte laut Kishimi am Arbeitsplatz: „Auch ein Angestellter weiß, dass er für ein bestimmtes Verhalten gerügt werden könnte. Warum handelt er dennoch wider besseres Wissen? Weil er dann wenigstens Beachtung findet.“

Eltern auf Distanz

Generell sei die Beziehung zwischen Kindern und Eltern meist zu eng. Schon der Philosoph Arimasa Mori habe erkannt: „Ich muss aufpassen, dass meine Tochter mich nicht zu sehr liebt. Sie muss ihren eigenen Weg finden.“

Kind bläst auf Pusteblume.

Kinder müssen sich ausprobieren dürfen, argumentiert Kishimi.

©Getty Images/iStockphoto/Ekaterina Budinovskaya/iStockphoto

Aus elterlicher Sicht würde das Kind, dem Erfahrung und Kenntnisse fehlen, „hilflos erscheinen – und tatsächlich werden ihm Fehler unterlaufen“. Doch Eltern müssten Kinder loslassen und ihr Aufwachsen still beobachten.

Das erfordert Mut und in gewisser Weise einen Spagat. Es gilt, eine Neugier für die andere Person zu entwickeln, ohne sie beherrschen oder sich ihr unterordnen zu wollen. Denn echte Beziehungen, schreibt Kishimi noch, entwickeln sich „zwischen eigenständigen Individuen, die gleichzeitig miteinander verbunden sind“. Dann sind sie getragen vom Wohlwollen der Gemeinschaft, doch frei von egoistischer Kontrolle oder Abhängigkeit.

Anna-Maria Bauer

Über Anna-Maria Bauer

Schreibt seit 2021 als freie Autorin aus London für den KURIER über Politik, Royals und Lifestyle. Zuvor acht Jahre in der Wien-Chronik.

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