Natur-Dokus

„Der Ruf der Wildnis“: Das Comeback der Natur-Dokus

Egal, ob im Kino oder im TV: Naturdokus boomen – sie ziehen uns hinaus in Wälder, über Meere, hinein ins Leben von Tieren und Pflanzen. Und das ist schön so.

Es beginnt oft ganz unspektakulär: ein paar Sekunden unter einem mächtigen Baum, ein Atemzug im Morgendunst, irgendwo raschelt es im Unterholz. Und plötzlich sitzt man da – und geht nicht mehr weg. Naturdokus haben sich leise zurück in unser Leben geschlichen. Oder besser: Sie haben uns wieder hinausgeführt.

Was früher nach Schulfernsehen roch, ist heute eines der sinnlichsten, schönsten, manchmal auch tröstlichsten Erlebnisse im Streaming-Zeitalter. Wobei man durchaus sagen muss: In ihrer Prime waren Otto Koenig („Wunder der Tierwelt“, „Rendezvous mit Tier und Mensch“) und Bernhard Grzimek („Ein Platz für Tiere“) in den 1970ern durchaus echte Straßenfeger. 

Aber: Wir reisen nicht mehr nur durch belehrende Serienwelten – wir streifen durch Wälder, stehen im Wind der Savanne und  tun das mit Begleitern, die selbst längst zu Stars geworden sind.

Allen voran David Attenborough. Seine Stimme ist kein Kommentar mehr, sie ist ein Versprechen: dass die Welt noch größer ist als unsere Bildschirme. In Reihen wie „Our Planet“ oder „Planet Earth III“ erzählt er nicht nur von Tieren, sondern von Zusammenhängen – und davon, dass alles miteinander verbunden ist, auch wir. Doch Attenborough ist längst nicht mehr allein im Wald.

Der Wald, dein Freund

Da ist etwa Frédéric Fougéa, der tatsächlich so wirkt, als würde er seit Jahren durch moosige Landschaften streifen. 

Seine Filme – etwa „Wilde Dynastien“ – sind weniger Reportage als leise Erzählungen. Tiere werden zu Familien, Landschaften zu Bühnen. Man schaut nicht zu, man verweilt.

Und dann gibt es Craig Foster, der in „My Octopus Teacher“ etwas geschafft hat, das fast unmöglich schien: Er hat die Naturdoku in eine Liebesgeschichte verwandelt. Ein Mann, ein Kraken, das Meer – und plötzlich ist da Nähe und Verletzlichkeit.

Kein Zufall, dass dieser Film einen Oscar gewann. Er trifft einen Nerv, der weit über das Genre hinausgeht. 

Eine jüngere, dynamischere Perspektive bringt Bertie Gregory ein. In „Epic Adventures with Bertie Gregory“ wirkt die Natur nicht wie ein fernes Wunder, sondern wie ein Abenteuer, das gerade passiert. Kameras sind näher dran, Bilder schneller, die Welt unmittelbarer. Es ist die gleiche Natur – aber erzählt für eine neue Generation. 

Und irgendwo dazwischen bewegt sich Gordon Buchanan, ein stillerer Beobachter, der sich Tieren nähert, ohne sie zu dramatisieren. Seine Filme sind weniger spektakulär, aber oft umso berührender – weil sie Raum lassen.

Zurück zur Natur!

Vielleicht ist genau das der Grund, warum wir gerade jetzt wieder so empfänglich dafür sind. Naturdokus geben uns etwas, das im Rest der Medienwelt selten geworden ist: Zeit. Keine Schnitte, die uns treiben. Keine Figuren, die etwas „leisten“ müssen.

Stattdessen Bewegungen, die einfach passieren. Ein Tier, das wartet. Ein Wind, der dreht. Ein Leben, das sich entfaltet, ohne uns zu brauchen.

Und gleichzeitig erzählen diese Filme längst nicht mehr nur von Schönheit. In Serien wie „Our Universe“ oder „Life on Our Planet“ wird die Natur zur großen Erzählung – von Entstehung, Wandel, Bedrohung. 

Ob ein Serienende letztendlich tatsächlich funktioniert, ist eine höchst individuelle Angelegenheit aufseiten der Fans und Zuschauer. Oft erkennt man ein „gutes“ Ende – nicht zu verwechseln mit einem „Happy End“ – nicht so sehr daran, was passiert, sondern wie es sich anfühlt. 

Ein Ende muss nie alles erklären, es muss nicht einmal alle Fragen beantworten. Es muss sich verdient anfühlen – und unsere „Freunde“ sollten dort ankommen, wo sie schon immer hinmussten. 

Das Staunen bleibt, aber es bekommt eine zweite Ebene: die Ahnung, dass all das nicht selbstverständlich ist.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Faszination: Naturdokus sind Eskapismus – aber kein naiver. Sie zeigen uns eine Welt, in die wir fliehen können, und gleichzeitig eine, für die wir Verantwortung tragen. Und manchmal reicht schon ein einziger Moment. Ein Blick unter Wasser. Ein leises Rascheln im Wald. Oder ein Kraken, der langsam eine Hand berührt.

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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