Nina Siewert
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Schauspiel-Star Nina Siewert: „Frau sein bedeutet Gottheit sein.“

Ob in Virginia Woolfs zeitlosem Orlando oder im NS-Drama Isidor: Nina Siewert gehört zur jungen, vielseitigen Burgtheater-Generation, die Theater wieder so richtig spannend macht.

Mehr als zwei Jahre begeisterte Nina Siewert Krimifans als Kommissarin Nele Becker in „SOKO Stuttgart“. Einer großen TV-Polizeikarriere stand nichts im Weg – doch dann ging die Stuttgarterin doch lieber zurück ans Theater. Und: kam nach Wien. Hier beeindruckt sie mit immenser Rollenvielfalt. Diese Saison war sie unter anderem in „Isidor“ zu sehen, einem Stück über den Wiener Millionär Isidor Geller, der den Nazis zum Opfer fiel. Und als „Orlando“ nach Virginia Woolfs Kultroman.  

Burgtheater, Nina Siewert

Nina Siewert in "Isidor"

©Tommy Hetzel / BURG

„Orlando“ – Genderwechsel, fluide Identität, Rollenzwänge: Das klingt so aktuell, dabei wurde das Buch vor fast hundert Jahren geschrieben. Wie erklären Sie sich diese Modernität? 

 Ich glaube, das gab es schon immer und das wird es immer geben. Virginia Woolf war da vielleicht gar nicht „supermodern“, sondern hat einfach etwas beschrieben, das sie beobachtet hat. Es ist jedenfalls ein Stoff, in den ich total reingefallen bin, weil ich gar nicht an diese klare Trennung von Geschlechtern glaube. 

„Orlando“ ist also mehr ein Freiheitsroman als ein Genderroman?

Ja, das könnte man so sehen. Ein Kampf gegen Restriktionen und Zwänge. Denen wir alle in irgendeiner Form ausgesetzt sind. Noch wichtiger ist der Blick nach innen: Wie viele Ichs bin ich? Welche Möglichkeiten stecken in mir, welche Persönlichkeiten. Ein wenig wie bei Hesses Steppenwolf.

Im Stück erlebt Orlando den Unterschied ganz unmittelbar: Zuerst lebt er als Mann mit allen Freiheiten – und plötzlich als Frau mit all den gesellschaftlichen Zwängen. Wie bringt man das auf die Bühne?

Das ist etwas, womit ich auch selbst als junge Frau konfrontiert bin. Dass ich oft nicht verstehe, warum ich gewisse Dinge nicht darf oder warum bestimmte Regeln gelten. Eigentlich beschäftigt mich das Thema Gerechtigkeit schon seit dem Kindergarten. Ich weiß noch, da hat ein Bub sich alle vier Springpferde geschnappt – und ich habe mich hingestellt und gesagt: „Nein, du musst uns Mädchen auch eines geben. Nur weil du schneller bist, kann’s nicht sein, dass du alle bekommst und wir keins.“  Diesen Kampf führen Frauen seit ihrer Geburt. Und das spürt man auch bei Orlando. Und plötzlich heißt es: „Wie, ich darf das jetzt nicht mehr? Was meinst du damit?“ So geht es mir eigentlich mein ganzes Leben lang. Ich verstehe oft nicht, warum ich gewisse Dinge nicht darf oder warum man sich auf eine bestimmte Art verhalten soll. Oder warum man lächeln soll.

Und dann muss Orlando sich  auch noch gegen aufdringliche Männer wehren – obwohl die Figur vorher selbst sehr erfolgreich im Umgang mit Frauen war.

Ja – und es heißt plötzlich: so aussehen, Kinder kriegen, sich so verhalten, wie's von einer Frau erwartet wird. All diese Dinge.

Sieht Orlando denn auch positive Seiten am Frausein?

Frau sein bedeutet Gottheit sein. Trotz allen Schmerzen und Unterdrückung. Es ist wunderschön, eine Frau zu sein. Orlando hätte sehr viel verpasst, wenn er das nicht erleben dürfte. Männer verpassen sehr viel, weil sie keine Frau sind.

Orlando ist ein sehr poetischer, offener Theaterabend, bei dem mehrere Schauspielerinnen und Schauspieler dieselbe Figur spielen. Isidor dagegen erzählt viel klassischer und narrativer. Was liegt Ihnen mehr?

Ich bin eigentlich offen für alles, weil ich Herausforderungen liebe. Orlando gemeinsam zu acht zu erforschen, war eine Herausforderung. Und bei Isidor plötzlich als Nicht-Sängerin Oper singen zu müssen und Ungarisch zu lernen – das sind Dinge, die ich spannend finde.

Bei Isidor stellt sich ja die Frage: Wie lange klammert man sich an eine vermeintliche Normalität, obwohl man eigentlich längst merkt, dass sie nicht mehr halten wird? Ist das das  Drama von Isidor Geller, dass er zu lange wartet und denkt: „So schlimm wird es schon nicht werden“?
Ich glaube, das eigentliche Drama ist oft das Leben selbst. Die Pannen und Patzer, die Höhen und Tiefen. Für mich war an diesem Stück wichtig, dass wir nicht nur diese große schwarze NS-Zeit zeigen, sondern auch die Frage: Worum geht es eigentlich im Leben? Woran erinnert man sich? Welche Entscheidungen trifft man – und welche Konsequenzen haben sie? Wenn man den Roman von Shelly Kupferberg liest, merkt man auch, wie sehr es um das Leben selbst geht: Wie verliebt man sich? Wie geht man mit Liebe um? Funktioniert eine Beziehung oder nicht? Was sagt die Gesellschaft dazu? All diese Dinge, die Menschen passieren und die man nie wirklich vorausplanen kann.

Ich frage mich nur: Was hätte Isidor überhaupt tun können? 

Gehen. Er hätte gehen müssen. Eigentlich hatte er keine andere Wahl.

Sie spielen in dieser wahren Geschichte Ilona, seine ungarische Freundin. Eine Sängerin, die später in Hollywood Karriere machte. Warum ist sie rechtzeitig gegangen?

Sie hatte nichts zu verlieren. Während Isidor ja aus ärmsten Verhältnissen kam und sich in Wien ein glänzendes Leben aufgebaut hat. Dieses Leben wollte er nicht aufgeben. 

Wie ist das eigentlich als Schauspielerin heute? Ist Hollywood ein Thema, das man im Hinterkopf hat?

Ich kann natürlich nicht für alle sprechen, aber ich glaube, wir leben gerade in einer Zeit, in der vieles hinterfragt wird. Man sieht zwar das Positive – aber auch, was Dinge kosten. Was kostet Erfolg? Was hat es Ilona gekostet,  nie wirklich ein Zuhause zu haben?  Für den Ruhm auf der Leinwand. Hollywood hatte schon damals seinen Preis – gerade für Frauen.  Karrieren kosten Frauen auch noch heute oft sehr viel. Ich glaube, wir leben in einer sehr psychologischen Zeit, in der man solche Dinge stärker hinterfragt.

Mit Kosten meinen Sie den Verzicht auf andere Dinge?

Ja. Ilona hat zum Beispiel auf Kinder verzichtet. Sie hatte vier Ehen, alle wurden geschieden. Karriere kostet immer was, natürlich auch Männern.  Aber Frauen kostet sie – meistens – mehr.

Sie selbst haben sehr früh mit Film und Fernsehen begonnen, waren mit zehn schon ein Kinderstar und wurden später als Nele Becker in der „SOKO Stuttgart“  ein echter Publikumsliebling. Warum sind Sie wieder zum Theater zurück? 

Tatsächlich war es mein Körper, der meinem Verstand oft einen Schritt voraus war und irgendwann rebelliert hat. Nach den Drehs bin ich manchmal einfach ins Theater gegangen. Es war zu Corona-Zeiten. Das Theater  war geschlossen, der eiserne Vorhang unten, niemand da. Ich stand dann auf der Hinterbühne und habe trotzdem diese Magie gespürt. Diesen Magnetismus, den Theater für mich hat – selbst wenn niemand im Raum ist.

Zum Abschluss müssen wir  einen schwarzen Punkt in Ihrer Vita besprechen: Sie waren am Reinhardt Seminar angenommen – sind aber  nicht nach Wien, sondern an die Schauspielschule Leipzig?!

(lacht) Und da wollen Sie jetzt die ehrliche Antwort hören? 

Ja.

Die Antwort ist eigentlich immer: Liebe. Aber: Zuerst habe ich Nein zu Wien gesagt – dann hat Wien Nein zu mir gesagt, als ich am Volkstheater vorgesprochen habe. Und später haben wir uns doch gefunden, dank Martin Kušej. Und ich fand eine Freundin fürs Leben. Nichts wichtiger als das.

Dann hoffen wir, dass diese Liebe, also zu Wien, von Dauer ist.

Ja, weil wir uns beide füreinander entschieden haben. Was wäre das für eine Liebe, die nicht ein paar Hürden überwinden muss?

Nina Siewert wurde am 6. Mai 1994 in Stuttgart geboren. Nach dem Schauspielstudium in Leipzig wurde sie Ensemble-Mitglied am Staatstheater Stuttgart. Über zwei Jahre lang war sie als Kommissarin Nele Becker  in SOKO Stuttgart zu sehen. Seit 2022 ist sie am Burgtheater, spielte u. a. in Schnitzlers „Das weite Land“ und Shakespeares „Wie es euch gefällt“. 

Andreas Bovelino

Über Andreas Bovelino

Redakteur bei KURIER freizeit. Ex-Musiker, spielte in der Steinzeit des Radios das erste Unplugged-Set im FM4-Studio. Der Szene noch immer sehr verbunden. Versucht musikalisches Schubladendenken zu vermeiden, ist an Klassik ebenso interessiert wie an Dance, Hip-Hop, Rock oder Pop. Sonst: Texte aller Art, von philosophischen Farbbetrachtungen bis zu Sozialreportagen aus dem Vorstadt-Beisl. Hat nun, ach! Philosophie, Juristerei und Theaterwissenschaft und leider auch Anglistik durchaus studiert. Dazu noch Vorgeschichte und Hethitologie, ist also auch immer auf der Suche einer archäologischen Sensation. Unter anderem.

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