Drei Akkorde für ein Halleluja: Punk wird 50!
Kaputte Shirts und null Geduld: 1976 explodiert Punk gleichzeitig in New York und London – als Sound, als Haltung, als Stil.
Es war nicht einfach ein Jahr, dieses Jahr 1976. Es war ein Sound, ein Rausch – eine derart radikale Neudefinition, dass sie bis heute nachwirkt.
Während sogenannte Supergroups sich selbst beweihräucherten, ehemalige Hardrock-Idole mit Sinfonie-Orchester spielten und die Psychedelic-Helden von Pink Floyd in minutiösen Arrangements an Konzeptalben tüftelten, stand eine neue Generation von selbsternannten Musikern in Garagen und Kellern, die nach Schimmel, kaltem Rauch und warmem Bier rochen, und hämmerte sich ihren Frust in knapp dreiminütigen Songs von der Seele. Hatten die Burschen und Mädels ein konkretes Ziel?
Vielleicht, wahrscheinlich aber eher nicht. Denn genau das machte die Faszination ihrer Musik aus: Sie war für den Moment. Zur Hölle mit morgen, also – und, wie man auf gut Wienerisch sagen würde: „Gib eam volle Wäsch’!“
Während sich viele der späteren Ikonen noch in Stellung brachten, hatten andere längst geliefert. Im Frühherbst 1976 erschien mit „New Rose“ von The Damned die erste britische Punk-Single. Kein großes Manifest, kein kalkulierter Skandal – sondern einfach ein Song, der klang, als müsste er dringend existieren. Schnell, roh, ungeduldig. Punk als Handlung. Drei der vier Gründungsmitglieder von The Damned spielten übrigens bis kurz davor mit einer auch heute nicht ganz unbekannten Dame in einer Band ...
Beinahe wäre Chrissie Hynde bei den allerersten Punks gelandet: The Damned. Wenn die sie nicht aus der Vorgänger-Band "Masters of the Backside" hinauskomplimentiert hätten ...
©Redferns/Paul Bergen/Getty imagesChrissie Hynde, die später mit den Pretenders zum Weltstar werden sollte. Eine Neugründung, die nur ein altes Bandmitglied ausschließt, klingt ein bisschen nach Rauswurf? Könnte sein – Chrissie Hynde selbst nahm’s später achselzuckend: „Ohne mich waren die Jungs die musikalisch beste Band der gesamten Szene“, sagte sie zu dem leidigen Thema.
Wo waren die Sex Pistols?
Und die Band, die man gemeinhin beinahe reflexartig mit Punk gleichsetzt?
Die Sex Pistols waren natürlich auch schon unterwegs, hatten auch bereits für einiges Aufsehen gesorgt – aber ihre ersten Veröffentlichungen mussten noch bis 1977 warten. Vielleicht waren sie ja zu sehr mit Modeangelegenheiten in Viviane Westwoods und Malcolm McLarens Londoner Boutique „SEX“ beschäftigt.
Dass McLarens strategisches Inszenierungskonzept durchaus Erfolg hatte, bewies der unaufhaltsame Aufstieg der Pistols dann im Jahr 1977. Auch wenn der Spaß nicht allzu lang andauerte ...
Ausgebremst wurden ohnehin alle drei britischen Punk-Ikonen, also The Damned, The Sex Pistols und Clash, von einer Band aus Queens, vier merkwürdigen jungen Männern mit merkwürdigen Frisuren. Genau, Stephen Kings Lieblingsband, die Ramones.
Am 23. April brachten Joey, Dee Dee, Johnny und Tommy Ramone (wie sie sich nannten) ihr selbstbetiteltes Debüt-Album heraus. Eine Scheibe wie eine Gnackwatsche:14 Songs, insgesamt nicht einmal eine halbe Stunde lang, die auf alles verzichteten, was Rock bis dahin wichtig gewesen war: Soli, Virtuosität, Pathos. Stattdessen: Tempo, Reduktion, Wiederholung.
Zeitzeugen behaupten, dass spätestens im Mai sämtliche britische Punk-Bands das Tempo ihrer eigenen Songs ordentlich anzogen. Tony James, Bassist von Billy Idols Generation X (ja, auch der war mal ein Punk) sagte dazu sogar: „Über Nacht haben sämtliche britische Bands ihr Tempo verdreifacht.“ 1-2-3-4!, im Stakkato eingezählt, und dann ab die Post!
Und auch wenn Ober-Sex-Pistol Johnny Rotten/Lydon später gerne erklärte, dass die Ramones keinen Einfluss auf die britische Punkszene gehabt hätten, weil sie „lange Haare“ gehabt haben, und die „Beatles mochten“, war er doch einer von 5.000 Fans, viele davon junge Musiker, die am 5. Juli im Londoner Dingwalls den flotten Amerikanern zuhörten. Und großteils begeistert waren.
Die Legende will es, dass Joe Strummer und seine Clash sogar schon beim Konzert einen Tag zuvor im Roundhouse waren. Vor dem Gig, weil sie an dem Tag selbst einen Auftritt hatten. Und nervös waren. Backstage sagte ihnen Johnny Ramone: „Wir sind schlecht, wir können nicht spielen, aber scheiß drauf, wir spielen einfach.“ Und: „Hört auf zu proben – spielt Gigs!“ Da dürfte schon ein bisschen was hängen geblieben sein ...
Zu der Zeit spielten die Ramones zu Hause in den USA übrigens nicht vor 5.000, sondern vor etwa 150 Zuschauern pro Auftritt.
Und das sollte sich auch nach ihrem London-Ausflug für einige Zeit nicht ändern.
Punk und Nachhaltigkeit?
Und weil wir vorhin die Kurzlebigkeit der Sex Pistols angesprochen haben: Natürlich, Punk war kein gemütliches Kaminfeuer, das möglichst lange vor sich hinglost – Punk war eine Explosion, eine Stichflamme. Aber die Nachwirkungen dieser Stichflamme, auch wenn sie selbst schnell erloschen ist, sind bis heute spürbar.
Zerrissene Shirts, Latex, Leder, Sicherheitsnadeln – was aussah wie Provokation um der Provokation willen, war in Wahrheit eine visuelle Übersetzung derselben Idee, die auch die Musik antrieb: Reduktion, Bruch, Verweigerung. Wenn drei Akkorde reichten, warum dann nicht auch ein kaputtes T-Shirt?
Von der legendären SEX-Boutique Vivienne Westwoods aus eroberten Punk-Styles nach und nach das Straßenbild. Zuerst in London, später weltweit.
Mittlerweile hat sich diese visuelle Sprache so tief in unsere alltägliche Gegenwart eingeschrieben, dass wir sie gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Von High Fashion bis Streetwear, von Laufstegen bis TikTok: Die Idee, dass Stil nicht perfekt, sondern bewusst gebrochen sein darf, ist heute selbstverständlich.
Was wurde eigentlich aus ...?
Die Protagonisten sind keinesfalls alle so spektakulär verglüht wie Sid Vicious, der ja eigentlich nur ein Marketing-Gag des umtriebigen Malcolm McLaren war – und vielleicht gerade deshalb mit seiner Rolle nicht zurechtkam.
Pistols Frontman Johnny Rotten – den Namen bekam er wegen seiner Zähne von Malcolm McLaren – nannte sich wieder Lydon und gründete mit Bassist Jah Wobble die stilprägende Band Public Image Ltd.
Steve Jones nahm zwar nur mäßig erfolgreiche Solo-Alben auf, wurde aber ein begehrter Session-Gitarrist, der bei Joan Jett, Iggy Pop, Adam Ant, Thin Lizzy, Cheap Trick, Johnny Thunders und sogar Bob Dylan die Gitarre würgte. Oft Seite an Seite mit Pistols-Drummer Paul Cook, mit dem er gemeinsam auch die legendäre Girl-Group Bananarama entdeckte.
Und The Damned, die 1976 mit ihrer Single den offiziellen Startschuss für die Revolution gaben, können nicht nur auf die geschasste Chrissie Hynde verweisen, sondern mit Captain Sensible auch auf einen Ö3-Chartstürmer. Was? Ja genau, „Wot“!
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