Chris Pratt im Film "The Electric State"

Wie wir und der Netflix-Algorithmus Serien immer dümmer machen

Netflix & Co checken die Nutzerdaten und legen die Inhalte darauf aus. Das Ergebnis: mau.

Ein typischer Fernsehabend am Sofa. Die Liebste ist nahe, die Chips ebenso – und das Handy leider auch. Weil wir nicht im Kino mit anderen Zuschauern vor der großen Leinwand sitzen, switchen wir permanent zwischen Smartphone und TV-Gerät. Scrollen durch Instagram & Co und tun alles – außer aufmerksam der Handlung zu folgen.

Wer denkt, das bemerke eh keiner, der irrt. Streamingportale wie Netflix studieren das Nutzungsverhalten ihres Publikums ganz genau, checken Zuseherdaten und welche Storys nach welchen Mustern den größten Erfolg versprechen. Das bekamen auch Matt Damon und Ben Affleck zu spüren. Für Netflix drehten sie den (übrigens sehenswerten) Actionthriller „The Rip“. Von den Redakteuren des Streamers gab es dazu detaillierte Anweisungen, berichtete Damon von der Zusammenarbeit im Podcast „The Joe Rogan Experience“

So wurde für die ersten fünf Filmminuten eine spektakuläre Actionsequenz verlangt. Die Strategie dahinter: Für langsamen Spannungsaufbau hat heute niemand mehr Geduld – daher muss der User gleich anfangs einem großen Reiz ausgesetzt werden, damit er den Film weiterschaut. Denn wer sich schnell langweilt, der klickt weg. Eine weitere Forderung: „Um die Zuschauer bei der Stange zu halten, soll man die Handlung drei- oder viermal im Dialog wiederholen“, kritisierte Damon – „weil die Leute während des Films auf ihre Handys schauen.“

Zu Tode optimiert

Der „Guardian“ analysierte diese Praxis, nahm sich das vergangene Jahr zur Brust und erinnerte genüsslich an den Netflix-Streifen „The Electric State“. Der ist mit einem Budget von 320 Millionen Dollar der teuerste Netflix-Film aller Zeiten und floppte dennoch gnadenlos. Die Roboter haben darin den Krieg gegen die Menschen verloren, nun suchen Chris Pratt und „Stranger Things“-Star Millie Brown ihren totgeglaubten Bruder. Das Sci-Fi-Werk wird als typischer „Algorithmusfilm“ gewertet. Was das ist? Ein unkompliziert erzählter Film, einfach zu folgen, dramaturgisch geglättet, aber optisch wohlwollend (und zugleich von prägnanter Bildsprache). Das Musterbeispiel eines datengestützten Streifens, inszeniert von den Marvel-erprobten Russo-Brüdern, der aber trotz aller wichtigen Zutaten mittelmäßig bleibt.

Netflix-Chef Ted Sarandos behauptet „70 Prozent Intuition und 30 Prozent Daten“ seien entscheidend dafür, was produziert wird. Faktisch dürfte es anders sein. Jeder Film bzw. jede Serie wird „getaggt“, das heißt anhand eines Katalogs auf 200 unterschiedliche Story-Datenpunkte abgeklopft, vom Romantik-Grad über das Maß an Gewalt bis zur Moral der Charaktere. Danach werden die Inhalte algorithmisch in thematische Kategorien eingeordnet – bei Netflix in unglaubliche 77.000 alternative Genres. Das NRS (Network Recommendation System) analysiert dann das Sehverhalten, wie Inhalte bewertet werden, was anderen Zuschauern mit ähnlichem Geschmack gefällt, zu welcher Tageszeit man schaut und auf welchem Gerät, was man wiederholt ansieht oder wo man sich das Ende erspart hat.

Schlecht fürs Kino

Dieses Daten-Netz ergibt als Konsequenz für die breite Masse maßgeschneiderte Filme, vorhersehbar und leicht zu konsumieren. Bewegtbild-Junkfood nach einem langen Arbeitstag, das am Smartphone ebenso funktionieren muss wie am Flat-TV. Für Filmemacher mit einer Vision sind das schlechte Nachrichten. Riskantere Projekte werden dadurch weniger finanziert, lieber wird in große Produktionen mit mehr Budget und prominenter Besetzung investiert. In vorauseilendem Gehorsam passen Autoren sich bereits im Schreibprozess an die Plot-Codes an, und die Komplexität der Geschichten nimmt ab. Uns Zuschauern mag das nicht immer gefallen. Dem Algorithmus aber schon.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schrieb für 110%, das Sport- und Lifestyle-Magazin von Die Presse. Seit 2020 Redakteur der KURIER Freizeit mit Reportagen, Kolumnen, Texten zu Kultur, Gesellschaft, Stil, Reise und mehr. Hunderte Interviews, von Beyoncé und Quentin Tarantino über Woody Allen und Hugh Grant bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio sowie in der deutschsprachigen Kulturszene. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Liebt Kino, Literatur und Haselnusseis.

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