Autor Leif Randt: „Und am siebten Tag mache ich Party“
Sein Roman Allegro Pastell war eine vielbeachtete Liebesgeschichte, Partys und Drogen inklusive. Nun kommt er ins Kino. Leif Randt über den perfekten Tag, Disziplin und Hedonismus.
Sie ist eine erfolgreiche Jungautorin aus Berlin, er Webdesigner in Hessen. Beide sind in ihren Dreißigern, lieben sich – und finden trotzdem nicht recht zusammen. Sie tanzen zu Techno, nehmen Ecstasy, trinken Crémant, streuen englische Begriffe in ihre Sätze und schreiben zwischen den Treffen lange Mails. Leif Randts Roman Allegro Pastell, der vor sechs Jahren erschien und kurz vor der Corona-Pandemie spielt, wurde vielfach als Millennial-Generationsporträt gelesen. Das Feuilleton bezeichnet den Autor wegen seiner treffenden Beobachtungen als „gegenwärtigsten Gegenwartsautor“.
Regisseurin Anna Roller hat den Roman nun verfilmt, Randt schrieb das Drehbuch dazu. Der Film kommt am 3. Juli in Österreichs Kinos. Zuvor gab Leif Randt der KURIER freizeit ein Interview. Es fand – wie passend zu Allegro Pastell – per Mail statt.
Allegro Pastell spielt im Jahr 2018, in einer Zeit vor Pandemie, Krieg und Inflation, dafür mit viel Party. Wie nostalgisch waren Sie beim Schreiben des Drehbuchs zum Film Allegro Pastell?
Leif Randt: Die Arbeit am Drehbuch begann in den befremdlich verlangsamten Zeiten der Pandemie und war anfangs noch von der Hoffnung geprägt, dass es nach der Gesundheitskrise vielleicht ein Gefühl von Aufbruch und Neuzeit geben könnte. Dann griff Putin die Ukraine an, es folgte der 7. Oktober, und Trump wurde erneut gewählt. Zwar sind Clubbesuche in Berlin wieder möglich, aber dystopisch blieben die Zwanzigerjahre. Allegro Pastell erzählt dezidiert aus einer Zeit davor. Nostalgie im Sinne von „früher einmal war alles besser“ habe ich dennoch nie empfunden. Auch 2018 ging die Welt schon unter.
Ist Eskapismus heute noch zeitgemäß?
Eskapismus ist immer zeitgemäß und immer notwendig. Tanja und Jerome leben einen eskapistischen Lifestyle, doch Allegro Pastell ist deshalb kein eskapistischer Film. Er bildet das Lebensgefühl halbwegs verwöhnter Leute vor den plakativen Krisen in schönen Farben ab, aber er tut das zugleich so realistisch, dass diese Konfrontation für viele alles andere als angenehm ist.
Viele Millennials hatten beim Lesen das Gefühl, sich oder ihre Freunde in Allegro Pastell wiederzuerkennen. Würden Sie sich heute noch einmal an einen ähnlich präzisen Generationenroman wagen – diesmal über die jüngere GenZ?
Allegro Pastell war gar nicht als Generationenroman angelegt, sondern als die Lovestory eines Paares, das ich kennen könnte. Momentan schreibe ich sowohl über Leute, die deutlich älter sind als ich, als auch über jüngere. Ich denke, ich werde auch in Zukunft keine Generationenromane schreiben.
Die Erfindung einer schöneren Konsumwelt ist wahrscheinlich mein wichtigstes Hobby und ein zentrales Element in meinem Schreiben von Anfang an.
In Ihren Texten legt ein DJ mit dem Pseudonym Amazon Prime auf, es gibt vertraut klingende Modemarken, Produktnamen, die gar nicht existieren: Sie haben ein großes Talent dafür, Dinge zu erfinden, die sofort plausibel wirken. Wie entstehen solche Namen?
Ich muss nach diesen fiktiven Labels nicht lange suchen. Die Erfindung einer schöneren Konsumwelt ist wahrscheinlich mein wichtigstes Hobby und ein zentrales Element in meinem Schreiben von Anfang an. Neben dem Wunsch, einzelne Momente festzuhalten und sie besser zu verstehen.
Allegro Pastell wirkt stellenweise wie ein Roman der permanenten Gegenwart. In Ihrem zuletzt erschienenen Buch Let’s Talk About Feelings geht es stärker um Lebenswege, Entscheidungen und auch verpasste Möglichkeiten. War Let’s Talk About Feelings ein bewusster Gegenentwurf dazu?
Die beiden Romane unterscheiden sich in meiner Wahrnehmung auch sehr stark. Allegro Pastell schrieb ich aus einer Halbdistanz zu der Zeit und Szene, die das Buch abbildet. Der thematische Fokus lag auf einer unbeholfenen Paarbeziehung. Let’s Talk About Feelings ist ein soft-melancholischer Unterhaltungsroman, getragen von einer großen Zuneigung zu seinem Figurenensemble.
Ist die Abwesenheit expliziter Politik in Ihren Romanen bereits eine politische Aussage?
Tanja und Jerome sind in einer nahezu post-politischen Zeit groß geworden. Als sie Kinder waren, endete der Kalte Krieg. Von da an wirkte ihre ganze Welt liberal und demokratisch. Geschichten von Sozialismus und Diktaturen waren Geschichten von früher oder von ganz weit weg. Allegro Pastell spielt 2018/19. Die beiden haben ihre Dreißiger erreicht. Als Erwachsene kannten sie nur Angela Merkel als Kanzlerin, die vermittelt hat, dass die Weltwirtschaftsordnung ebenso wie schleichende Veränderungen im Zeitgeist mit Naturgesetzen gleichzusetzen sind.
Die beiden hatten zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens das Gefühl, dass politische Teilhabe bedeutsam sein könnte
Wie stand man zu Merkel?
Jerome und Tanja ging es meistens total okay, für sie hat das System funktioniert, ohne dass sie sich jemals als sein Fan begriffen hätten. Die beiden hatten zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens das Gefühl, dass politische Teilhabe bedeutsam sein könnte. Weil auch die Politik den Eindruck vermittelte, dass sie gar nicht so viel Einfluss auf den Lauf der Dinge hat.
Sie schreiben über Menschen – und höchstwahrscheinlich auch für Menschen – zwischen Anfang 30 und Mitte 40, die in Großstädten leben. Sind Ihre Bücher nur für diese Zielgruppe gedacht oder können auch Personen „vom Dorf“ etwas damit anfangen?
Auf meinen Lesereisen in den letzten Jahren kam ich in vielen Kleinstädten vorbei und traf auch dort auf zugewandtes Publikum. Ich bin ja selbst in einer Kleinstadt aufgewachsen, östlich von Frankfurt, und dort verbringe ich auch weiterhin viel Zeit. Dorfwelten sind mir nicht fremd. Wahrscheinlich sollten sie in meinen Texten auch eine größere Rolle spielen in Zukunft.
Dafür, dass die Party vorbei ist, erlebte ich in den letzten Wochen jedenfalls erstaunlich viele musikalisch extrem gute Events, mit Tausenden Gästen aus sehr vielen Teilen der Welt.
Das deutsche Feuilleton hat gerade wieder einmal Probleme, sich für Berlin zu begeistern. Die große Party sei endgültig vorbei. Hand aufs Herz: Ist Berlin durch?
Abgesänge gehen melancholischen Feuilletonisten vielleicht leichter von der Hand als saubere Recherchen. Dafür, dass die Party vorbei ist, erlebte ich in den letzten Wochen jedenfalls erstaunlich viele musikalisch extrem gute Events, mit Tausenden Gästen aus sehr vielen Teilen der Welt. Ich finde die Stadt gerade interessanter als die gesamten Zehnerjahre hindurch. Damals war sie international ungebrochen beliebt. Heute gilt sie sehr viel weniger als cool und muss sich von innen neu behaupten, was spannend zu beobachten ist.
Ihre Bücher handeln oft von Menschen, die ihren Alltag sehr bewusst gestalten. Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus?
Früher habe ich gedacht, dass ein optimaler Tag Schreiben, Sport und Party kombinieren muss, aber heute finde ich, das artet leicht in Stress aus. Irgendwas kommt immer zu kurz. Besser ist es, einen Fokus zu setzen, und nicht zu viel von einem einzelnen Tag zu verlangen. Schreib- und Sporttage sind wohl die Grundlage für alles. Ausflugs- und Reisetage habe ich zu viele, aber diese strukturieren meine Jahre und das Gedächtnis. Friends- und Partytage bringen den unmittelbaren Genuss. Und eine perfekte Woche verbindet all diese Tage zu einem Ensemble von sieben.
Liebe auf der Leinwand: Tanja Arnheim (Sylvaine Faligant) und Jerome Daimler (Jannis Niewöhner) aus „Allegro Pastell“ – nun auch als Film.
In Ihren Büchern wird viel gefeiert, gerne auch mit Partydrogen. Gleichzeitig wirken Ihre Figuren oft erstaunlich reflektiert und kontrolliert. Warum fasziniert Sie diese Mischung aus Hedonismus und Selbstbeherrschung?
Ich denke, dass die Suche nach Ausgewogenheit mein Lebensthema ist. Wie lässt sich ein Art-Life nach David Lynch mit einem Party-Life verbinden? Wie kann man genussfähig bleiben, ohne zu verblöden? Meine Bücher waren immer auch Anleitungen zum Klarkommen im Neoliberalismus. Mit dem Begriff „Post Pragmatic Joy“ habe ich einen Zustand beschrieben, in dem Kritik und Affirmation Hand in Hand gehen sollen. Nun, da wir so absurde Auswüchse wie die AfD oder Donald Trump erleben, ist der Begriff schlecht gealtert.
Warum das?
„Post Pragmatic Joy“ ist zu passiv und gleichmütig. Sicher ist es gut, über den Situationen nicht völlig zu verzweifeln, trotz allem eine gute Zeit haben zu können, aber es braucht eine aktivere und kommunikativere Agenda. Und in diese neue Agenda schreibe ich mich gerade hinein, mit älteren und jüngeren Figuren, in Dörfern und Städten, in Gegenwart und naher Zukunft, an vier bis sechs Tagen in der Woche. Und am siebten mache ich Party.
Kommentare