Schauspieler Val Kilmer

Toter Val Kilmer im Kino: Zerstört die KI Hollywood?

Die Künstliche Intelligenz verändert, wie Filme produziert werden. Und lässt inzwischen sogar Tote wiederauferstehen.

Die Revolution fällt ruinös aus. „Beängstigend“, urteilte die Nachrichtenagentur Reuters, „eine makabre Entwicklung“, analysierte die britische GQ, und das Fachmagazin Collider räsonierte: „Die schlechteste Art, eine Hollywood-Legende zu ehren.“ Was war passiert? Im neuen Film „As Deep as the Grave“ über die erste Archäologin Nordamerikas spielt Val Kilmer als ein katholischer Pater eine wichtige Rolle. Der Punkt ist: Er spielt nicht wirklich mit und hat auch keine einzige Szene dafür gedreht – denn der Hollywoodstar ist an Krebs gestorben und seit einem Jahr tot. Wegen seiner Erkrankung konnte Kilmer auch nicht drehen. KI war die Lösung – damit ist er der erste Filmstar, der fürs Kino mit Künstlicher Intelligenz wieder zum Leben erweckt wurde. Halleluja?

Die KI verändert derzeit einige Berufswelten – die des Filmgeschäfts ist eine davon. Ob sie Segen oder Fluch ist, darüber tobt eine heftige Debatte. Werden wir im Kino aufgrund der technischen Möglichkeiten bald Cary Grant oder John Wayne bei neuen Abenteuern erleben? Wird Grace Kelly, von KI befeuert, auf der Leinwand wieder ihren magischen Charme entfalten? Sind Schauspieler generell noch vonnöten, wenn man ohnehin alles am Computer herstellen kann?

Schauspieler in Sorge

Manche reagieren auf die Lage mit Humor, wie kürzlich Charlize Theron. Den viel gescholtenen Fauxpas von Timothée Chalamet, der meinte, dass sich „niemand mehr“ für Oper und Ballett interessiere, konterte sie mit der Aussage, dass die KI in zehn Jahren wohl gut und gern den Job des Oscar-nominierten Chalamet übernehmen werde – Live-Ballett-Aufführungen hingegen aber nie ersetzen könne. 

Ein witziger Schlagabtausch, aber in Wahrheit fürchten Schauspieler tatsächlich um ihre Jobs. Bei den großen Streiks der Drehbuchautoren- und der Schauspielergewerkschaft 2023 waren künstlich erzeugte Medieninhalte bereits großes Thema. Scripts können synthetisch erfunden werden, und selbst für Statisten ist die Situation bedrohlich: Die Studios verfolgten die Idee, deren Gesichter zu scannen und diese Scans ohne weitere Tantiemen für andere Produktionen einzusetzen. Letztlich einigte man sich auf einen Deal, dass die Schauspieler in Zukunft zustimmen müssen, wenn ihr KI-Abbild verwendet wird und sie dafür entlohnt werden. 

KI-Schauspielerin Tilly Norwood

Süß, aber nicht echt: KI-Schauspielerin Tilly Norwood

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Tilly Norwood, der KI-Star

Aber auch jenen im Rampenlicht droht Gefahr. Schon einmal von Tilly Norwood gehört? Sie gilt als weltweit erste von einer KI generierte Schauspielerin. Vorgestellt wurde sie 2025 beim Züricher Filmfestival. „Oh mein Gott, wir sind verloren“, reagierte Filmstar Emily Blunt darauf. In Video-Sketches versprüht Norwood Girl-Next-Door-Vibes, und diesen März präsentierte sie auch noch ihren ersten Song „Take the Lead“

Wenn sie darin „Ich bin nur ein Werkzeug, aber ich habe ein Leben“ trällert, ist das die direkte Antwort auf die Kritik, welche die Figur ausgelöst hat. Die Produktion, der Text, die Musik, die Sängerin sowieso – alles daran ist von der KI. Das Ergebnis ist nicht perfekt, aber zumindest erstaunlich. Tilly sei „kein Ersatz für einen Menschen, sondern ein kreatives Werk – ein Kunstwerk“, erklärt ihre Erfinderin Eline van der Velden, und dass sie menschliche Darsteller nicht verdrängen wolle. Jedoch verfolgt sie mit dem Projekt große kommerzielle Pläne: Mit „Tillyverse“ baut sie eine ganze Entertainment-Welt auf, in der sie Tillys Videos und Musik teilt, und ihre Produktionsfirma Xicoia soll noch weitere fiktive KI-Stars hervorbringen – angetrieben von Mark Whelan, ehemals Social-Media-Strategist von Amazon Prime Video.

KI spart Kosten

Netflix setzt KI für Drehplanung, Schnitt oder Effekte ein und um schneller und günstiger zu produzieren. Auch Regie-Star Darren Aronofsky („Black Swan“) spielt damit und stellte die YouTube-Mini-Serie „On This Day ...1776“ über die US-Revolution her . Und Ben Affleck leitet mit InterPositive eine KI-Firma, die sich auf Tools für die Postproduktion konzentriert. 

Alles scheint derzeit möglich – das zeigte schon der Clip, in dem Brad Pitt und Tom Cruise sich kürzlich täuschend echt einen Faustkampf liefern – gemacht mit dem KI-Modell Seedance 2.0 des chinesischen TikTok-Eigentümers ByteDance. Hollywood reagierte schockiert. Und Disney geht wegen Urheberrechtsverletzungen dagegen vor. Wie all das weitergeht? Drehbuchautor Rhett Reese („Deadpool & Wolverine“) schwant Böses: „Ich sage es nicht gerne. Aber es ist wahrscheinlich vorbei mit uns.“

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schrieb für 110%, das Sport- und Lifestyle-Magazin von Die Presse. Seit 2020 Redakteur der KURIER Freizeit mit Reportagen, Kolumnen, Texten zu Kultur, Gesellschaft, Stil, Reise und mehr. Hunderte Interviews, von Beyoncé und Quentin Tarantino über Woody Allen und Hugh Grant bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio sowie in der deutschsprachigen Kulturszene. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Liebt Kino, Literatur und Haselnusseis.

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