„So good, so good!“ – Warum im Stadion plötzlich alle mitsingen
Wer ins Stadion geht, singt plötzlich mit – selbst wenn er sonst nie eine Note trifft. Musiksoziologe Arno Kramer erklärt das Phänomen des kollektiven Gesangs.
Selbst Menschen, die sonst nicht gerne singen, stimmen im Stadion plötzlich in Hymnen wie Neil Diamonds „Sweet Caroline“ oder die inoffizielle Hymne der Republik „I Am from Austria“ ein. Das Phänomen verwandelt Einzelpersonen in einen emotional aufgeladenen Chor.
Dass auch Trainer zum Singen zu bewegen sind, machte Thomas Tuchel salonfähig. Der deutsche Nationalcoach von England erklärte: Sollte seine Mannschaft am 19. Juli um den größten Titel im Weltfußball kämpfen, wäre für ihn der Moment gekommen, „God Save The King“ anzustimmen.
Die Frage ist: Warum funktioniert das – und was macht eine Hymne zur Hymne?
Arno Kramer, Musiksoziologe, hat sich intensiv mit Fangesängen beschäftigt. Aufgewachsen mit Eintracht Frankfurt, zog es ihn schon als Kind ins Stadion – und die Atmosphäre ließ ihn nicht mehr los. „Mich hat immer fasziniert, wie es dazu kommen kann, dass sich am Wochenende Zehntausende von Leuten versammeln, die größtenteils keine musikalische Ausbildung haben – und trotzdem alle synchron singen und klatschen“, sagt Kramer, der seine Masterarbeit an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien dem Thema widmet.
Emotionen raus, Alltag weg
Das Stadion, so Kramer, ist ein Ort des Ausbruchs aus dem alltäglichen Leben. „Man kann sich dort so geben, wie man sich sonst im Alltag nicht geben kann. Man kann Emotionen freien Lauf lassen – von Trauer über Wut bis Freude.“ Der Gesang katalysiert diese Gefühle, spendet Trost nach Niederlagen oder pusht die Aggression vor dem Anpfiff. „Das Stadion bietet einen Raum, um Dinge zu tun, die man sonst nicht tun würde – auch mal, um jemanden zu beleidigen oder richtig loszulassen.“
Auf Nationalmannschaftsebene kommt noch etwas hinzu: der patriotische Aspekt. „Viele Menschen suchen nach Gemeinschaft“, erklärt Kramer. „Für die einen ist es der Lokalpatriotismus, die Bindung an den Verein. Für andere ist es die Nation. Durch den Gesang manifestiert sich diese Gemeinschaft.“ Ein Konzept, das Geografen als „Place-Based Identity“ bezeichnen – die Identifikation mit einem Ort, einer Stadt, einem Land.
Das Rezept für eine Hymne? Gibt's nicht.
Was aber macht einen Song zur Stadionhymne? „Eine eingängige, bekannte Melodie, ein einfacher Text und vor allem: wiederholende Elemente wie 'So good, so good' oder 'Oh, oh, oh'“, sagt Kramer. „Das muss jeder mitsingen können, auch wenn man zum ersten Mal im Stadion ist.“ Doch ein fixes Rezept gibt es nicht. „Wie eine Hymne entsteht, ist immer dem Zufall überlassen. Meistens gibt es ein positives Erlebnis – einen Sieg, einen Titel –, das sich mit dem Song verbindet.“
Interessant: Im Vergleich zur Vereinsebene ist der Text bei Nationalmannschaften oft nebensächlich. „Es geht mehr um die Zwischentöne, um das, was man summen, schreien oder rufen kann“, so Kramer. Einfach mitsingen, egal ob bei Major Tom oder Sweet Caroline.
70 Prozent Atmosphäre, 30 Prozent Fußball
Auch Kramer selbst singt mit – zumindest bei Eintracht-Spielen. „Für mich gehört das zum Stadionerlebnis dazu. Wenn ich mich nur für den Fußball interessieren würde, könnte ich auch von zu Hause schauen.“ Seine Gewichtung: 70 Prozent Atmosphäre, 30 Prozent Fußball.
Und die Mannschaft? Pusht der Gesang tatsächlich die Spieler? „Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür“, räumt Kramer ein. „Aber wenn man selbst angefeuert wird, ist das ein Push. Auf Profi-Niveau kann schon ein Prozent mehr Energie entscheidend sein – die letzten zwei Meter, die ein Spieler mehr läuft.“ Allerdings: Der Gesang baut auch Druck auf. „Ob der in positive Energie umgewandelt wird oder erdrückend wirkt, hängt von den Spielern ab.“
Ritual und Gemeinschaft
Bleibt noch der rituelle Aspekt. „Besonders bei Länderspielen ist der Gesang stark ritualisiert“, sagt Kramer. „Man kommt zusammen, singt die Nationalhymne, patriotische Lieder. Dieser Ritualaspekt ist sowohl auf Vereins- als auch auf Nationalmannschaftsebene enorm wichtig.“
Am Ende ist es vielleicht genau das: das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Auch wenn man sonst nie singt. Auch wenn der Text egal ist. Hauptsache, man ist dabei und stimmt im kollektiven Gesang mit an.
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