Ein junger Mann jongliert vor der Silhouette des Zuckerhuts in Rio de Janeiro einen Fußball mit dem Kopf.
Wählen Sie KURIER als bevorzugte Google-Quelle

Straßenfußball: Orte und Menschen, die das Spiel lebendig halten

Fußball schwankt zwischen Glamour und staubigem Untergrund. Zwei neue Bücher zeigen legendäre Momente und wo der wahre Sport lebt.

Die WM rollt und mit ihr der Dollar. Doch der wahrhaftige Fußball entsteht selten dort, wo dynamische Ticketpreise den Stadionbesuch in astronomische Höhen katapultieren oder die – natürlich nur rein auf die Bedürfnisse der Spieler ausgerichteten – Trinkpausen das Spiel bremsen.

Er lebt oft auf staubigen Plätzen, zwischen Häuserzeilen und provisorischen Toren. Überall dort, wo Kinder dem Ball hinterherjagen, für ein paar Minuten in die Rollen ihrer Idole schlüpfen und eine Jubelpose fürs imaginäre Stadionpublikum hinlegen.

Fußball kann dabei Grenzen einreißen. Es ist ein Spiel für Reich und Arm, die Herkunft spielt auf dem Platz im Idealfall keine Rolle. Hauptsache, der Ball rollt. 

Die Wurzeln des Fußballs

Genau diese Wurzeln hat der Fotograf Sam Robles für den Bildband „Football Roots: The Spirit of the Game“ (Assouline) gesucht. Zehn Jahre lang reiste er durch 18 Länder – von Brasilien und Ghana über Marokko bis nach Süditalien –, um den ursprünglichsten Ausdruck des Sports festzuhalten. Perfekt getrimmter Rasen muss nicht sein. Ein staubiger Untergrund, eine freie Fläche zwischen Häusern reichen auch.

Robles kennt diese Welt aus eigener Erfahrung: In den 1980ern in São Paulo geboren, spielte er – wie er im Vorwort schreibt – selbst auf der Straße. „Spaß war das einzige Versprechen, das zählte.“ Beim Beobachten der Kinder merkte er, worum es im Kern geht: „Die Art, wie sie sich bewegen, wirkt instinktiv und doch präzise. Manchmal trägt die Haltung eines rennenden Jungen mehr Anmut in sich als die eines Spitzenathleten. Es ist eine einfache Bewegung, untrainiert, aber voller Absicht. Niemand kalkuliert irgendetwas.“

Raus aus der Armut

Manchmal wird aus dem Straßenkicker ein Profi. Der frühere ÖFB-Nationalspieler Ümit Korkmaz etwa lernte das Kicken im Wiener Fußballkäfig. Zinédine Zidane machte auf den Betonplätzen einer Großsiedlung in Marseille mit seinem Talent schnell von sich reden. Pelé spielte als Bub in Straßenmannschaften. Eine davon trug den Spitznamen „die Schuhlosen“, weil viele Kinder sich keine richtigen Schuhe leisten konnten. Und Diego Maradona zeigte sein Können auf den staubigen Plätzen am Rand von Buenos Aires und schoss sich von dort aus dem Elendsviertel in die Fußballgeschichte.

Diese Spieler sorgten wiederum für eine Menge bemerkenswerter Momente, in denen Fußball endgültig zum großen Geschäft wurde. Pelé landete am 10. Juni 1975 in New York und unterschieb bei den New York Cosmos einen Dreijahresvertrag in der neuen North American Soccer League. So lukrativ, dass er damit zum bestbezahlten Spieler der Welt aufstieg. Bei seiner ersten Pressekonferenz sagte er den Satz, der klang wie aus einem Western: „Ihr könnt nun der Welt verkünden, dass der Fußball endlich in den Vereinigten Staaten angekommen ist.“ So schnell ging’s dann doch nicht. Bis sich die USA halbwegs flächendeckend für „Soccer“ erwärmen konnten, verging noch Zeit.

Pelé hält auf einem Fußballfeld eine US-amerikanische Flagge in die Höhe.

Mit seinem Vertrag bei den New York Cosmos im Jahr 1975 machte Pelé den „Soccer“ in den USA ein Stück bekannter.

©Focus on Sport/Getty Images/Assouline

Pelés Gastspiel lieferte aber Bilder für die Ewigkeit: der Superstar vor jubelnden Rängen, Pelé mit US-Flagge am Spielfeld. Die Kameras waren natürlich dabei. Solche ikonischen Aufnahmen finden sich im Pracht-Band Impossible Collection: Football“ (Assouline).

Weil Fußballgeschichte gerne mit großen Auftritten beginnt, gehört auch der 5. Juli 1984 in diese Kategorie: Diego Maradona kam in Neapel an, 70.000 Menschen bereiteten ihm einen ohrenbetäubenden Empfang. Die Euphorie war nicht umsonst. Maradona führte den SSC Napoli zum ersten Meistertitel. Bis heute ist er in der Stadt allgegenwärtig.

Enge Gasse mit vielen Fußballfahnen und Maradona-Bannern, überfüllt mit Menschen.

Diego Maradona ist in Neapel heute noch beinahe heilig.

©Boogie /Assouline

Ein paar Jahre später sollte sich in Europa der Fußball grundlegend wandeln. Am 15. August 1992 beschlossen die Bosse der fünf mächtigsten englischen Klubs, den Sport neu aufzustellen: eine Eliteklasse an der Spitze der Liga, dazu ein hoch dotierter TV-Vertrag.

Von der Elite zum Staub

Kurz darauf wurde aus dem Europapokal die Champions League. Seitdem ist der Ruf nach noch mehr „Elite“ nie ganz verstummt. Vielleicht täte da ab und zu eine kleine Rückbesinnung gut: weniger Glamour, mehr Staub.

Eine Gruppe von Fußballspielern der Premier League posiert vor einem Werbebanner, während ein Mann auf einer Leiter steht und ein Löwe davor sitzt.

England definierte  1992 mit Gründung einer Eliteklasse den Fußball neu

©Getty Images Assouline
Buchtipps

Buchtipps

  • Sam Robles: Football Roots. The Spirit of the Game,  308 Seiten, englische Sprache, Assouline, ca.120 Euro 
  • Football: The Impossible Collection, 236 Seiten, englische Sprache, Assouline, ca. 1.400 €   

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was schön ist und Spaß macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.

Kommentare