Frauenpower für Hollywoods Helden: Was Stuntfrauen stemmen
Matt Damons weibliches Double im Film „Die Odyssee“ begeistert die Zuseher. Eine Wiener Kollegin erklärt, mit welchen Vorurteilen sie zu kämpfen hat und warum starke Vorbilder gerade jetzt relevant sind.
„Vorwärts!“, ruft Matt Damon als Odysseus in der neuen „Odyssee“-Verfilmung seinen griechischen Kämpfern zu, bevor sie den Kampf gegen die Laistrygonen antreten.
Millionen von Menschen haben diese Kampfszene bereits verfolgt. Allein in den ersten drei Wochen hat der Film umgerechnet 956 Millionen Euro an den Kinokassen eingespielt. Ein Rekord für Regisseur Christopher Nolan.
Doch auf dem Filmplakat, das genau diese Szene zeigt – einen muskulösen Odysseus von hinten, vor dem sich die menschenfressenden Riesen aufbauen –, ist in Wahrheit gar nicht Matt Damon zu sehen, sondern sein Stuntdouble. Und dabei handelte es sich, nicht wie man vermuten würde, um einen Mann, sondern um die 35-jährige Kanadierin Devyn Dalton.
Doch kommt es tatsächlich häufig vor, dass eine Frau für einen Mann einspringt? Grundsätzlich sei das eher die Ausnahme, sagt die Wiener Stuntfrau Alyssandra Singh: „Normalerweise werden Doubles sehr genau nach Statur, Gewicht und Bewegungsprofil gecastet, und das entspricht meistens dem gleichen Geschlecht.“
Illusion kreieren
Im Fall der „Odyssee“ nutzte Nolan „eine clevere technische Lösung im Rahmen der Forced-Perspective-Technik“. Singh holt aus: „Für die Illusion, dass die Gegner riesenhaft wirken, hat man Performer mit sehr unterschiedlicher Statur gebraucht.“ Mit ihrem kraftvollen Körper bei einer Größe von 1,37 Meter habe Devyn Dalton für diese eine Einstellung perfekt gepasst.
Dieser Meinung ist auch Matt Damon. Dalton, sagte er unlängst in einem Interview, habe „die besten Arme, die er je gesehen habe“.
Eine Aussage, die Dalton natürlich schmeichelt. „Es ist schön, wenn sich harte Arbeit auszahlt“, sagte sie in einem TV-Interview mit CBC. Doch gleichzeitig sei es auch an der Zeit, dass Stuntdarstellerinnen mehr Aufmerksamkeit bekommen.
Stuntfrauen in Wien und der Welt
Devyn Dalton
Die 35-jährige Kanadierin wurde mit zehn Jahren von einem Talente-Scout entdeckt und hat inzwischen mehr als 80 Stunt- und Schauspielrollen vorzuweisen.
Monique Ganderton
Die Kanadierin hat in Filmen wie „Resident Evil“ oder „Fantastic Four“ mitgewirkt. Vor elf Jahren wurde sie Marvels erste Stunt-Koordinatorin.
Alyssandra Singh
Die Wiener ist Stunt-Performerin, Schauspielerin und Aerial Silk Artistin. Ihre sportliche Basis legte sie im Kunstturnen bis in den Bundeskader, später spezialisierte sie sich auf Aerial Silk Artistik. Heute verbindet sie diese Fähigkeiten mit ihrer Arbeit vor der Kamera und auf der Bühne, oft auch in Kooperation mit „Fighting for Film“. Zu ihren TV-Produktionen zählen unter anderem „Beasts Like Us“, „Die Toten von Salzburg – Die letzte Reise“, „Herzklang – Zurück zu mir“und „Alpentod – im ewigen Eis“. Zuletzt war sie an der Wiener Staatsoper in „The Tempest“ als Stunt Double im Einsatz.
Und eine Aussage, die gleich aus mehreren Gründen relevant ist. Zunächst sind Stuntdoubles seit jeher die stillen Held(inn)en des Filmgeschäfts. Durch Kameraführung, optische Täuschung und schnelle Schnitte wollen Filmemacher die Illusion aufrechterhalten, dass die Hauptfigur selbst die gefährlichen Kunststücke absolviert. Dadurch bekommen Stuntdoubles im Allgemeinen oft nicht die Anerkennung, die ihnen gebührt.
Doch Stunt-Performerinnen kommen weitere Hindernisse in die Quere. Einerseits gibt es ein branchenspezifisches Ungleichgewicht, erklärt Alyssandra Singh: „Schauspieler bekommen oft mehr Stuntszenen als Schauspielerinnen. Dementsprechend werden mehr Männer als Stuntdoubles angefragt.“
Dazu kommen veraltete Geschlechterklischees. „Als Stuntdouble fällt man ja ständig“, sagte die US-Stunt-Koordinatorin Monique Ganderton zum Business-Insider. „Aber als Frau fällt man vor allem in Röcken. Wenn ich in die Kostümabteilung gehe (Ganderton ist Marvels erste Stunt-Koordinatorin, Anm.), dann sage ich meistens: Keine Röcke! Wir verwenden jetzt Hosen.“ Sie wünscht sich berufliche Anerkennung statt körperlicher Objektivierung.
Wie stark auf Frauen in Hollywood auch weiterhin der Druck lastet, möglichst schmal und zierlich zu sein, zeigt sich noch einmal deutlicher seit der Einführung der Abnehmmedikamente. Wiederholt äußerten Fans in sozialen Medien zuletzt ihre Sorge über die magere Statur von Stars wie Ariana Grande oder Olivia Wilde.
Doch auch wenn die Sorgen legitim sind: Der prüfende Blick der Öffentlichkeit erhöht den Druck auf Frauen einmal mehr. Im August gab Ariana Grande bekannt, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.
Feminin und kräftig
Muskelkraft wurde lange Zeit vor allem männlich wahrgenommen. Noch 2021 ergab eine Studie der University of British Columbia, dass Frauen mit stark muskulösem Körperbau als Personen mit eher stereotypisch männlichen Persönlichkeitsmerkmalen wahrgenommen wurden.
Noch heute wird Singh aufgrund ihrer femininen Statur oft unterschätzt: „Wenn mich die Zuseher dann live performen oder im Kino Action-Szenen von mir sehen, ist das Erstaunen oft groß.“
Und so ist Singh dankbar für die aktuelle Debatte: „Die öffentliche Anerkennung von Stunt-Performerinnen wie Devyn Dalton, Debbie Evans (doubelte für Michelle Rodriguez in “The Fast and The Furious„, Anm.) oder Reshma Pathan (Bollywoods erste Stuntfrau) zeigt, zu was Frauen körperlich fähig sind.“
Die Veränderung, wenn auch langsam, geht für Singh damit in die richtige Richtung: „Immer mehr Action-Rollen werden mit Frauen besetzt.“ Dazu kommen Vorbilder abseits von Hollywood: Athletinnen wie Serena Williams, Ilona Maher und Simone Biles zeigen eine kraftvolle Weiblichkeit.
Unterdessen steht Devyn Dalton in Neuseeland wieder vor der Kamera. Bleibt abzuwarten, ob sie beim nächsten Filmplakat zu erkennen ist.
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