100 Jahre "Fiesta": der erste Roman von Ernest Hemingway
Ernest Hemingways Debüt feiert Geburtstag. Sein Stil wirkt auch heute noch nach. In Büchern, in Filmen, in der Popkultur.
Es beginnt nicht mit einem Plot, sondern mit einem Zustand. Paris in den 1920ern, Bars, Gespräche, Alkohol, dieses Gefühl von Freiheit und Leere zugleich. In "The Sun Also Rises" – auf Deutsch "Fiesta" – beschreibt Ernest Hemingway eine Gruppe junger Amerikaner und Briten, die nach dem Ersten Weltkrieg durch Europa treiben. Sie trinken, reisen nach Spanien, sehen Stierkämpfe, verlieben sich – und bleiben doch von allem merkwürdig unberührt.
Es ist die berühmte „Lost Generation“, über die Hemingway schreibt, und zu der er selbst gehört. Gertrude Stein, die Frau für markante Formulierungen („Eine Rose ist eine Rose ist ...“), soll den Ausdruck geprägt haben. Eine Generation ohne klare Richtung, desillusioniert vom Krieg, aber noch nicht bereit, sich neu zu erfinden. Hemingway macht daraus keinen großen Roman über Sinnsuche. Er macht etwas Radikaleres: Er zeigt sie einfach.
Der Stierkampf gehörte zu den großen Leidenschaften Ernest Hemingways. Er hat ihn als junger Mann in Spanien kennengelernt. Und literarisch verewigt.
©REUTERS/SUSANA VERANatürlich fiel Hemingways legendäre Knappheit nicht vom Himmel. Als er in Paris Gertrude Stein begegnete, einer Autorin, die Sprache selbst zum Experiment machte, schärfte ihre radikale Konzentration auf den einzelnen Satz seinen Blick. Sie beeinflusste ihn – auch wenn er daraus etwas völlig Eigenes entwickelte: Wo Stein kreiste, ging Hemingway geradeaus. Aus sprachlicher Avantgarde wurde bei ihm literarische Präzision.
Kampf der Giganten
Ein radikal anderer Ansatz als der seines ewigen Konkurrenten William Faulkner. Wo der schichtet, vielstimmige Geflechte in scheinbar endlos verschachtelten Sätzen ineinanderfließen lässt, kürzt Hemingway und reduziert aufs Nötigste. „Ich weiß beim Lesen eines Buchs von Faulkner genau, wann er seinen zweiten Whiskey getrunken hat“, soll Hemingway gesagt haben.
Während Faulkner Hemingway vorwarf, so einfach zu schreiben, dass dessen Leser nicht einmal ein Wörterbuch aufschlagen müssten. Wer den Kampf der Giganten gewonnen hat? Im Feuilleton, in der Literaturwissenschaft, unter Autoren wohl tendenziell William Faulkner. Werke wie "The Sound and the Fury" oder "Absalom, Absalom!" gelten als intellektuelle Schwergewichte und machten ihn zum Autor für die Ewigkeit und die Seminare.
Im öffentlichen Bewusstsein allerdings, in der Wirkung auf Stil und Popkultur ganz bestimmt Ernest Hemingway. Er ist der prägendere Stilist und eine beinahe überlebensgroße Figur. Der Autor, der das Schreiben an sich verändert hat. Und: Der Mann wurde selbst zum Mythos.
Sogar Skifahren konnte er! Ernest Hemingway bei einer Skitour mit Freunden im Montafon.
©archiv montafon tourismus gmbhUnd "Fiesta" ist in diesem Zusammenhang nicht einfach ein Roman – es ist ein Schlüsseltext. Viele Figuren haben reale Vorbilder aus Hemingways Umfeld. Die Reisen nach Spanien, die Stierkämpfe, die Nächte in Paris – all das hat er selbst erlebt. So wie bei ihm überhaupt Leben und Werk auf eine Weise verschwimmen, dass es später beinahe zum Klischee wird: Kriegskorrespondent, Großwildjäger, Fischer, Boxer, Trinker, Abenteurer – Hemingway lebt, was er schreibt. Oder schreibt, was er lebt.
Dabei ist Hemingways Werk oft viel leiser, verletzlicher, als sein Image vermuten lässt. In "A Farewell to Arms" ("In einem anderen Land") erzählt er von Liebe und Verlust im Krieg, in "For Whom the Bell Tolls" ("Wem die Stunde schlägt") von Moral und Opfer im Spanischen Bürgerkrieg.
Hemingway begann etwa mit 27 Jahren, Leute anzuweisen, ihn „Papa“ zu nennen. Es entsprach seinem Image als Autorität in Literatur, Stierkampf, Jagd und Fischen. Der Autor dieser Zeilen bekam als Jüngling ein "Nicht genügend" für eine Textanalyse auf der Anglistik, weil er sich damals erdreistete, Hemingway "Papa" zu nennen ...
©dpa/APA/DPAUnd dann ist da natürlich noch "The Old Man and the Sea" – die Geschichte eines alten Fischers und seinem Kampf auf hoher See, von allem Beiwerk und Zierrat gereinigt, auf das Nötigste herabgebrochen, und gerade deshalb von enormer Wucht. Für dieses Werk erhielt Hemingway 1954 den Nobelpreis. Es sind Texte übers Durchhalten, über Würde, über das Weitermachen trotz allem.
Themen, die auch in seinem eigenen Leben eine Rolle spielen – bis hin zu seinem Suizid 1961.
Hemingways Nachhall
Seine Bücher wurden in der großen Zeit Hollywoods mit den größten Stars verfilmt, Gary Cooper, Spencer Tracy, Gregory Peck, Burt Lancaster.
Aber auch heute haben etwa Kevin Costners schweigsame Männer, egal ob auf der Dutton-Ranch in Yellowstone oder in einem seiner großen Filme, ihre literarischen Vorbilder in Hemingways ikonischen Romanfiguren. Männer, die im richtigen Moment das tun, was eben zu tun ist. Ob es das Richtige ist, steht nicht zur Debatte.
Sein Stil prägte unzählige Schriftsteller nach ihm. Autoren wie Raymond Carver haben Hemingways Reduktion weitergedacht und daraus einen eigenen Minimalismus entwickelt. Und selbst bei Bret Easton Ellis, der eine völlig andere Welt beschreibt, ist dieser nüchterne, emotionsarme Ton ohne Hemingway kaum denkbar.
Und dann ist da natürlich Cormac McCarthy. Bei ihm wird die Sprache noch karger, fast biblisch – bis er dann, in ausufernden inneren Monologen, Beschreibungen und philosophischen Betrachtungen in absatzlangen Sätzen Hemingways großen Rivalen Faulkner beschwört. Und auf diese Art ihre beiden Welten verbindet.
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