Einsamkeits-Trend: Wenn Alleinsein zum Lifestyle wird
Gemütlich, entspannend, heimelig. „Loneliness“-Influencer verkaufen die Einsamkeit als Lifestyle. Eine Psychotherapeutin erklärt, wann das gefährlich werden kann.
Im Sommer trifft sie einen oft besonders hart. Wenn aus dem Innenhof Kinderlachen hereinschallt, der blaue Himmel ins Schwimmbad lockt und der Social-Media-Feed vor Grillabenden und Urlauben mit Freunden überquillt, ist die eigene Einsamkeit oft doppelt so laut. Und obwohl soziale Medien die Einsamkeit verstärken, greift man gerade dann wieder zum Handy. Anstatt perfekter Urlaubsinszenierungen bleibt man derzeit vielleicht bei ungewöhnlichen Videos hängen.
„Es ist Freitagabend und ich habe keine Freunde, also habe ich beschlossen, ins Kino zu gehen, weil ich nicht allein sein wollte“, sagt die 24-jährige Lana Isa in die Handykamera und nimmt ihre 232.000 Follower mit.
„Welche Einsamkeit?“ steht unterdessen in weißen Buchstaben über dem Instagram-Reel, das die Britin Sarah-Jane Hoadley bei ihrer Wochenendroutine zeigt: selbst gemachtes Abendessen, Schmuseeinheiten mit ihrer Hauskatze und ein Filmabend auf der Couch. Im Gegensatz zu den sonst so idealisierten Darstellungen vieler Instagram-Posts dokumentieren sogenannte „Loneliness-Influencer“ (Einsamkeitsinfluencer) ihren freundlosen Alltag offen und detailgetreu. Mit Kerzenschein und Klaviermusik.
Einsamkeitspandemie
Die Tiroler Psychotherapeutin Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie, beobachtet den Trend mit Vorsicht. Auch in Österreich sind immer mehr Menschen einsam. Laut Statistik Austria fühlen sich acht Prozent der Österreicher häufig und 25 Prozent manchmal einsam. Jugendliche und junge Menschen sind von dem Gefühl besonders betroffen.
Junge Menschen sind besonders von Einsamkeit betroffen.
©Getty Images/Elena Perova/istockphotoWenn jemand durch Loneliness-Influencer Halt und Leichtigkeit findet, ist das für Haid begrüßenswert. „Es ist wichtig, dass Einsamkeit kein Tabuthema ist, weil sich Betroffene sonst aus Scham immer weiter aus der Gesellschaft zurückziehen.“
Und doch müsste man das Phänomen differenziert betrachten. „Wenn Einsamkeit romantisiert wird, kann es zum einem Teufelskreis kommen. Der Rückzug bleibt dann nicht zwischenzeitliche Entwicklung, sondern wird Teil des Selbstbilds.“ Und wird damit zum Dauerzustand. „Aber“, sagt Haid, „Einsamkeit bewusst zu suchen, widerspricht unserem urmenschlichen Bedürfnis nach Zusammen- und Zugehörigkeit.“
Innere Stimme
Sich zeitweise einsam zu fühlen, ist völlig normal. Wichtig ist es jedoch, sich in diesen Momenten zu fragen: Geht es einem damit gut? Ist man alleine, weil man in diesem Moment seine Ruhe möchte oder ist die Situation aufoktroyiert, weil es einem schwerfällt, Verbindungen aufzubauen?
Die Verbindung via Social Media, erinnert Barbara Haid, ist nicht wahrhaftig.
©kurier/Martin StachlDie sozialen Medien können zudem zu einer Verzerrung führen. Loneliness-Influencer zeigen sich in ihrer Einsamkeit zufrieden – und doch sind sie gar nicht vollkommen allein. Zwar befindet sich keine andere Person mit ihnen im Raum und doch nehmen sie das Video im Wissen auf, es später mit Tausenden – wenn auch virtuell – zu teilen.
In einsamen Momenten jedoch lediglich digitale Kontakte zu knüpfen, findet die Psychotherapeutin problematisch. „Die Verbundenheit über soziale Medien ist nicht wahrhaftig. Sie kann direkte Interaktion nie komplett ersetzen.“
Keine geteilte Freude
Die Britin Sarah-Jane Hoadley spricht auf ihrem Profil nicht nur verherrlichend über das Alleinsein. Traurig sei sie allerdings nicht in den schweren Momenten, wie man vielleicht vermuten würde. Diese ist sie gewohnt, alleine zu bewältigen. Vielmehr komme die Einsamkeit in erfolgreichen Augenblicken. Es tut weh, die Freude in dem Moment mit niemandem teilen zu können.
Wenn man also merkt, dass man sich nicht aus eigenem Antrieb, sondern aus Angst oder Vermeidung in die eigenen vier Wände zurückzieht – wie kann man aus diesem Kreislauf ausbrechen?
„Am besten“, sagt Haid, „beginnt man mit kleinen Übungen.“ Etwa: Am Weg in die Arbeit oder bei der U-Bahn-Fahrt bewusst Blickkontakte zu suchen. „Wir Menschen wollen gesehen werden. Bekommen wir einen Blick oder ein Lächeln, stärkt das unsere Zuversicht und unser Sicherheitsgefühl.“
Kleinen Übungen können helfen, das Sicherheitsgefühl zu erhöhen.
©Getty Images/AntonioGuillem/istockphotoIn einem nächsten Schritt hilft es, Alltagsgespräche mit Fremden zu führen: mit dem Kassier an der Supermarktkasse oder der Rezeptionistin im Fitnessstudio. Und noch besser sei es, Orte aufzusuchen, an denen man Gleichgesinnte trifft. „In Tirol organisiert eine Frau beispielsweise jeden zweiten Sonntag ein gemeinsames Spazierengehen. Wer sich einsam fühlt, kann mitkommen.“ Vielleicht macht es einem Freude, die Buchpräsentation der Lieblingsautorin zu besuchen oder sich für den Volkshochschulkurs anzumelden, der schon so lange im Kopf herumgeistert.
„Wer einsam ist“, sagt Haid noch, „verstummt oft.“ Je weniger wir sprechen, desto mehr Überwindung brauchen wir, ein Gespräch zu beginnen. Ein sozialer Kontakt wirkt dann auf einmal nicht mehr freundlich, sondern bedrohlich.
Doch nur weil eine Situation aufregend ist, heißt sie nicht, dass sie nicht richtig ist. Im Gegenteil: „Für den Schritt braucht es Mut.“ Aber wer sich traut, die Wohnung zu verlassen, macht neue Erfahrungen und gibt der Gelegenheit eine Chance. „Das Leben entsteht immer im Gehen.“
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