Christoph Schlingensief im MAK: Alles war persönlich
Christoph Schlingensief wollte nicht provozieren, sondern sichtbar machen. Eine Ausstellung im MAK zeigt sein Werk. Witwe Aino Laberenz über den Künstler, der seiner Zeit voraus war.
Das Jahr 2000. „Big Brother“ ging auf Sendung. Millionen starrten gebannt auf einen Container, beobachteten Menschen beim Wohnen, Streiten, Scheitern. Und sie stimmten darüber ab, wer bleiben darf und wer rausfliegt.
Kurz zuvor formierte sich in Österreich die schwarz-blaue Koalition. Und mitten in diese aufgeheizte Stimmung stellte Christoph Schlingensief bei den Wiener Festwochen einen Container vor die Oper. Drinnen Asylwerber, draußen Kameras, Absperrgitter, neugierige und empörte Passanten. Auch hier durfte abgestimmt werden, wer bleibt und wer „rausfliegt“. Nur dass „raus“ Abschiebung bedeutete. Auf dem Dach ein Banner: „Ausländer raus“.
Bitte liebt Österreich
Die Aktion hieß Bitte liebt Österreich. Sie brachte die Stadt tagelang zum Brodeln: wütende Debatten, blanke Überforderung und Diskussionen darüber, wo Kunst endet und Realität beginnt.
Schlingensief 2000 in Wien bei „Bitte liebt Österreich“ vor der Staatsoper.
©David Baltzer/bildbuehne.deIn seiner Zürcher Hamlet-Inszenierung holte Schlingensief wenig später resozialisierungswillige Neonazis auf die Bühne und zu Straßenaktionen und machte aus Shakespeare ein Stück über rechten Terror, Mitverantwortung und politische Verdrängung. Und wieder viel Aufregung.
Als Provokateur wollte sich der 2010 verstorbene Christoph Schlingensief aber nie verstanden wissen. „Das war ihm zu flach. Er wollte nie um der Provokation willen provozieren“, sagt Aino Laberenz. „Der Container in Wien hat provoziert, weil er solche Themen sichtbar gemacht hat. Und wenn man sich selbst angefasst fühlt und sich mit in der Verantwortung sieht, regt das natürlich auf.“
Laberenz war Schlingensiefs Frau, die Bühnen- und Kostümbildnerin ist für seinen Nachlass verantwortlich. Gemeinsam mit Kurator Raphael Gygax hat sie an der großen Ausstellung „Es ist nicht mehr mein Problem!“ im Wiener MAK gearbeitet, die am 13. Mai eröffnet. Es ist die erste umfassende Einzelausstellung über einen der bekanntesten und zugleich umstrittensten Künstler seiner Zeit in Österreich. Ein Künstler, der die Grenzen zwischen bildender Kunst, Aktionskunst, Film, Theater und Politik sprengte.
Schlingensiefs Kirche der Angst
Gleich beim Eingang steht die Church of Fear. Sie ist eine begehbare Installation, die Schlingensief 2003 erstmals auf der Biennale in Venedig zeigte. Sie entstand nach 9/11, als Reaktion auf eine Welt im Ausnahmezustand und voller Furcht. Der Künstler übersetzte diese Stimmung in eine Glaubensgemeinschaft, in der Angst nicht verdrängt wird, sondern zu der sich offen bekannt wird.
Die Installation „Church of Fear“ 2003 in Venedig.
©David Baltzer/ZENIT/David Baltzer/bildbuehne.de/ZENITAngst als politisches Gefühl, als gesellschaftlicher Zustand – das wirkt auch heute erstaunlich vertraut. Auch Fragen von Inklusion, der Umgang mit Kolonialgeschichte, der Rechtsruck in den 1990er-Jahren: All das griff Schlingensief früh auf, oft lange bevor diese Themen breiter verhandelt wurden. „Er hat immer direkt auf seine Zeit zugegriffen und Dinge ausgesprochen, die andere noch nicht sehen wollten.“ Woher das kam? „Er hatte einen irrsinnigen Drang, Dinge auszusprechen, den Finger in die Wunde zu legen“, sagt Laberenz. „Er war extrem neugierig, breit gefächert. Sein Werk ist immer eine Positionierung zur Gesellschaft.“
Es muss wer machen
In seinen Arbeiten stand für Schlingensief immer auch die Frage im Raum, welche Rolle Kunst überhaupt spielen kann. Eines seiner Vorbilder war Joseph Beuys. Für ihn war Kunst nie von der Gesellschaft getrennt. Laberenz: „Er hat Institutionen genutzt, aber immer mit dem Ziel, in die Gesellschaft zu gehen.“ Schlingensief sagte stets: „Irgendjemand muss es ja machen.“ Und das war sein Antrieb.
Zur Arbeit gehörte bei ihm auch Scheitern: „Fehler in der Gesellschaft, das war für ihn immer ein zentrales Thema“, sagt sie. „Fehler machen zu dürfen, um daraus zu lernen, war ihm extrem wichtig.“ Scheitern sei für ihn kein Makel gewesen, sondern ein Zustand aus dem neue Fragen entstehen. „Scheitern war kohärent in seinem Denken. Auch Fragen wie: Wer ist der Fehler in der Gesellschaft? Das kann man natürlich auch philosophisch weiterdenken.“
Aino Laberenz verwaltet Christoph Schlingensiefs Nachlass.
©EPA/Sebastian Reuter / POOLScheitern als Chance hieß auch ein Film über die Gründung der Kleinpartei Chance 2000, die unter anderem die Unsichtbaren der Gesellschaft sichtbar machen wollte. Dazu verknüpfte sie politische Forderungen mit künstlerischen. Sechs Millionen Arbeitslose sollten im Wolfgangsee baden, um Helmut Kohls Ferienhaus zu überfluten. Es kamen dann 100 Personen.
Zurück zu den Ursprüngen
Das Operndorf Afrika in Burkina Faso, das seit 2009 entsteht, ist ein Projekt, in dem sich Schlingensiefs Werk bündelt. Es entstand gemeinsam mit dem Architekten Francis Kéré. Das Operndorf verbindet Kunst, gemeinschaftliches Leben und nachhaltige Bauweise zu einem Ort des Austauschs. Schon der Titel spiele bewusst mit Erwartungen, sagt Laberenz. „Wir bringen Hochkultur nach Afrika.“ Genau das habe Schlingensief aber nicht gewollt. „Es ist eine Kritik an Entwicklungshilfe, am Verhältnis weißer Europäer zum afrikanischen Kontinent und an Hochkultur.“ Oper sei für ihn immer ein Begriff von Hochkultur gewesen, „den er zugänglicher machen wollte, zurück zu den Ursprüngen“.
Dahinter habe eine Frage gestanden, die sich durch sein gesamtes Werk ziehe: „Was kann Kunst? Kann Kunst heilen?“ Schlingensief habe sich dafür interessiert, dass Musik in der Antike von Ärzten verschrieben wurde. Kunst sollte für ihn nicht etwas sein, „das nur einer kleinen Bubble zugänglich ist“.
Im Operndorf gehe es nicht nur um Aufführungen, sondern um Grundlegendes: „Im Operndorf geht es um Schule, Bildung, Gesundheitsstationen – um gesellschaftliche Grundlagen“, sagt Laberenz, die das Projekt heute weiterführt.
Er war ein sehr unmaskierter Künstler. Er ist immer sehr reingegangen, er hat sich sehr geöffnet und sich nicht hinter einem Text versteckt.
Das Interesse an der Oper war bei ihm stets da. „Christoph war ein extrem musikalischer Mensch. In seinen Inszenierungen spielte Musik immer eine große Rolle. Auch in seinen Filmen: Das fing beim Ton an, ging über Geräusche bis hin zum Rhythmus“, sagt die Nachlassverwalterin. „Er hatte großen Respekt vor Institutionen wie Oper, Museum oder Theater. Er ist da nicht einfach drübergefahren, sondern sehr respektvoll mit Menschen und Werken umgegangen.“
Der Parsifal in Bayreuth
Und dann kam Bayreuth. Parsifal. Als Schlingensief hier 2004 inszenierte, war der Widerstand nicht weniger Wagnerianer groß. Zu viel Körper, zu viel Gegenwart, zu wenig Ehrfurcht. Das Feuilleton war hingegen begeistert. Später folgte der Fliegende Holländer in Manaus, in der berühmten Oper im brasilianischen Urwald.
Im brasilianischen Manaus inszenierte Schlingensief 2007 Wagners „Der fliegende Holländer.
©Aino Laberenz„Bayreuth, Wagner, die Familie – das war eine extrem heftige Zeit“, sagt Laberenz. „Dieses Heilige der Hochkultur, Bayreuth, das war ein enormer Widerstand für ihn.“ Es habe viel Abwehr gegeben, auch gegenüber den Vorstellungen davon, wie „richtige“ Regie zu funktionieren habe. Solche Kategorien begleiteten ihn sein ganzes Leben lang. Immer wieder habe er gehört: Du bist kein richtiger Regisseur. „Er war ein sehr unmaskierter, unverstellter Künstler. Er ist immer sehr reingegangen, er hat sich sehr geöffnet und sich nicht hinter einem Text versteckt. Kritik hat ihn getroffen, weil alles persönlich war“, sagt Laberenz.
Diese Offenheit prägte auch sein spätes Werk. Der Krebs, der 2008 bei ihm diagnostiziert wurde, kam zu der Zeit, als er in Bayreuth inszenierte, wurde oft berichtet.
Tod als Teil der Kunst
Seinen nahenden Tod machte er zum Teil seiner Kunst. Er inszenierte mit Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir ein Fluxus-Oratorium. „Christoph setzte sich immer mit den Grundsätzen der menschlichen Existenz und mit Tabus auseinander: Krankheit, Tod und die Angst davor. Das war nichts, was erst dann in der Arbeit aufgetaucht ist.“ Natürlich sei die Krankheit ein großer Einschnitt gewesen. „Aber wenn man sein Werk so betrachtet, liegt es fast auf der Hand, dass er über seine Urängste gesprochen hat , die in dem Moment sehr real waren.“
Dass er das so offen tat, löste – wie so oft bei ihm – negative wie positive Reaktionen aus. Mit So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein! schrieb Schlingensief das Tagebuch zu seiner Krebserkrankung. „Es gibt bis heute Menschen, für die dieses Tagebuch extrem wichtig ist“, sagt Laberenz. „Weil dort jemand öffentlich über Ängste sprach. Das half Betroffenen und Angehörigen, zu begreifen, was in einem solchen Moment geschieht – die Angst, die Wut und das Gefühl, diese Welt verlassen zu müssen.“
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